Zur Mitte des Weihnachtsfestes führen

Liebe Gemeinde!

Bei Assisi gibt es die prächtige Basilika St. Maria degli Angeli, ein imponierendes Gebäude, erbaut um und über die ärmlich kleine Kapelle Parziuncola, die Franziskus so sehr geliebt hat, weil sich ihm dort Gottes Geheimnis erschloss. Merkwürdig, wie der primitive Bau zur selbstverständlichen Mitte wird, wie die ihn umgebende Pracht zurückbleibt. Für mich ist dies eine eindrucksvolle Beschreibung des Weihnachtsfestes, das sich von Generation zu Generation, von Jahrhundert zu Jahrhundert immer schöner, immer prächtiger um die Geburt Jesu ausgeschmückt hat.

Während ein Besucher, eine Besucherin dieser Kirche immer wieder zu der kleinen schlichten Kapelle findet, findet mancher Mensch den Weg zur Mitte des Weihnachtsfestes nicht mehr. Zu viele äußere Dinge faszinieren und halten auf oder haben ihre Anziehungskraft verloren. Ältere werden in der Erinnerung manchmal wehmütig daran denken: „Ach, könnte ein Kind ich noch einmal sein…“

Zur Mitte des Weihnachtsfestes führen, wollen die Sätze, die der Apostel Paulus an seine Gemeinde in Galatien schreibt.

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1. Als aber die Zeit erfüllt war …

Dem Apostel ist diese Betonung der Menschwerdung Gottes angesichts der damaligen wie heutigen vorhandenen esoterischen Vorstellungen besonders wichtig. Gott sendet keine kosmischen Strahlen, nicht einfach Licht, bündelt keine positiven Energieströme, bringt keine Mondsteine unter die Menschen, sondern wird in einem Kind ein Mensch unter Menschen.

Damals wie heute erinnert Paulus daran, dass unser Suchen ein Ende hat. Im Gegensatz zu der Ode „An die Freude“, in der Friedrich Schiller feierlich beschwörend auffordert:

„Such ihn überm Sternenzelt! Über Sternen muss er wohnen.“, lautet die Botschaft von Weihnachten: „Unser Gott kommt und schweiget nicht.“ (Ps.50,3a)

Und sein Kommen erfüllt sich nicht nach menschlichen Maßstäben: gewaltig und eindrücklich durch Machterweis oder durch Terror mit Angst und Schrecken. Gottes Kommen: er wird ein Mensch wie du und ich, geboren von einer Frau wie du und ich.

Warum als Kind? Und ich antworte: Warum nicht?

Haben Sie schon mal bemerkt, wie ein kleines Kind die Atmosphäre zwischen Erwachsenen verändert, selbst wenn diese sich gar nicht kennen? Im Bus oder im Zug ist ein kleines Kind oft der Anlass, dass andere Mitfahrer mit Vater oder Mutter ins Gespräch kommen. Laute Töne hört man selten in der Umgebung eines kleinen Kindes, und grantige Gesichter hellen sich auf, manche lächeln sogar. Gott will uns verändern.

Warum als Kind?

Und ich antworte mit Eugen Drewermann: „Ein Kind kann man nicht für seine Tüchtigkeit und seine Leistung lieben, es kann ja noch gar nicht, es tut noch nichts Nützliches. Ein Kind kann man nicht dafür lieben, dass es etwas Besonderes besäße. Oder vorzuzeigen hätte, – es hat im Gegenteil noch nichts zu eigen; man muss es schon, wenn man es lieben will, um seiner selbst willen lieben. Das Geheimnis des Kindes, dass es uns durch sein bloßes Dasein nötigt, es zu lieben, und dass es davon lebt, für nichts geliebt zu werden …“

Gott will uns zur Liebe bewegen.

Heute geht aus seiner Kammer Gottes Held, der die Welt reißt aus allem Jammer. Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute, Gottes Kind, das verbind’t sich mit unserm Blute. (EG 36,2)

2. Damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste …

Damals hat der Apostel Paulus wohl das jüdische Gesetz mit seinen akribischen Einzelvorschriften vor Augen. Sie sollten sicherstellen, was es heißt gerecht und fromm zu leben. Damals hatte er wohl die Auseinandersetzungen der christlichen Gemeinde im Ohr, die darüber stritten, ob ein Christ erst beschnitten werden müsse oder nicht.

Und so erinnert Paulus daran, dass Gott allein die Erlösung in Jesus Christus schenkt, eine den ganzen Menschen ergreifende Befreiung.

