Ein mächenhafter Gott

Liebe Gemeinde,

wer von Ihnen die letzten Tage die Zeitung gelesen hat, wird vielleicht auch den empörten Leserbrief zur Kenntnis genommen haben, in welchem sich jemand über ein Märchen bei einem Ferienprogramm für Kinder aufgeregt hat. Sofort folgte auch eine Erklärung des Verantwortlichen, mit dem Hinweis, in Zukunft die Dinge mit den Eltern im Vorfeld absprechen zu wollen. Ich vermute, der Leserbriefschreiberin war nicht bewusst, dass diese Geschichte, über die sie sich beklagt hat, ein tatsächlich altes Märchen darstellt. Gesammelt und aufgeschrieben wurde es von dem Brüdern Grimm, hat aber noch viel ältere Vorlagen. Es ist das Märchen von Bruder Lustig – und – so könnte man sagen, vom Heiligen Petrus. Das Märchen ist freilich zum Teil recht gewalttätig: dort werden Leichen zerschnitten, gekocht und die Knochen wieder zusammen gesetzt, wenn auch nur, um die gestorbene Person wieder zu Leben zu erwecken. Der Heilige Petrus tut so an vielen Stellen den Menschen Gutes, hat an seiner Seite aber den Bruder Lustig, der die Gelegenheiten, Gutes zu wirken, umsonst vertut. So bleibt ein fabelhaftes Element in diesen Märchen, eine Moral am Ende der Geschichte, die den Zuhören einen Weg zum gelingenden Leben weisen will. Eigentlich ist es schade, dass in der Zeit von Computerspielen, Fernsehen und Internet gerade solche Märchen als gefährlich eingestuft werden. Inhaltlich bleibt manches „Modernes“ hinter diesen zurück – vielleicht gerade deshalb, weil die Alten sich noch trauen, eine Moral oder Lebensanweisung mit auf den Weg zu geben und dabei auch die Wirklichkeit mit ihrem Bösen darin nicht aussparen. Wenn Sie es mögen, vergleichen Sie doch einmal das Grimm-Märchen vom Aschenputtel mit der viel seichteren amerikanischen Disney-Version „Cinderella“. Im Original werden den bösen Halbschwestern am Ende von den Raben die Augen ausgehackt – es gibt eben eine Strafe für ein schlechtes Verhalten gegenüber dem Mitmenschen, der auf mich angewiesen ist.

Über Gott im Märchen und ich vermute auch, über die Wahrheit im Märchen, haben ja letztes Jahr die BesucherInnen unseres Seniorenkreises Einiges gehört. Es liegt also eine Wahrheit in den Märchen, eine Moral in den Fabeln, um deretwegen diese weiter gegeben worden sind. Deswegen ist es umso erstaunlicher, wenn sich unser Predigtwort von heute den Fabeln gegenüber noch einmal abgrenzt. Hören wir zunächst dieses Predigtwort aus dem 2. Petrusbrief im ersten Kapitel, die Verse 16 bis 21:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, Sie werden den Sinn dieser Abgrenzung gegenüber den Fabeln und Märchen schon gehört haben. Vielleicht könnte es man so sagen: die Fabeln tragen eine allgemeine Wahrheit weiter und diese wird, um sie anschaulich zu machen, immer wieder in neue Geschichten verkleidet. Nun aber ist uns mehr begegnet, als eine allgemeine Lebensweisheit. In Christus Jesus ist uns die Wahrheit selbst begegnet.

Es gab eine Zeit in der wissenschaftlichen Theologie, liebe Gemeinde, da meinte man, die ganze Schrift und alles, was in ihr erzählt wird an Wundern und Heilungen, an Großartigem und Glanzvollen so lesen zu müssen wie eine einzige große Fabel. Quasi als wäre die Botschaft von Christus ein einziges, hervorragendes Märchen. Sehr gut zwar, aber eben nur ein Märchen. Sie können sich vorstellen, dass das viele Vorteile hat: die Wunder Jesu sind dann nicht mehr als eine fabel-hafte Ausschmückung. Aber auch die dunklen Seiten, das Reden vom Gericht und von der Verdammnis ist dann nicht mehr als ein Bild, welches uns warnen soll. Dann freilich, ist nicht mehr die Person Jesu als Sohn Gottes relevant sondern man muss es so formulieren, wie es ein bekannter Theologe der damaligen Zeit getan hat: „Die Sache Jesu geht weiter.“ Jesu Botschaft wäre dann reduziert auf soziale Fragen, auf ethisch-moralische, ja darauf, wie Menschen in dieser Welt miteinander leben sollten. All das sind natürlich sehr gute Ansätze und ich glaube, wir könnten froh sein, wenn alle, die Gott leugnen, wenigstens nach diesen Maßstäben ihr Leben einrichten würden.

