Von der inneren Fröhlichkeit

„Wir sollten innere Fröhlichkeit zeigen. Es gibt nichts Deprimierenderes als griesgrämige Christen“ antwortete Margot Kässmann auf die Frage, was man denn beispielsweise vom Dalai Lama lernen könne, der doch beliebter sei als der Papst oder, weil wir ja unter uns sind, als der Ratsvorsitzende der EKD.

„Das man innere Fröhlichkeit zeige“ als Programm!

Ich habe nicht gezählt, wie oft in den letzten Tagen um Weihnachten herum dazu eingeladen wurde, Freude zu zeigen, Fröhlichkeit zuzulassen, zu jubeln und zu singen.

Aber das ist für mich an der Weihnachtszeit fast das schönste, dass sie so schöne, fröhliche Lieder kennt. Daher würde ich die Antwort Margot Kässmanns gerne leicht verändern:

„Wir sollten unsere fröhlichen Lieder wieder entdecken und häufiger miteinander singen. Es gibt nichts deprimierenderes als eine christliche Gemeinde, die nicht mehr singen kann oder singen will.“

So wird uns auch die innere Fröhlichkeit wieder gelingen.

„Fröhlich soll mein Herze springen“

„o du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“

„Freu dich , Erd‘ und Sternenzelt, Halleluja“

„In dulci jubilio, nun singet und sei froh“

Da klingt die Freude und Fröhlichkeit doch schon mit und sie bleibt zeitlos.

Und vor allem ist sie nicht aufgesetzt, sondern fest gegründet.

Jesaja klingt da ebenso ganz weihnachtlich: „Jauchzet, ihr Himmel; freue dich Erde! Lobet , ihr Berge, mit Jauchzen. Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“

„Welt ging verloren, Christ ward geboren“

„Freu dich Erd‘ und Sternenzelt, Gottes Sohn kam in die Welt, Halleluja“

Aber langsam klingen diese Lieder aus und ich überlege Jahr für Jahr, wie lange kann man denn jetzt noch die Lieder aus der Rubrik Weihnachten singen, ohne dass jemand Anstoß daran nimmt ( das könnte man noch eine ganze Weile).

Innerlich haben viele von Weihnachten schon Abschied genommen.

Der Jahreswechsel steht vor der Tür und deutlicher kann man den Stimmungswandel wohl nicht beschreiben.

Party ist angesagt. Und Rezepte für ausgelassene Partystimmung und Tipps zur Bewältigung des Morgen danach machen jetzt die Runde.

Man darf nur das eine nicht mit dem anderen verwechseln. Die eine Freude will tragen und leben helfen, die andere kann ein böses Erwachen nach sich ziehen.

Die eine Freude erzählt von Trost, die andere ähnelt dem Versuch zu betäuben und vertröstet.

Verhängnisvoll wäre es, wenn Weihnachten uns nur wenig mehr als billigen Trost und ein bisschen verklärenden Kitsch zu bieten hätte. Dann wäre es wirklich gut, dass nach zwei, spätestens drei Tagen Schluss damit sei.

Aber Weihnachten will etwas ganz anderes deutlich machen. Es gibt auf seine Weise die letztgültige Antwort auf die Frage nach dem gütigem Grund und dem guten Ausgang dieser Welt.

„Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes?“

Und natürlich soll die Antwort sein: Nein, Gott kann schon gar nicht seine Welt, sein Volk, seine Kinder vergessen oder im Stich lassen.

Ich denke, dass können wir uns nicht oft genug gegenseitig zusprechen, damit es nun wirklich nicht in Vergessenheit gerät. Gott verlässt nicht und Gott vergisst nicht.

Diese Erinnerung ist nicht dann wichtig, wenn es uns gut geht und wir auf der Welle des Erfolges oder des Wohlbefinden schwimmen, sondern wenn wir zu sinken drohen, wenn wir die Welt um uns her nicht mehr verstehen.

Wir bekommen ja gerade in der Weihnachtszeit ein besonderes Gespür für solche Situationen, in denen nichts mehr stimmig ist.

Mitten in die Weihnachtsvorbereitungen hinein die Todesnachricht zu verkraften, stimmt einfach nicht.

