Hunger nach Werten

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Wir verabschieden heute hier im Gottesdienst ein Jahr, das von Deutschland aus gesehen eher zu den ruhigen Jahren zählt. Wirtschaftlich ging es aufwärts, auch wenn davon bei der Mehrheit der Bürger nicht viel ankam. Ein Dauerthema jedoch bleibt uns nach wie vor erhalten und das ist die Frage nach verbindlichen Werten.

Seit dem 11. September 2001 ist das ein Thema, das immer wieder in neuen Variationen aufgelegt wird. Welche Werte braucht unseres Gesellschaft jetzt angesichts von Diskussionen um Armut und Managergehältern? Welche Werte braucht unsere Gesellschaft jetzt, um vor der Herausforderung radikalen Denkens bestehen zu können – sei es nun islamisch oder rechtsradikal?

Klar ist: Unsere Gesellschaft sehnt sich nach Werten wie schon lange nicht mehr. Irgendetwas muss es doch geben, das beständig bleibt. Auf irgendwas muss doch Verlass sein, wenn alles immer unzuverlässiger zu werden droht. – Aber auf was?

Der Journalist Peter Sandmeyer schrieb vor sechs Jahren in der Wochenzeitung Stern: »Für die Mehrheit haben die zehn biblischen Gebote ihre Bedeutung als moralische Verkehrsregelung lange verloren. Mit der Industrialisierung vor anderthalb Jahrhunderten und dem Umbau der Gesellschaft in eine kapitalistische Ordnung hat deren Arbeits- und Leistungsorientierung die Rolle des Sinnstifters übernommen. Nicht mehr Bewährung vor Gott und Belohnung im Jenseits zählten hinfort, sondern Verdienst und Vergütung hier auf Erden.

Keiner kann die global freigesetzten Kräfte des Kapitals aufhalten, wenn sie Menschen weltweit durcheinander wirbeln. Alles löst sich auf, Ländergrenzen, Konzerngrößen, Familienstrukturen, Gesellschaftsnormen, Lebenssicherheiten.«

Mit dieser Beschreibung trifft er vermutlich das Lebensgefühl vieler unserer Mitbürger, vielleicht sogar unser eigenes. Was ist eigentlich noch sicher in unserer heutigen Welt? Was ist den Menschen zwischen Athen und Lissabon, Berlin und New York wichtig, außer Arbeit und Brot, Genuss und Komfort? Die Demokratie und der Rechtsstaat gewiss. Aber dann?

Für uns Christen scheint die Antwort darauf relativ einfach zu sein. Der Verfasser des Hebräerbriefs meint: »Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und für alle Zeiten!« Das heißt doch: Auf ihn ist Verlass in allen Lebenslagen. Jesus Christus ist unerschütterlicher als jeder Fels. Jesus Christus ist sicherer als jede Versicherung. Jesus Christus ist Meister jeder Krise…

Ja… das alles ist schon wahr… Aber das ist eine von dieser Sorte Wahrheiten, die theoretisch völlig richtig klingen und um so schwerer in den Alltag unseres Lebens hinein sprechen. Hat denn der Verfasser des Hebräerbriefs überhaupt eine Ahnung davon, wie es uns heute geht? Lebte er nicht in einer ganz anderen Zeit? War damals nicht alles viel ruhiger?

»Unser Volk ist bei seiner Gegenwart angekommen; es sieht nicht vorwärts, es weiß von keinen Jahrhunderten mehr. Es sieht nur noch den Augenblick und fühlt zur noch den Herzschlag des Jetzt.«

»Unsere Gesellschaft hinterlässt auf der einen Seite zerstörte Kontinente, verwüstete Landschaften, zahllose Menschen im Elend und auf der anderen Seite wird das Leben zum ewig rauschenden Fest aus Brot und Spielen. Marmor aus Nordafrika, Seide aus China, Raubwild aus Asien, Zitrusholz für die Tafel. Nach sämtlichen Gütern der Erde gieren mit Waffengewalt Soldaten als streunende Räuber. Was fällt den Schlemmern noch ein? Da bringen sizilianische Kutter lebende Seepapageien zu Tisch, die Lagune von Baiae fördert Austern herauf und bietet sie auf dem Naschmarkt. Wer Appetit will, zahlt.«

»Unerwünschte Neugeborene werden von den Müttern erstickt oder irgendwo weggeworfen. Man findet sie vor den Toren auf Schritt und Tritt.«

