Von Edelporzellan und Kloschüsseln und dem bedeutensten Untergeher der Weltgeschichte

Liebe Gemeinde!

Wo es Licht gibt, gibt´s auch Schatten. In einer Welt, in der es nichts Schlechtes gibt, will ich nicht leben. Da könnte ich ja nicht mal das Gute als Gutes erkennen. Ich könnte nicht glücklich sein. Glück ist doch die Freude darüber, dass etwas wunderbar ist, obwohl es auch schlecht sein könnte.

So etwas kann man sagen, weil man keine Ahnung hat, was Unglück bedeutet.

Oder man kann es sagen, weil man Viel vom Leben erfahren hat, weil man schätzen gelernt hat, dass Leben, dass Glück nichts Selbstverständliches ist, auf das man Ansprüche hat. Weil man gelernt hat, dass Glück, Leben, Gesundheit immer wieder ein Wunder sind, so wie es ein Wunder ist, dass in diesem Universum überhaupt Leben entstanden ist. In der ganzen Weite des Alls, soweit wir sie bisher erkunden konnten, ist das Leben hier auf der Erde einzigartig. Das irdische Leben scheint die große Ausnahme zu sein. Der Rest des Alls scheint tot zu sein. Tod als Normalzustand. Leben als die große Ausnahme.

Wer schon etwas gesehen hat von der Welt, wer schon etwas erlebt hat, erkennt nicht nur beim Blick ins tot All, dass Glück und Leben alles andere als selbstverständlich sind:

Gestern waren wir noch eine ganz normale Familie. Heute liegt die Ehefrau und Mutter tot im Bett – über Nacht mit knapp 40 Jahren. – Nun, Sie kennen Ihre eigenen Beispiele.

Man kann schreien über solche Ungerechtigkeit, sich von der Wut zerfressen lassen. Oder man kann eben zu der Einsicht kommen, dass das Glück bisher keine Selbstverständlichkeit, kein Rechtsanspruch war, sondern Geschenk. „Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?“

Hat Paulus recht, wenn er durchblicken lässt, dass wir Menschen Schlechtes, Krankheit und Tod sehen müssen, um das Gute schätzen zu können?

Was denken Sie darüber? Was sagt Ihre eigene Erfahrung?

Mir geht es so, dass ich mir wünschte, es bräuchte nicht die Erfahrung des Schlechten, um Gutes als Gutes zu erkennen. Ich wünschte mir eine Welt ohne Leid, Tod und Ungerechtigkeit.

Aber wenn ich mir Zeit nehme, um ganz ehrlich mit mir zu sein, dann merke ich, dass ich den Tod im Bewusstsein brauche, um mein Leben sinnvoll zu gestalten.

Wenn ich mir an anderen bewusst mache, dass ich schon zehn Jahre tot sein könnte, wenn damals nicht noch 20 cm zwischen mir und dem LKW gewesen wären, als ich mit dem Fahrrad das Gleichgewicht verlor und auf die Straße kippte.

Wenn ich daran denke, dass ich morgen tot sein könnte, wie jene Frau, von der ich anfangs erzählte.

Dann lebe ich anders, bewusster, lebendiger.

Wenn ich mich daran erinnere, wie ich im Studium ausgebrannt und völlig leer vor Arbeit und dem Gefühl eingesperrt zu sein in eine viel zu enge Welt, nachts losging, immer weiter ins Dunkel hinein, bis ich zusammenbrach, körperlich und seelisch. Mein einziger Wunsch war, es gäbe einen Knopf, mit dem ich mich einfach ausschalten könnte.

Wenn ich mich an das Gefühl erinnere, nachts, allein am Bahnsteig eines Wiener S-Bahnhofs. Während ich wartete, fuhr ein langer Güterzug vorbei. Ich stand an diesen geriffelten Steinen, die den Mindestabstand zum Gleis markieren. Die Waggons waren so unheimlich nah und schwer. Sie füllten mein gesamtes Gesichtsfeld aus. Es war mir, als polterte die Welt an mir vorrüber. Ich erschrak über das schier unwiderstehliche Gefühl, einen Schritt nach vorne in diese Wand aus Wägen hinein zu gehen und einzusteigen in diese Welt aus Lärm, Wind und Stahl. Wenn ich mich erinnere an diesen tödlichen Sog, der sich so gewaltig meiner Gefühle bemächtigte.

Wenn ich mich an solche Erlebnisse erinnere, dann lebe ich anders. Dann wird es unmöglich, den Obdachlosen zu verachten, der es nicht schafft, wieder zurückzukehren in ein geregeltes Leben. Es wird unmöglich, sich nicht selbst zu erkennen, im ausgezehrten Gesicht der Alkoholikerin. Und es fällt schwer, jemanden vorzuwerfen, er hätte sich aus der Verantwortung gestohlen, weil er sich selbst getötet hat.

