Raus aus der Ecke, rein ins Leben.

Märchen? – Wahrheit? – Einbildung? – Lüge? – Geist? – welcher Geist?

So, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde! Nun stellen Sie sich vor, Sie wären an Petrus´ Stelle. Stellen Sie sich vor, Sie seien mit Jesus und Jakobus und Johannes auf diesen einen Berg gestiegen und hätten es selbst miterlebt: Wie da Mose und Elia erscheinen, wie da die Stimme ist „Das ist mein lieber Sohn, an dem ich meine Freude habe.“ Und Sie wissen gar nicht, wie Ihnen geschieht: So etwas haben Sie noch nie erlebt.

Und nun kommen Sie, noch ganz erfüllt von dem unerklärlich Schönen vom Berg wieder herunter. Unten die Andern: „Na, wie wars denn?“ Was machen Sie? Abwiegeln? Zeit gewinnen und in Worte fassen, fürdas es kaum Worte gibt? Einfach erzählen: „Also, wir sind da oben angekommen und plötzlich …“ Sie erzählen zu Ende und sehen, wie sich die Gesichter der anderen verändern: Staunen, dann misstrauen, Zweifel.

„Echt? Genau so? Erzählst Du auch keinen Mist?“ Solche Fragen kommen. Damals. Nicht nur damals – sie kommen unweigerlich, wenn Sie oder ich etwas Unwahrscheinliches erleben, es weiter Anderen erzählen – und und die eigene Begeisterung zerbirst an der Mauer von Misstrauen und Zweifel.

Das hat Tradition – in den einen Haus in Jerusalem, kurz nach Ostern: „Das könnt Ihr einem erzählen, der sich die Hose mit der Beißzange anzieht“ so Thomas, als ihm die Freunde Jesu erzählen, Jesus sei Ihnen erschienen: Hier – hier, in diesem Haus. „Das will ich selbst gesehen haben. Das glaub ich einfach nicht.“ – und das keine Woche nach der Kreuzigung. Wie mag es erst später sein?

Und nun Petrus. Andere zweifeln an dem, was er erlebt hat.

Und, wäre Christentum nicht noch eine etablierte Religion und würden wir nicht im Alltag meist sowieso von dem Schweigen, was wir gehört haben, Sie würden das auch erleben.

Ich bin in einer ungleich einfacheren Situation: „Sie sind ja Pfarrer – Sie müssen das ja glauben.“ Muss ich? Ich meine: Glauben. Muss überhaupt irgendein Mensch? Kann man „glauben“ machen?

Und ist nicht der Zweifel die pickelige hässlich-krumm­beinige Schwester des Glaubens? Gehen die beiden nicht ständig Hand in Hand – und die kleine Schwester zweifel kräht lauthals „Ich hab recht! Ich hab recht!?

Nun also Petrus: „Wir haben Euch doch keine Märchen erzählt …“

Nein. Er hat keine Märchen erzählt. Auch wenn ich nicht dabei war auf dem Berg der Verklärung, dann kann ich das an anderer Stelle fest machen: Am Auferstandenen.

Da schreibt der Apostel Paulus, heftig im Streit mit Christen in Korinth „Christus ist auferstanden“ – auch so was, dass ein Gestorbener wieder lebt. Und dann noch „Fünfhundert Menschen haben ihn gesehen.“ Also Paulus – ich bitte Dich!

Wiederum Sie: Was würden Sie machen, wenn Sie Leiterin oder Leiter der Gemeinde in Korinth wären, den Paulus absolut nicht leiden könnten, jede Gelegenheit wahrnehmen, ihm eins auszuwischen? – Logisch: Sie würden diese Blöße nutzen und ihn öffentlich als Lügner hinstellen: Du mit Deinem Auferstandnen und den angeblich 500 Leuten, die ihn gesehen haben.

Und dann erinnern Sie sich, dass Ihre Gemeinde, sie liegt im Hafengebiet von Korinth, alle Möglichkeiten hat selbst nachzuprüfen: Da sind Seeleute in der Gemeinde und die Handelsroute Korinth – Ägypten führt an Israel vorbei. „Kommt, lasst uns mal sehen, was wirklich an Paulus dran ist und ob das alles so stimmt.“ – Und wenn nicht, dann können wir den ersten Korintherbrief mit Schwung in den großen Papierkorb der Weltgeschichte befördern: Wozu so ein Lügenschreiben von so einem unerträglichen Menschen aufheben?