»Eine Ehe, die in Ordnung ist, gilt als sicheres Zeichen dafür, dass der Mann ein Tölpel und die Frau ein Blaustrumpf ist. Die neue Zeit hat sich ein neues Gewohnheitsrecht geschaffen: die »Konsens-Ehe«, die den Personenstand der Frau nicht verändert und nicht mehr berührt. Man pflegt die Ehefrau eines anderen abzuklopfen wie eine Partnerin beim Tanz. Niemand oder kaum jemand aus der fortschrittlichen Gesellschaft verdirbt das Spiel.«

Diese Gesellschaftsbeschreibungen hat kein moderner Zeitungsredakteur geschrieben. Was in unseren Ohren klingt wie eine drastische Beschreibung unserer heutigen westlichen Gesellschaft, ist in Wirklichkeit nahezu 2000 Jahre alt. Diese Worte stammen von Schriftstellern aus dem alten Rom. Sie wurden zum Teil in der Zeit geschrieben, als der Verfasser des Hebräerbriefs lebte und die Worte an seine Leser schrieb: »Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und für alle Zeiten!«

Auch damals war es nicht leicht, als Christin und Christ in dieser Welt zu leben. Man musste zum Teil erheblich gegen den Strom schwimmen, wenn man seinem Glauben treu bleiben wollte. Es war mühsam und ermüdend. Und gerade deshalb stand der Verfasser des Hebräerbriefs auf dem Standpunkt: Gegen Glaubensmüdigkeit hilft vor allem der Blick auf Jesus Christus. Für Jesus sind es gerade nicht die Tüchtigen, die Starken, die großartigen Charakter, die vorne stehen, wenn es um Gott und um sein Reich geht. Die Starken sind nicht in der Lage, in den Bahnen der Barmherzigkeit zu denken. Für sie zählt Leistung vor Gott und den Menschen. Die Schwachen aber sind sehr viel besser fähig, Gottes Barmherzigkeit zu begreifen, weil sie leistungsmäßig gar keine Chance haben. Deshalb können sie Gottes Gnade an sich selbst wirken lassen.

Und der Verfasser des Hebräerbriefs bekam recht durch die Geschichte. Die römische Gesellschaft griff nach den christlichen Werten. Auf diese Weise konnte sie den eigenen Untergang zwar nicht verhindern, aber hinauszögern. Und sie legte die Grundlagen für das christliche Abendland.

Heute tun wir uns mit der Barmherzigkeit schwer. Es scheint ein allgemeiner gesellschaftlicher Konsens zu sein, dass man sich sein Existenzrecht durch Leistung erwirkt. Ich leiste was, also habe ich ein Recht darauf, da zu sein. Wer nichts leistet, hat dieses Recht zunehmend weniger. So jemand liegt ja allen bloß auf der Tasche.

Hier spricht der christliche Glaube deutlich eine andere Sprache: Jeder Mensch hat zunächst einmal das Recht, da zu sein, noch bevor er irgendetwas geleistet hat, einfach weil jeder Mensch von Gott gewollt ist.

Es ist diese Glaubensgrundlage, die viele Christinnen und Christen dazu bringt, sich ehrenamtlich für Schwächere einzusetzen mit allen Risiken, die es dabei durchaus gibt.

So ähnlich handelten schon jene Christen vor 1900 Jahren, die während bürgerkriegsähnlicher Unruhen in Alexandria allen beistanden, denen sie helfen konnten – egal auf welcher Seite sie standen. Solche Ereignisse hatte der Verfasser des Hebräerbriefs wohl vor Augen, dazu die vielen Christinnen und Christen, die in Armenküchen, Pflegeeinrichtungen, Schulen und auch so bei der Arbeit ihre Barmherzigkeit üben. »Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und für alle Zeiten!«

Wird unsere Gesellschaft das insgesamt begreifen und für sich annehmen können? Wahrscheinlich nicht so, dass alle Jesus Christus so schätzen werden wie wir. Wahrscheinlich wird uns aber auch in Zukunft niemand verbieten, Christen zu sein und unseren Lebenssinn im christlichen Glauben zu finden. Denn was die Gesellschaft von uns Christen schon längst übernommen hat, das ist das Grundverständnis, für das Jesus Christus steht: Jeder Mensch, und sei er auch noch so schwach, krank, alt oder behindert, hat seine unveräußerliche Würde. Diese Auffassung teilen viele in unserer Gesellschaft – und unsere Hoffnung, dass jeder Mensch ein menschenwürdiges Leben führen kann.

Unsere Gesellschaft braucht Werte und sie wird sich verstärkt bei uns Christen danach umsehen. Lasst uns bereit sein, unserer Gesellschaft mit dem zu dienen, was wir wissen und was wir haben.

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