Das Kind im Rampenlicht

Liebe Gemeinde!

Vielleicht ist ihnen das ja auch schon mal so gegangen: Sie haben irgend etwas erkannt und begriffen – ihnen ist in einer Sache „ein Licht aufgegangen“. Ihnen ist die Sache völlig klar. Aber die Menschen um sie herum – die verstehen es einfach nicht. Warum auch immer. Ist das nicht manchmal zum verzweifeln? Da erscheint einem selbst etwas so einfach und klar – und die anderen kapieren es einfach nicht?

Genau um dieses Problem geht es heute, im Thema des Sonntags, im Thema des Predigttextes. Heute ist „Epiphanias“ – zu deutsch „Erscheinung“ – aber was da heute erscheint, das ist längst nicht jeden klar. Denn was da erscheint, ist zunächst einmal dieses:

Bild zeigen („Heilige Familie“, Rembrandt Harmensz van Rijn) – zu sehen unter: <a href="http://www.onlinekunst.de/wallpaper/weihnachtneu/rembr_det_wallp.jpg" target="_blank">http://www.onlinekunst.de/…</a>

Was erscheint, ist ein kleines Kind aus einer einfachen Familie. Offenbar ist es eine Zimmermannsfamilie, im Hintergrund sind die entsprechenden Werkzeuge zu sehen. Eine geflochtene Wiege für das Kind steht da. Alles ist einfach, aber ordentlich, es ist eine völlig alltägliche Szene: Eine junge Mutter hat gerade ihr Kind gestillt, das Kind ist auf dem Schoß der Mutter eingeschlafen, der Vater betrachtet lächelnd sein Kind. Eigentlich nichts besonderes, hunderttausendfach spielen sich solche Szenen täglich ab, vor wechselndem Hintergrund.

Nur, dass Rembrandt eben nicht irgendeine Familie gemalt hat. Sondern eine ganz bestimmte: Die „Heilige Familie“ – Maria, Josef und Jesus; in Josefs Werkstatt. Und im Mittelpunkt, buchstäblich im Rampenlicht, steht das schlafende Kind. Rembrandt stellt dieses Kind ins richtige Licht.

Freilich kann er das erst im Rückblick tun. Er weiß ja, was aus diesem Kind geworden ist, und wir wissen es auch. Auch Paulus weiß es, was aus diesem Jesus geworden ist. Er hat selbst erlebt, wie Jesus gewirkt hat, und wie er auch jetzt – zu Paulus Zeit – noch wirkt. Es ist wie ein leuchtender Spot im Theater – der auf eine zunächst mal völlig unauffällige Sache gerichtet ist. Das versucht er, der Gemeinde in Korinth zu erklären, wenn er in seinem zweiten Brief an die Korinther folgendes schreibt:

[TEXT]

Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, damit wir im Wirken Jesu ihn erkennen, schreibt Paulus. Aber genau das ist schwierig. Jesus – das ist zunächst mal dieses kleine Kind, nicht anders als andere Kinder auch. Das ist später ein junger Mann, der als Wanderprediger durch die Lande zieht, der Kranke heilt und der unpopuläre Dinge predigt. Er ruft die Menschen zur Buße auf, er hält sie dazu an, der Gewalt mit Friedfertigkeit zu begegnen und sich nicht zu wehren. Er zeigt den Menschen den lebensfreundlichen Gott, der sich weder um menschliche Prachtentfaltung noch um strikte Einhaltung religiöser Regeln kümmert. Und er selbst führt dabei ein einfaches Leben, ohne jeden Pomp und Aufwand. Das gefällt einigen, und leuchtet einigen ein, dass Gott doch so sein sollte. Aber vielen schmeckt es nicht. Denn in der Vorstellung vieler Menschen sollte Gott doch groß und mächtig sein. Für diesen mächtigen, strahlenden Gott steht der große Tempel in Jerusalem, werden Riten eingehalten und Feste gefeiert. Das soll plötzlich alles nicht mehr wichtig sein? Vielen will das nicht einleuchten.

Paulus aber hat gerade das eingeleuchtet. Er hat erkannt: Gott ist nicht im großen Bahnhof zu finden. Gott ist so unauffällig wie ein kleines Kind. Gott lebt mit den Menschen und kennt alles, was sie erleben. Gott leidet mit den Menschen, er leidet am Kreuz wie der letzte Verbrecher. In dieser Unauffälligkeit und Rechtlosigkeit erscheint Gott – ganz so wie die Menschen, denen er nahe sein will. Und in dieser äußersten Nähe von Mensch und Gott hat er – Jesus – die Trennung zwischen Gott und Mensch überwunden.