Dennoch glaube ich, dass wir damit zu kurz greifen würden. Die Botschaft Christi besteht nicht nur aus Moral. Religion ist eben nicht, wie ich das leider viel zu oft aus Politikermund höre, die Mahnerin in moralischen Fragen, nach dem Motto: „das darfst du tun und jenes nicht“. Die Botschaft Christi greift tiefer, gerade weil dieses Wort Gottes wirklich Fleisch geworden ist in dem Menschen Jesus von Nazareth. Auch, wenn wir es kaum mehr wissen – heute mit dem letzten Sonntag nach Epiphanias endet erst die Weihnachtszeit. Deswegen steht der Baum ja noch und die Krippe. Normalerweise würde sie noch ein bis vier Wochen dauern, das letzte Mal war sie 1913 so kurz wie dieses Jahr. Weihnachten handelt ja davon, dass das Wort Gottes wirklich Fleisch geworden ist. Es handelt davon, dass Gott selbst in diesem Kind in der Krippe sich zu den Menschen begeben hat. Nicht nur ein Lehrsatz und nicht nur moralische Hinweise und Vorschläge.

Deswegen ist die Ausrichtung an diesem Christus der entscheidende Punkt in meinem Leben. Es geht nicht um Teile seiner Botschaft, es geht nicht um das Lehrgebäude, welches sich jede Jüngerschaft aufbauen muss, wenn der Meister nicht mehr ist, sondern es geht um ihn selbst. Bin ich bereit zu sagen: auf diesen Christus, der für mich geboren und für mich gestorben ist, verlasse ich mich für mein Leben?

Davon redet auch unser Predigtwort im zweiten Petrusbrief. Er zitiert, um die Leser zu überzeugen, den Abschnitt, den wir eigentlich aus der Taufgeschichte Jesu kennen. Ja, es öffnete sich sogar der Himmel, eine Taube kam herab und wir hören die göttliche Stimme sagen: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Ob uns aufgeklärte Menschen solche Argumentation überzeugen kann? Wohl kaum. Sehen wir doch um uns herum lauter Propheten und Weissager. Menschen, die von sich behaupten, ständig göttliche und andere Stimmen zu hören. Menschen, die Visionen haben und neue Offenbarungen niederschreiben. So werden es die Kritiker an unserem Glauben auszusetzen haben. Und, liebe Gemeinde, wir können ihnen darin nicht widersprechen. Wir haben keinen Beweis, der in ihren Augen gültig wäre. Ich muss daran denken, dass es Menschen gibt, die an Geister glauben. Sie glauben auch, dass diese Geister sich ihnen mitteilen wollen. Ja, sie hören gewissermaßen die Stimmer dieser Geister. Jetzt gibt innerhalb dieser Geister auch einige neuzeitliche, die ihre Botschaften über Fernsehrauschen und das Rauschen auf Tonbänder, wenn man sie leer laufen lässt, weitergeben. Derjenige, der daran glaubt, wird im Rauschen des Tonbandes seine Stimmen hören. Der andere aber wird nur das Rauschen vernehmen und außerdem erklären können, wie diese Geräusche auf das leere Band kommen.