„Die Eltern zu verlieren, heißt die Vergangenheit zu verlieren; den Partner zu verlieren, heißt die Gegenwart zu verlieren; das Kind zu verlieren, heißt die Zukunft zu verlieren.“ Alles drei wiegt auf seine Art furchtbar schwer. Und dieses Jahr haben so viele Menschen um Weihnachten herum einen Angehörigen verloren.

Hat Gott uns vergessen oder gar verlassen?

Schon dieser Vergleich mit einer Mutter, die doch ihr Kind nicht verlässt, stößt uns auf.

Die vielen Nachrichten von vernachlässigten Kindern, die Berichte über Kinder, die durch ihre Eltern zu Tode gekommen sind, zeigen doch, dass etwas eigentlich selbstverständliches an vielen Stellen nicht mehr funktioniert. Viele Kinder müssen damit leben, dass ein Elternteil gegangen ist, dass die Familien neu und bunt gemischt sind oder dass sie ganz zerbrechen. Viele sind überfordert, Verantwortung für sich und Kinder zu übernehmen, viele haben in ihrer Lebensplanung keinen Platz für Kinder, vielleicht auch weil ihre eigene Kindheitserinnerungen einfach nicht mehr positiv besetzt sind.

Was löst da das Prophetenwort wohl für Empfindungen aus, wenn Menschen solche Verlust- und Verlassenserfahrung gemacht haben?

In vielen Weihnachtspredigten ist das Bild der Familie aufgegriffen worden, um über die Erinnerung an die heilige Familie, Maria, Josef und das Kind, und was man da an Verantwortungsbereitschaft in unmöglichen und undenkbaren Situationen lernen kann, Wege für unsere Gesellschaft zu suchen, wie sie Kindern besser Schutz und Lebensraum und Perspektiven ermöglichen kann.

Wenn Weihnachten kein billiger Trost sein will, dann bewahrt uns dieses Fest die Sensibilität für diese Brüche und Risse in unserem Land und in unserer Gesellschaft und dann öffnet es uns die Augen für die Menschen, die gerade an allem zu verzweifeln drohen.

Dann darf der Jubel und das Jauchzen und der Gesang, die Fragen und die Ängste, die Schreie und die Tränen nicht überhören und übertönen, sondern muss ganz feinfühlig machen.

Denn die Weihnachtsbotschaft sagt nicht: alles ist gut.

Und schon die prophetische Sehnsucht nach Jubel und Jauchzen verdrängt nicht den bedrängenden Alltag, in dem Gott abhanden gekommen zu sein scheint.

Die Situation ist ja oft genug beschrieben worden: zerstörte Heimat, Leben im Exil, also in der Fremde und bei allem keine Aussicht auf Besserung.

Und seitdem kann jede Generation ihr Lied davon singen, wie verzweifelt nach Gott gefragt und gesucht werden kann in den Verstrickungen dieser Welt und ihrer Völker und im Lebensalltag eines jeden Menschen. Dazu braucht es nicht erst die Katastrophe des zweiten Weltkrieges oder den 11.September 2001 oder den Fund der Babyleichen in Finkenkrug. Wir wissen, dass die Welt und das Leben so sein kann.

Und dennoch, geradezu trotzig, aber mit gutem Weihnachtsgrund halten wir daran fest: Gott hat uns nicht vergessen oder verlassen, sondern er ist als Trost der ganzen Welt mitten unter uns erschienen.

Als Kind, hilflos und in der Fremde, stellvertretend für all die, die schon als Kinder ohne die Hilfe anderer keine Zukunft haben in den Krisenregionen und Hungergebieten, in den emotional wüsten und hungernden Familien, als Mensch, der fragt, als Freund, der trauert und verlassen wird, als Sterbender, von dem Menschen sich abwenden, weil sie seinen Tod nicht mit anschauen wollen.

Wie sollte jetzt ein Kind, ein Mensch, ein Trauernder, ein Hoffender oder ein Suchender bei Gott außen vor bleiben, wo er sich jeden so fest in Herz uns Seele eingeschrieben hat?

Deshalb kann Weihnachtslob nicht billig sein, sondern kann uns festen Boden unter den Füßen geben: „Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe in die Hände habe ich dich gezeichnet.“

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