Parallel dazu sieht Paulus sich nicht als strahlender Priester Gottes – sondern als Diener, im griechischen Text steht eigentlich Sklave. Auch er ist unscheinbar, ohne eigene Rechte, ganz seinem Gott verpflichtet. Dazu verpflichtet, Gottes Botschaft zu verkünden. Dabei nimmt Paulus eine Umwertung aller Werte vor: Wo es dunkel ist, soll es hell werden. Im Kleinen wird das Große sichtbar; in der freiwilligen Zurückhaltung und Demut wird die wirkliche Freiheit und Größe erkennbar.

Allerdings erkennt das nicht jeder. Das war von Anfang an so: So haben die Hirten und die Weisen erkannt, wer dieses neugeborene Kind ist. Herodes dagegen hat es nicht erkannt. Paulus sagt: Das setzt sich fort. Auch jetzt, hier in meiner Zeit erkennt das nicht jeder. Er gebraucht dafür recht drastische Worte. Er bezichtigt diejenigen, die ihn nicht verstehen, der Verblendung. Grund dafür ist, dass er mit der Gemeinde in Korinth einen handfesten Streit hat: Er hat die Gemeinde gegründet. Nach einiger Zeit waren aber einige nicht mehr bereit, seiner Gottesbotschaft zu folgen. Sie haben sich andere „Apostel“ gesucht, haben andere Wege des Glaubens eingeschlagen. Wir können nur vermuten, um was es ging – aus dem Brief wird es nicht deutlich. Aber vielleicht um dieselben Probleme, wie wir sie heute auch immer wieder erleben: Wie erkennen wir Gott denn überhaupt? Wie sehen wir ihn, wenn er doch so im verborgenen sein will? Wie hören wir ihn? Und wie gehen wir damit um, dass auch unsere Gemeinden nicht aus lauter strahlenden Supermännern und –frauen bestehen, sondern aus ganz normalen Menschen? Sollte man es denn den Gläubigen nicht ansehen, dass sie zu Gott gehören; sollte man nicht lauter strahlende Menschen sehen, die ihr Leben mühelos meistern und anderen Hilfestellung geben können?

Es ist doch so mühsam, auf die feinen, leisen Andeutungen zu hören; es ist mühsam, sich selbst als „Sklave“ zu sehen, friedfertig zu sein, sich immer wieder auf den rechten Weg weisen zu lassen.

Da wäre es ja einfacher, gar nicht zu glauben. Oder aber einen großen Strahlemann zu verehren und ihm mit entsprechender Prachtentfaltung zu huldigen.

Aber der Glaube an Jesus Christus ist nun einmal eine „Politik der kleinen und leisen Schritte“. Er selbst hat ja auch keine Paukenschläge geführt. Er hat wohl an vielen Stellen kleine Veränderungen bewirkt. Aber nie den großen Streich. Doch dieses Kleine wirft immer ein großes Licht auf den, der das alles erst möglich macht, auf Gott nämlich. Egal, was er getan hat: Nie hat Jesus es versäumt, auf seinen Vater hinzuweisen. Immer hat er betont, dass er die Kraft zu seinen Taten von ihm bekommen habe.

So, sagt Paulus, ist es mit uns jetzt auch. Unser Glaube an Gott kommt von Gott – nicht von uns. Was wir aus dem Glauben heraus tun, das tun wir, weil Gott uns dazu fähig macht. Und was wir im Glauben tun, das weist nicht auf uns hin. Sondern es weist über uns hinaus auf Gott. Gott hat diesen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, wir haben uns das Licht nicht selbst geholt. Wir können es darum auch nicht „verpflanzen“ oder weitergeben. Aber durch das, was wir tun und sagen, können wir dieses Licht scheinen lassen. So können andere vielleicht die Quelle dieses Lichtes auch erkennen.

Das ist oft ein mühsamer Weg. Oft sehen andere das nicht. Vielleicht wird man auch als Spinner abgetan, wird ähnlich abserviert wie Paulus. Vielleicht werden auch an uns völlig überzogene Maßstäbe angelegt.

Aber: Die Umwertung aller Werte, die Paulus predigt, die gilt auch für uns. Was wir im Kleinen tun, ist nicht nichts. Es wirft auch ein Licht, und sei es noch so klein. „Gott hat seinen hellen Schein in unsere Herzen gegeben“ – damit auch wir im Kleinen das große erkennen. Damit auch wir, in diesem kleinen Kind, Gottes Licht erkennen und darauf zugehen können.

Und der Friede Gottes, der größer ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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