Deswegen bricht unser Predigtwort an dieser Stelle auch nicht ab, sondern gibt einen – wenn Sie wollen – ergänzenden Hinweis. Für diejenigen nämlich, die diese göttliche Stimme über Jesus nicht selbst gehört haben und denen, die davon berichten nicht ausreichend Glauben schenken können – für diejenigen gibt es das prophetische Wort, die Heilige Schrift. Auch hier sind die Kritiker gleich dabei, diese Schrift zu zerpflücken: hier ist ein Fehler, dort ein Irrtum, jenes ist falsch und anderes widersprüchlich. Auch da müssen wir sagen: Ja, sie haben Recht. Vorbei sind die Zeiten, in denen man die Bibel auch als naturwissenschaftliches Buch gelesen hat. Und heute sind es nur noch die Sekten, die das so versuchen, z.B. den wiederkäuenden Hasen, der in der Schrift zu finden ist, als ein ausgestorbenes Exemplar einer bestimmten Gattung anzusehen, damit ja kein Fehler in der Schrift zu finden ist. Eigentlich ist das eine wirklich traurige Geschichte – so kämpfe ich mit viel Energie in der Schule und im Konfirmandenunterricht dagegen an, wenn Kinder und Jugendliche z.B. die Schöpfungsgeschichte aufrechnen wollen mit der Evolutionslehre oder der Urknalltheorie. Als ob es dabei um dasselbe ginge! Nein, die Schrift bleibt ein Zeugnis von der Beziehung zwischen Gott und Mensch und darin zwischen Mensch und Mensch. Sie ist kein naturwissenschaftliches Handbuch, sondern war nur bemüht, in den damals gängigen Weltbildern (modern sozusagen), die Botschaft von Gottes Liebe weiter zu sagen. Und weil es eine Beziehungsschrift ist, deswegen mahnt uns unser Predigtwort, dass wir die Schrift haben, um „darauf zu achten als ein Licht, das scheint an einem dunklen Ort“. Als ein Licht, das scheint an einem dunklen Ort, liebe Gemeinde. Das ist die Schrift. Und darum geht es: mit der Einstellung an diese Worte zu gehen, dass Gott mir für mein Leben etwas zeigen möchte. Fragen Sie unsere Konfirmanden! Im zweiten Jahr des Unterrichts geht es weniger um die Theorie, als um die Praxis. Unsere 20 jungen Menschen, die alsbald hier ihren Glauben bekräftigen wollen, müssen jeden Mittwoch sich ihre eigenen Gedanken zur Tageslosung und zum Lehrtext machen, und zwar so, als habe der Text mit ihnen persönlich zu tun. Das ist nicht einfach, aber Sie glauben nicht, liebe Gemeinde, welch guten Gedanken dabei herauskommen – ich bin froh, dass solche Menschen in unserer Gemeinde heranwachsen!

Habt also dieses lebendige Wort Gottes, Christus Jesus, als ein Licht in eurem Herzen. Ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort. Denn das erfährt ja jeder von uns in seinem Leben, wie dunkel der Ort sein kann, an dem wir leben. Wie viele Tragödien sich abspielen, wie viele Verletzungen die Menschen sich untereinander z.T. wegen Nichtigkeiten zufügen, ja ich denke dabei auch an die Gräben, die die letzten politischen Entscheidungen hier in unserer Gemeinde zwischen Menschen haben entstehen lassen. Diese Worte der Schrift sind also wahre Lichtpunkte, weil sie uns hinweisen auf dieses eine, wahre Licht. So wie die Kerzen am Christbaum uns erinnern sollen an dieses eine, wahre Licht. Und wer sich einlassen kann, diese Worte der Schrift für sich persönlich als Lichthinweiser zu lesen, der wird spüren, wie sich sein Leben verändern kann. Das eindrücklichste Beispiel ist immer noch das Wort vom neuen Leben. Wer es liest: „Tod und Leid werden nicht mehr sein“ und wer glauben kann, dass dies für einen selber geschrieben wurde, der wird spüren, wie diese Hoffnung sein jetziges Dasein an dem dunklen Ort hier auf Erden verändern und erhellen kann.

Unser Predigtwort aber geht noch weiter: „wisst, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist“. Habe ich gerade nicht etwas anderes gepredigt? Nein, denn es bleibt wahr: wir sollen und dürfen uns das Wort persönlich aneignen. Es ist die Betonung Luthers, dass das alles „mir“: mir persönlich gilt, was dort geschrieben ist. Dass aber das Wort überhaupt in uns aufgehen kann; dass es kein toter Buchstabe bleibt, wie es an anderer Stelle heißt, sondern für uns lebendig wird, das bleibt allein Sache des Heiligen Geistes. Wir alle, so bin ich gewiss, haben die Möglichkeit, diesen Geist Gottes in unserem Leben zu spüren – er ist uns allen verheißen. Aber wir sollen dran bleiben, am Lesen der Schrift, an der Übung des Glaubens. Wir sollen bereit bleiben, uns umtreiben zu lassen von diesem lebendigen Odem Gottes, der uns heute – am letzten Sonntag nach Epiphanias – immer wieder hinweist auf dieses eine Licht Gottes, Christus Jesus, gesandt in unsere Dunkelheit, diese zu erhellen und alles zu vertreiben, was uns ängstigt.

So bleibt die Wahrheit in den Fabeln und Märchen erhalten – auch gerade jene Wahrheit, dass das Böse diese Welt noch nicht verlassen hat. Auch Kinder haben ein Recht darauf, dies zu erfahren. Aber Christus übersteigt diese fabel-hafte Wahrheit, denn er lehrt uns nicht nur Moral und Handlungsweisung, sondern er schenkt uns. Unverdient, ohne unser Zutun. Er schenkt uns ganz und gar weihnachtlich diese Liebe Gottes, die die Kraft und die Macht hat, unser Leben, diese Welt und die Schöpfung zu verwandeln.

Und der Friede Gottes, der märchenhafter uns geschenkt wird, als es in jedem Märchen zu lesen ist, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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