Gott schafft Unordnung!

Menschen haben so eine geheime Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Sie wünschen sich eine absolute Gerechtigkeit, von der sie erwarten, dass allen Menschen Recht geschieht. Vor Allem aber erwartet jeder Mensch, dass ihm Recht geschieht.

Darauf reagiert in unserem heutigen Text der Apostel Paulus. Er spricht von Gottes Gerechtigkeit und von der Unfähigkeit der Menschen Gerechtigkeit zu schaffen. Ein bisschen davon haben wir schon im Evangelium gehört, wo jeder den gleichen Lohn bekam trotz unterschiedlicher Arbeitszeit und wohl auch Arbeitsleistung. Aber jeder Arbeitswillige erhält dafür auch Geld, seine Familie für diesen einen Tag satt werden zu lassen. Was ist hier gerecht – was ungerecht?

[TEXT]

Die Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit Gottes sind das Thema. Der Eindruck kann entstehen, wenn von der Liebe Gottes die Rede ist, dass Gott ungerecht sei. Das wehrt Paulus ab. Er spricht stattdessen lieber von der Freiheit Gottes. So wie der Töpfer Freiheit hat, mit seinem Material umzugehen, so hat auch Gott die Freiheit. Dein Kollege von mir sagte gerne ‚Der Apostel Paulus war noch nie gut in Vergleichen.’ Tatsächlich ist auch dieser Vergleich ihm ein bisschen aus den Fugen geraten. Man merkt es an dem Text, dass nur der erste Teil des Vergleiches wesentlich ist: Der Töpfer, der die Freiheit hat, aus seinem Ton etwas Gutes werden zu lassen, auch wenn es für andere nur Dreck ist.

Es geht in den Kapiteln 9 – 11 um die Erwählung des Volkes Gottes aus Juden und Heiden. Das Problem liegt für Paulus darin, dass seine Brüder und Stammesgenossen in ihrer Mehrheit das Evangelium von Christus abweisen. (Der Begriff der Judenchristen stammt allerdings nicht von ihm – er differenziert nur schwach in Juden und christlich gewordene Juden).

Die Ablehnung Jesu Christi durch die Mehrheit der Juden lässt aber eben nicht den Schluss zu, dass Gott die Juden verworfen habe und damit der Bund hinfällig geworden sei. Gott ist frei und souverän und so wie er sich an seinen Sohn Jesus Christus gebunden hat, so hat er sich auch an seinen Bund gebunden. Genau hier setzt unsere Perikope ein:

Darum wird er nicht müde von der Freiheit Gottes zu reden, die eben nicht mit unseren Gerechtigkeitsbegriffen zu messen ist, jener Freiheit, die auch aus in unseren Augen Verlorenen noch Gerettete machen kann.

Es ist nicht meine Entscheidung für die Gnade, sondern Gottes Entscheidung für mich. Dass er in seinem Sohn Jesus Christus Mensch geworden ist, kann mir als Beleg dafür dienen mit wie viel Liebe er sich Menschen zuwendet, ohne dass sie irgend eine Vorleistung erbringen. Diese Liebe ist ungerecht, weil Liebe immer ungerecht ist.

Mit dieser Liebe beruft er auch Menschen in seine Kirche. Wir können auf diese Liebe nur antworten, sie dankbar annehmen. Dass Menschen sich seit 2000 Jahren berufen lassen in dieser Kirche mitzuarbeiten, obwohl das mitunter frustrierend ist, ist eine der Antworten, Dass sich Menschen für andere Menschen einsetzen, für ein Minimum an Gerechtigkeit ist eine andere Antwort. Da passiert Einiges in unserer Kirche und außerhalb von ihr.

Von der Freiheit Gottes zum Erwählen lebt die Kirche. Diese Differenz muss sie klar kriegen Gott danken für die Erwählung, ohne andere zu diffamieren ‘Guckst du so scheel, weil ich gütig bin?’ (Lesung) kann hier Leitmotiv sein. Eine Kirche, die nicht scheel guckt, sondern geradeaus dankbar ist für das, was sie empfangen hat und aus dieser Dankbarkeit heraus lebt, das ist eine Kirche, die es immer wieder neu schafft Zukunft zu bauen im Vertrauen auf den Heiligen Geist der in ihr wirkt.

Eine solche Kirche muss Protest anmelden, wenn Menschen nicht satt werden und wenn Menschen Unrecht geschieht. Wir werden die Ungerechtigkeit nie ganz verhindern, schon allein auch deswegen, weil wir selber Unrecht tun – manchmal aus Unwissenheit. Aber der Protest – auch gegen eigenes Unrecht – muss lebendig bleiben, wenn wir Kirche Gottes bleiben wollen.

Noch mehr Protest aber gegen Menschen, die sich ihren Gott formen, als wenn er ein Klumpen Lehm wäre. Angst vor dem domestizierten Gott, vor jenem Gott, der keinem mehr weh tut, der die Selbstgerechten nicht mehr ärgert, weil er bei Zachäus einkehrt und der den Sünder nicht mehr ärgert, weil er alles o.k. findet. Angst vor jenem zahnlosen alten Bilderbuchgott, der allen ihren Willen tut. Angst vor jenem postmodernen Gott aus dem Videospiel.

Gott aber ist ganz anders, als wir ihn manchmal gerne hätten. Er ist nicht einfach gemütlich. Gott schafft Unordnung! Die Unordnung der Liebe, die sich Menschen erwählt.

Von der Freiheit der Gnade Gottes lebt christliche Kirche. Er erwählt eben nicht nach Verdienst: Gott erwählt ohne Verdienst allein aus Gnade.

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