Im Gegenteil: Wenn ich ehrlich bin, muss ich mir eingestehen, dass der Mensch, der sich das Leben nahm, die Alkoholikerin und der Obdachlose, dass die Leidenden und Sterbenden dieser Welt mir helfen, zu leben. Sie helfen mir, mein Glück zu erkennen, das Leben, das mir geschenkt ist, zu schätzen. Ihr Leben hat Sinn, eine Aufgabe, einen Berufung, selbst wenn es so zur Unkenntlichkeit zerbrochen ist, dass sie selbst keinerlei Sinn mehr erkennen können. Selbst die leblos, sinnlos eisige Leere das Alls hat noch den Sinn, das Leben daran zu erinnern, dass es ein Wunder ist zu leben, gar glücklich zu sein.

Paulus spielt ja auf die Befreiung der Israeliten aus Ägypten an, als Gott das Schilfmeer teilte, die flüchtenden Israeliten hindurchziehen ließ und ihre Verfolger, den Pharao und seine Truppen im Meer ertrinken ließ. Glücklich am anderen Ufer gelandet, singen die Israeliten ein Danklied an Gott:

Exodus 15:1 „Da sang Mose und die Kinder Israel dies Lied dem HERRN und sprachen: Ich will dem HERRN singen, denn er hat eine herrliche Tat getan; Roß und Mann hat er ins Meer gestürzt. 2 (…) Das ist mein Gott, ich will ihn preisen; (…) 13 Du hast geleitet durch deine Barmherzigkeit dein Volk, das du erlöst hast.“

Viele Bibelwissenschaftler halten diese Verse für die ältesten Verse der Bibel überhaupt.

Ich zweifelte jahrelang, ob unser Glaube, der sich auf Verse wie diese gründet, nicht einfach eine Religion der Überlebenden ist, die einfach weil sie Glück hatten im Leben, an Rettung, an Hoffung glauben können und daran, dass am Ende alles gut werden wird.

Wer Rettung erfahren hat, kann dankbar sein und Hoffnung entwickeln für sein Leben. Wer untergegangen ist, wird das Lied des hoffnungsvollen Glaubens nicht mitsingen können.

Da klingt es schon etwas zynisch, wenn Paulus schreibt: 20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? 21 Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?

Ja, treffender als Paulus kann man´s wohl kaum sagen: Aus einem Stück Ton kann ein Töpfer Porzellan für ein 4-Sterne-Restaurant machen oder ein Gefäß für den nicht ehrenvollen Gebrauch, im Klartext, einen Nachttopf, eine Kloschüssel. Und so macht Gott eben Menschen, wie Edelporzellan, deren Leben nur mit dem Allerbesten gefüllt wird, und er macht Menschen, wie Kloschüsseln, deren Leben mit ganz anderem gefüllt wird.

Nun, wenn wir uns die Welt so ansehen, scheint Paulus wohl den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben.

„Was sollen wir nun hierzu sagen?“, schreibt er weiter. „Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! Denn er spricht zu Mose (2. Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Denn die Schrift sagt zum Pharao (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will.

Das bemerkenswerte an diesen Versen, das habe ich erst spät entdeckt, ist, dass Gott ausdrücklich sagt: Der Pharao ist erwählt. Ich habe ihn erweckt, zu einem bestimmten Zweck. Sein Leben hat Hand und Fuß und Sinn. Und dass er untergeht, heißt nicht: Vergiss dieses Leben, Schwamm drüber, oder besser gleich ein ganzes Meer.

Nein! Es heißt: Der Pharao findet seinen Platz im Zentrum der Bibel, in ihren ältesten Versen, auf die ganze Botschaft der Bibel aufbaut. Sein Leben hat Sinn, ja selbst ein Tod. Und das rückt ihn in allerbeste Gesellschaft, nämlich in die Nähe des wohl bedeutendsten Untergehers der Weltgeschichte: Jesus Christus, den im Sterben ein schrecklicher Verdacht beschleicht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, waren sein letzten Worte.

In der Nähe dieses Christus befinden sich ausnahmslos alle Untergeher dieser Welt.

Was mit diesem Christus geschah, bekennen wir im Glaubensbekenntnis: Er sitzt zur Rechten Gottes. Nun, es kann nicht so schlecht sein, in seiner Gesellschaft unterzugehen, selbst, wenn man mit ihm schreien muss: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Wer scheinbar gottverlassen untergeht wie er, der wird dort auftauchen, wo auch er aufgetaucht ist: Zur Rechten Gottes. Denn wie Gott schon sagte: (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.«

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