Erleuchtungsmessgerät

Das Dunkel ist das erste, liebe Gemeinde: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer (tohu-wa-bohu), und es war finster auf der Tiefe.

Das Licht ist erst ein zweites: Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht!

Ein wirkungsmächtiges Eingreifen, ein wirkungsmächtiges Wort, wie das Gottes beim Schöpfungsakt, ist nötig, um der Finsternis die Grenzen auf zu zeigen – wenigsten ein bisschen.

Nicht nur die Bibel kennt diese Auseinandersetzung zwischen Licht und Finsternis. Der Streit, in dem Licht und Finsternis liegen, ist ja ein uraltes Motiv unzähliger Mythen und Geschichten.

Man kann vermuten, dass dem biblischen Schöpfungsbericht die Absicht zu Grunde liegt, die Schöpfung als Ursprungsgeschichte dieses Motivs zu erzählen. Alle späteren Geschichten und Mythen, die von Licht und Finsternis, von Gut und Böse erzählen, greifen zurück auf das, was von Anfang an wahr und wirklich gewesen ist: nämlich der Kampf des Guten gegen die Mächte der Finsternis.

Das gleiche Motiv finden wir übrigens auch in der Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland. Vielleicht haben sie es bemerkt, liebe Gemeinde: Kaum erscheint das Gute auf der Erde – hier in der Gestalt des göttlichen Kindes, sind auch gleich die Mächte der Finsternis – in Gestalt des grausamen Königs Herodes – zur Stelle. Was folgt, durchzieht die Geschichte der Menschheit wie ein blutig roter Faden. Der drohende Machtverlust führt alsbald zu Gewalt und Flucht und Mord.

Bis in die allerjüngste Gegenwart hinein ist dieses Motiv nicht nur Gegenstand von Filmen und Geschichten. Auch die Politik bedient sich dieses Motivs gerne. Es ist leicht zu verstehen und leicht zu handhaben, weil es einfach ist und klare Unterscheidungen zulässt.

In den Zeiten des Kalten Krieges z.B., wo der gute freiheitliche Westen dem finsteren diktatorischen Osten gegenüberstand. Oder beim Krieg gegen den Terror, der sich ja gerade als Auslaufmodell entpuppt, wo Amerika und seine Verbündeten ihre Lichtschwerter gegen eine Achse des Bösen gezückt haben.

Manches, was da auf dem politischen Parkett als Kampf des Guten, oder besser der Guten gegen die Bösen verkauft wird, erinnert, genau besehen, an den Versuch, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben – auch ein bekanntes biblisches Motiv übrigens.

Was Roland Koch da gegenwärtig als Wahlkampfschlager auf allen Volksbühnen singt, scheint mir ein treffendes Beispiel für diese Strategie zu sein. Mit härteren Strafen für jugendliche Straftäter oder mit Erziehungslagern bekommt er vielleicht den Beifall der schweigenden Mehrheit hierzulande, aber er vertuscht mit solchen plakativen Sprüchen die wirklichen sozialen Probleme, die Jugendgewalt beinahe zwangsläufig zur Folge haben .

Die jugendlichen Schläger, Räuber und Erpresser, deutsch-stämmige oder mit Migrationshintergrund stammen aus Unterschichtsfamilien und sind „Produkte dieser Gesellschaft. Sie sind durch unser Bildungssystem gegangen, unsere Kindergärten, unsere Schulen, unsere Jugendhilfeangebote und unser Jugendgerichtswesen.“(Die Zeit, 2/08)

Familienpolitik, Integrationspolitik, Erziehung und Bildung – da wäre anzusetzen, um wirklich dauerhaft und nachhaltig Licht ins Dunkel jugendlicher Kriminalität zu bringen. Aber mit solchen Themen bringt man die Leute nicht in Stimmung. Das verlangt Einsicht in komplexe Zusammenhänge und entsprechende Lösungsversuche und es kostet Geld.

Aber genug davon, liebe Gemeinde. Erlauben sie mir, das Thema Licht contra Finsternis noch von einer anderen Seite zu beleuchten:

Bemühen wir unsere Fantasie. Nehmen wir für einen Moment eine globale Perspektive ein, genauer: nehmen wir eine göttliche Perspektive ein. Werfen wir eine Blick auf unseren Planeten, wie Gott das tut. Und versuchen wir uns vorzustellen, er tut das etwa so, wie wenn ein Astronaut der Internationale Raumsstation mit einer Art Wärmebildkamera auf die Erde hinunter blickt.

Für eine Wärmebildkamera hat Gott allerdings keine Verwendung. Er schaut durch ein . Ein Gerät also, dass den hellen Schein misst, der in unsre Herzen ausgegossen ist, den Grad unserer Erleuchtung also. Ein Spiritualitätsmessgerät.

