Was für eine Frage …

Ist denn Gott ungerecht? Was für eine Frage, lieber Paulus! Gerecht oder ungerecht, das wissen wir ja nicht einmal unter uns, wie sollen wir da wissen, ob Gott gerecht oder ungerecht ist.

Ist das denn gerecht, was Jesus uns im Gleichnis aus dem Matthäusevangelium zumutet, dass der, der nur eine Stunde gearbeitet hat den gleichen Lohn erhält, wie die, die seit den frühen Morgenstunden schuften? Andererseits: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – diese Forderung erscheint gerecht. Auch die Forderung nach einem Mindestlohn, damit Menschen von ihrer Arbeit leben können. Das war übrigens auch der Verdienst eines Tageslöhners, ein – wenn auch geringer – Mindestlohn, mit dem ich durch die Arbeit eines Tages den Lebensunterhalt eines Tages verdienen konnte. Und doch sagen viele: ungerecht, weil viel zu niedrig. Andere aber sagen Mindestlohn ist ungerecht, weil Arbeitsplätze verloren gehen und Arbeitslosigkeit die größere Ungerechtigkeit gegenüber Dumpinglöhnen wäre. Also was ist gerecht?

Oder ist es gerecht, wie Paulus schreibt, dass alle in Kampfbahn laufen, aber nur einer gewinnen kann. Es gehört schon viel Idealismus dazu, zu sagen: „dabei sein ist alles!“ Denn natürlich möchte jeder auch gewinnen. Und dann wird auch schon mal geschummelt, nachgeholfen, der Körper ein bisschen aufgeputscht, denn mit einem Sieg zur rechten Zeit am rechten Ort lässt sich womöglich gutes Geld verdienen – quasi als Ausgleich für die jahrelange Schinderei. Einige sportliche Höhepunkte erwarten uns ja in diesem Jahr: Fußball-EM und olympische Spiele. Was heißt da gerecht und ungerecht, wenn am Ende nur einer oben steht und die anderen dumm aus der Wäsche gucken müssen oder nicht jeder, der schummelt, erwischt statt zu Hause bejubelt wird?

Ist es gerecht, wie zur Zeit temperamentvoll diskutiert, dass bei jungen Gewalttätern die Strafe unmittelbar auf die Tat folgt, sie zur Abschreckung als Warnschuss weggesperrt gehören, oder ihre Aggression in Sibirien ausleben sollen, um wieder gesellschaftsfähig zu werden oder ist es gerechtfertigt, sie dafür verantwortlich zu machen, dass sie aufgrund ihrer Herkunft schlechtere Bildung und damit schlechtere Chancen hatten oder Eltern nicht die Kraft oder Möglichkeit fanden, ihre Kinder in die Gesellschaft zu integrieren und Werte zu vermitteln.

Oder ist es nicht vielmehr ungerecht, dass gerade im Bereich Kinder, Jugend und Bildung immer mehr finanzielle Mittel gestrichen werden, statt verstärkt in diese Zukunft unseres Landes und unserer Gesellschaft zu investieren. Die Gesellschaft streitet heftig, was hier richtig oder falsch ist.

Und schließlich: geht es im Leben denn gerecht zu? Mit 19 den Tod im Straßengraben zu finden oder mit 40 und noch kleinen Kindern an Krebs zu sterben – was ist da gerecht oder ungerecht.

Die Frage nach Gottes Gerechtigkeit stellt sich nicht erst nach der Tsunami Katastrophe Weihnachten 2005, sondern schon so lange, wie nach Gott gefragt wird.

Ja, diese Zeit, die mit dem heutigen Sonntag beginnt, die Vorpassionszeit und Passionszeit sensibilisiert ja geradezu für diese vielen Situationen, wo Menschen am Leben, an der Welt oder an Gott zu verzweifeln drohen. Der Weg Jesu vom Berg der Verklärung am letzten Sonntag hinab an das Kreuz von Golgatha durch die tiefen dunklen Täler des Verrates, der Einsamkeit und körperlichen Gewalt, der schreit geradezu vor Ungerechtigkeit. Und dann stellt sich immer wieder diese hartnäckige Frage: ist Gott ungerecht? Provoziert die Frage des Apostels noch automatisch Widerspruch – nein, natürlich nicht, – so lässt das Leben oft durchblicken: irgendwie doch, das Leben und damit Gott ist ungerecht.

Paulus schreibt in einem ganz konkreten Konflikt und will ihn ausdiskutieren. Aus der Trauer darüber, dass nicht alle Kinder Israels in Jesus den verheißenen und erwarteten Messias sehen, geht er der Frage nach, ob denn diese nun von Gott vergessen und verstoßen sein werden, obwohl sie doch Kinder seines Volkes sind.. Und nach den Verbrechen am jüdischen Volk im Holocaust dürfen wir das erst recht nicht mehr denken.