Nun werden Sie und ich feststellen, dass dieser Brief noch existiert: in der Bibel. Die Korinther haben ihn aufgehoben. Sie konnten Paulus nicht widerlegen. Christus ist auferstanden (-> 1. Korinther 15)

Christus ist auferstanden.

Dann stimmt auch das Andere: Dass dieses Kind in der Krippe, der Mann auf den Strassen von Galiläa und Judäa, der am Abend beim Herrenmahl mit seinen Jüngern, im Palast des Hohepriesters verhört, geschlagen, von Pontius Pilatus hingerichtet und am dritten Tag von den Toten auferstanden Gottes Sohn ist.

Und: Ist er Gottes Sohn, dann – da hat Petrus einfach recht – sind wir auch keinen Märchen aufgesessen oder sind Erben einer christlichen Tradition, die im Kern hohl ist und faul und keinen Pfifferling wert.

Wir haben Euch keine Märchen erzählt. Petrus nicht, Paulus nicht und, das gebe Gott, die vor mir, ich selber und die einmal nach mir auch nicht.

So. Die Faktenlage wäre geklärt.

Was bedeutet das nun für uns?

(1) Weil wir mit Fakten handeln, können wir unser Christsein selbstbewusst leben. Da war nicht irgendwas, vielleicht, aber keiner kann’s sicher sagen – da war wer: Gott, der Mensch geworden ist und sich ganz, mit Haut und Haaren an uns hergegeben hat.

(2) Deshalb gilt auch das an Regeln, was Jesus hinterlassen hat. Die Bergpredigt mit den Sätzen wie „Verzichte auf Gewalt“, die, die allen Möglichkeiten und allem Augenschein zum trotz Frieden stiften, die werden am Ende das Oberwasser haben – am Ende, wovon noch zu sprechen sein wird, nicht am Anfang schon –, die, die Leid tragen, die werden Trost finden.

Und das Liebesgebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt*, und deinen Nächsten wie dich selbst“ – Mehr als Religion: eine Beziehung zu Gott und meinem Nächsten – eine ganz persönliche Liebesbeziehung.

(3) Deshalb sind wir eingeladen, von Herzen zu beten – das Vater Unser etwa, weil Gott uns wie ein Vater ist. Und alles, aber auch wirklich alles, was Sie, mich beschäftigt, regelmäßig zu Gott zu schaffen: Weil der sorgt. Weil Er da ist – und Sie nicht zu klein oder zu unwichtig und sowieso ein eher zweifelhafter Mensch.

(4) Deshalb haben wir Grund zum Vertrauen. Guten, sehr guten Grund: Gott selbst. Und dann können wir für diese Erde auf ein gutes Ende vertrauen auch dann, wenn’s manchmal gar nicht so toll aussieht: Weil Gott zu dieser Erde steht.

(5) Deshalb können wir – Petrus spricht davon –, den Worten der Profeten vertrauen. Auch dem Johannes, der am Ende der Bibel schreibt von einer eher düsteren Zukunft – und wir mitten drin –, an deren Ende uns Gott in Seinem Sohn entgegen kommt: „Siehe, ich mache alles neu!“ sagt der.

Das müssen Sie nun nicht glauben – die kleine Schwester Zweifel fängt ja schon wieder an, den Glauben anzuplärren „Stimmt doch gar nicht – schau doch selbst!“ – Nein, nein: Guten Grund haben Sie. Jede hier. Jeder. Guten Grund, begeistert zu leben, was Sie heute neu eingesehen haben.

Also: Raus aus der Ecke, rein ins Leben.

Denn Gott kommt uns quer durch die Zukunft von vorn entgegen und das gilt, was in diesem Jahr die Jahreslosung ist „Ich lebe und Ihr sollt auch leben.“ – Nicht irgendwann, am St. Nimmerleinstag oder in einer vielleicht besseren Welt, sondern aus Hoffnung und im Vertrauen schon heute.

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