Ich unterstelle mal, dass Gott in der Lage ist, den jeweiligen Grad der spirituellen Erhellung auf unserem Globus – mit oder ohne Gerät – zu sehen und zu messen.

Und nun frage ich mich, was Gott da zusehen bekommt, wenn er sein Auge auf unseren Planeten richtet? Kann er Gebiete mit mehrheitlich christlicher Bevölkerung von den Gebieten unterscheiden, in denen zumeist solche Menschen leben, die die Bibel Ungläubige nennt.

Ist z.B. im christlichen Abendland mehr Erleuchtung zu sehen als im muslimischen Orient, ist hier mehr Licht zu erkennen als dort? Und gibt es vielleicht Unterschiede zwischen mehrheitlich katholischen und evangelischen Gebieten? Leuchtet der Wittenberger Geist heller als der römische? Ist im buddhistischen Asien etwa ein sanfteres Leuchten zu erkennen als in unserem Teil der Welt?

Sie merken, liebe Gemeinde, so interessant solche Fragen sind, man gerät doch sehr schnell auf ziemlich dünnes Eis. Ruck-zuck landen wir da, wo wir gar nicht hin wollten, nämlich in einem groben Schwarz-Weiß-Raster. Hier die Guten, da die Bösen, Licht gegen Finsternis, das ewig alte Spiel.

Ich vermute nämlich, dass das Wechselspiel von Licht und Finsternis aus Gottes Perspektive am Ende gar kein interreligiöses und auch kein konfessionelles Problem ist.

Wir wissen natürlich nicht wirklich, was Gott sieht, wenn er auf die Erde schaut. Wir mit unserem zwangsläufig beschränkten Horizont können Gottes Blick auf die Erde allenfalls notdürftig nachvollziehen. Ohne Messgerät, nur auf Grund unserer beschränkten Überzeugungen in Sachen Wahrheit und Wirklichkeit sind wir lediglich zu groben Unterscheidungen fähig.

Deswegen: Lassen wir uns an dieser Stelle von Paulus weiter helfen: Wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist…

Wenn ich Paulus hier richtig verstehe – und das ist ja nicht immer ganz leicht -, dann ist er, Jesus Christus, der Gradmesser, an dem Gott den Stand unserer Erleuchtung misst. Aussagekraft darüber haben also nicht wir mit unseren Überzeugungen, so richtig und wichtig die sein mögen. Aussagekraft in Sachen Erleuchtung hat das, wofür der Name Jesus Christus steht.

Damit hätten wir zumindest einige Hinweise, woran der Stand unserer Erleuchtung und der anderer ablesbar ist: Jesus Christus steht für Liebe, Gerechtigkeit, Frieden, für Versöhnung und für einen freundlichen Umgang mit allen Geschöpfen Gottes.

So müssen wir uns also den Filter vorstellen, durch den Gott uns und das Weltgeschehen anschaut und den hellen Schein in unsren Herzen misst.

Das ist, was er sieht: All die Geschichten von Liebe also – die Liebe zwischen Partnern, zwischen Kindern und Eltern, die Liebe die an so vielen Stellen wirklich ist in aller Welt, die sieht Gott an.

All die Bemühungen um Gerechtigkeit in der Welt die leuchten ihm entgegen von hier unten nach oben in seinen Himmel, all die Anstrengungen um den Frieden in unserer friedlosen Welt, die Hingabe und Opferbereitschaft von zahllosen Menschen, die Versöhnungsversuche zwischen Feinden, Völkern und zwischen Mensch und Mensch. All die Ehrfurcht vor dem Leben, die in vielen Menschen überall auf der Erde lebendig ist.

Ich weiß nicht, ob da so viel Licht abstrahlt, dass Gott seine Augen blinzelnd zusammen kneifen muss, damit es ihn nicht blendet. An manchen Stellen ganz bestimmt, stelle ich mir vor.

Womöglich ist Gott ja ein großer und unverbesserlicher Optimist, was seine Erde und seine Menschen angeht. Für ihn ist das Glas immer halb voll. Und im Gegensatz zu uns ist er jedes mal, wenn er einen Blick auf unsere Erde tut, mehr von den hellen erleuchteten Herzen der Menschen hier unten beeindruckt als von den vielen dunklen Punkten, die es auch gibt und die wir so oft in den Blick nehmen.

Und womöglich ist Gott ein wirklich globaler Gott und weiß nichts von unseren ängstlichen Unterscheidungen. Jesus Christus – der Name steht für Liebe und Liebe kennt keine Grenzen, ebenso wenig wie Gerechtigkeit oder Frieden. Und Ehrfurcht vor dem Leben findet sich überall auf dem Planeten.

Sogar den Unterschied zwischen Himmel und Erde gibt es nicht mehr, wenn wir diesem Namen glauben und vertrauen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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