Aber hinter diesem Konflikt in einer konkreten Situation verbirgt sich eine grundlegende Frage, der kein denkender und glaubender Christ ausweichen kann. Ist Gott ungerecht?

Anders als wir, die wir da oft an unsere Erklärungsgrenzen stoßen, gibt Paulus eine Antwort auf seine eigene Frage.

– es liegt nicht an unserem Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen – also: alles allein seine Entscheidung!

– wer bist du denn Mensch, dass du mit Gott richtest, ein Klumpen Ton in der Hand des Töpfers. Einer wird zu einem wertvollen, ein anderer zu einem verachteten Gegenstand.

Da müssen wir erst einmal schlucken!

Diese Antwort scheint mindestens genauso wie schon die Frage eine Zumutung zu sein. Denn zu sagen: Gott hat andere Maßstäbe und uns steht ein Urteil schon gar nicht zu, beantwortet noch lange nicht dieses bohrende Drängen in uns, verstehen zu wollen, was mit uns und um uns herum passiert, mit welcher Absicht und welchem Zweck, also wozu Menschen leiden, ihnen Ungerechtigkeit und Schmerz widerfährt.

Aber hat er nicht letztlich recht: Können wir Gott denn an unseren Maßstäben messen? Vor allem fehlt uns doch wohl die Einsicht und der Überblick, wozu Dinge geschehen und wohin sie uns und unser Leben führen, selbst wenn wir immer mehr Geheimnisse des Lebens und der Welt lüften und begreifen und all zu oft dann verändern, ohne die Folgen absehen zu können.

Wir maßen uns als Menschen oft an, den Platz Gottes einzunehmen. Aber am Ende kann es ausgehen wie in dem Hollywoodstreifen „Bruce Allmächtig“, dass das Chaos ausbricht, wenn wir wirklich einmal nur einen Tag komplett für Gott einspringen müssten.

Ich möchte mir nur das Fragen nach Gottes Weg und Gottes Willen nicht nehmen lassen. Deswegen ist es mir wichtig genau hin zuhören mit welchem Ton Paulus von Gott spricht. Wenn er mundtot machen wollte, dann würde ich Einspruch erheben. Aber mit dem Wochenspruch heißt es ja gerade: Wir liegen vor dir mit unserem Gebet.

Und das heißt für mich auch: ich darf Gott bedrängen mit meinen Fragen, meinen Zweifeln, meinen Ängsten, meinen Schmerzen und meiner Trauer, ich darf nicht nur mich vor seine Füße legen. Ich darf ihm auch alles, was ich nicht verstehe, womit ich aber leben muss, vor die Füße werfen und dann auf seine Gerechtigkeit und sein Erbarmen vertrauen.

Gott ist der ganz andere. Er ist auch der ganz fremde. Er ist mehr als ich denken und begreifen kann. Ich kann ihn nicht zu einer kleinen Kuschelpuppe und einem Tröster für die dunkle Nacht machen, so wie ich einen als Kind hatte. Aber ich darf mit ihm reden, ich darf mein Vertrauen an ihn verschwenden und erfahren, dass das anders als bei manchen Menschen kein unkalkulierbares Risiko ist.

Genau das ist es nämlich, was Paulus in seinen Überlegungen aufgeht: Gottes Plan ist Erbarmen.

Jesus ist nicht nur Kind des Gottesvolkes, sondern der Weg für alle Völker dieser Welt zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – weil Gott sich der ganzen Welt erbarmen wollte und am Ende erbarmen wird.

Wir dürfen teilhaben an diesem Glauben und dieser Hoffnung, weil die Botschaft von Jesus Christus sich über alle Straßen der Welt ausgebreitet und nicht an den Grenzen des kleinen und bleibenden Gottesvolkes halt macht.

Ich werde auch in Zukunft nicht alles verstehen, aber ich darf Gott an seine Barmherzigkeit erinnern und seine Gerechtigkeit erhoffen. Der Weg Jesu, den wir jetzt in der beginnenden Passionszeit nachgehen ist ein Leidensweg, aber er endet ja nicht im Tod, sondern am Ostermorgen im Lichte neuen unvergänglichen Lebens. Da leuchtet Gottes Barmherzigkeit und seine Gerechtigkeit endgültig auf. Jesus ist zu seinem Recht gekommen. Und ich will nicht müde werden zu glauben, zu hoffen und davon zu erzählen, dass am Ende aller Fragen durch Gottes Barmherzigkeit auch uns in diesem Licht Recht widerfahren und Leben geschenkt wird.

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