In einem Theaterstück von Schiller wirft der junge Mann seinem Vater vor, dass er jeden Tag hobeln und spänen ginge, nur um hobeln und spänen zu können. Und am Sonntag würde er in die Kirche gehen, um dafür zu danken, dass er hobeln und spänen darf. Der Vater reagiert zu recht tief erschüttert, sieht er doch sein ganzes Leben in Frage gestellt. Aber der Sohn hat auch Recht, denn die Arbeit darf nicht der Inhalt des ganzen Lebens sein. Der Sinn des Lebens darf nicht allein im Berufsleben liegen. "Ein Mensch ging in seinen Pflichten auf und schaffte froh und munter, bevor er es aber merkte, ging er in seinen Pflichten unter!", dichtet Eugen Roth.

Darum geht es dem Apostel: den Sinn des Lebens an Weihnachten wieder zu finden. Sich nicht abfinden, dass die Verhältnisse nun mal so sind wie sie sind, vielmehr sich von der Botschaft des Kindes Gottes rufen lassen: „Kommt her, alle, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken!“ (Matthäus 11,28)

Und damit sind alle gemeint, die unter der Arbeitsüberlastung leiden wie die, die keine Arbeit mehr haben und letztlich keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt für sich erkennen können.

Und damit sind alle gemeint, die unter den psychischen Lasten ihres Alltags leiden, Kinder und Schüler, Jugendliche auf der Suche nach Ziel und Sinn, Menschen durch Krankheit oder Behinderung innerlich und /oder äußerlich gefesselt, Alte und Hochbetagte, die vielfältige Einschränkungen hinnehmen müssen.

Und damit sind alle gemeint, die eingespannt sind in die unterschiedlichsten Ansprüche. Politiker und Politikerinnen, Manager und Bankiers, Wissenschaftler und Forscher die im Meinungsstreit ihrer Aufgabengebiete Entscheidungen zu treffen haben. Eltern, die oft hin und her gerissen sind zwischen den Generationen, wo Kinder ihre Rechte fordern und die alt gewordenen Eltern mehr Achtung einklagen.

Inmitten dieser vielfältigen und sicherlich noch weiter fortzuführenden Aufzählung erinnert der Apostel an Gottes Weihnachtsgeschenk: die unverhoffte Erlösung durch seinen Sohn.

Er nimmt auf sich, was auf Erden wir getan, gibt sich dran, unser Lamm zu werden, unser Lamm, das für uns stirbet und bei Gott für den Tod Gnad und Fried erwirbet. (EG 36,4)

3. Damit wir die Kindschaft empfingen …

Was soll das heißen? Sollen wir Kinder werden, kindlich denken und handeln? Nein.

Es heißt, wir sollen uns einfach wie Kinder beschenken lassen. Wie wir die wichtigsten Dinge, von denen wir leben, uns nicht selber machen können, sondern anderen verdanken: z.B. Zuneigung, Liebe, Achtung, Vertrauen, Hilfe und Unterstützung.

Albrecht Goes bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Wir können dich, Kind in der Krippe, nicht fassen, wir können die Botschaft nur wahr sein lassen.“

Und die Wahrheit dieser Botschaft – so der Apostel – lautet: Ich bin Gottes Kind und darf Gottes Besitz – seine Liebe und sein Himmelreich – sein Eigen nennen dürfen. Es heißt aber auch andererseits, Verantwortung zu übernehmen und damit im Sinne des Erblassers zu haushalten.

Und wer sich diese neue Würde gefallen lässt, kann dann gar nicht anders mehr als sich so zu verhalten wie Gott: „Mach’s wie Gott! Werde Mensch!“

Mensch sein heißt dann: das, was ich kann, nicht für mich selber behalten um mich zu wie auch immer zu verwirklichen, sondern meine Fähigkeiten einzusetzen für andere, oder wie Luther einmal gesagt hat: „dem Nächsten ein Christus werden“.

Wenn uns das als Christen bewusst ist, dann bekommt das Weihnachtsfest eine noch tiefere Bedeutung. Dann können wir uns alle Jahre wieder an dem Gedanken freuen: Du bist Gott so viel wert: Du und ich, wir sind sein Kind.

Weihnachten ist mehr als ein jährlich wiederkehrendes Fest, wie der Apostel Paulus betont, Weihnachten ist vielmehr der stets neue Anfang eines verheißungsvollen Lebens, der im Vertrauen auf diesen uns so menschlich nahe gekommenen Gott sich von seinem Geist bewegt.

Wie das aussehen könnte?

Darauf verweisen auch die Gedanken eines unbekannten Autors aus Brasilien (gefunden: Aus dem Himmel ohne Grenzen, Hans Steinacker, S. 237):

„Jedes Mal, wenn zwei Menschen einander verzeihen,

ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn Eltern und Kinder füreinander Verständnis zeigen,

ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn ihr einem Menschen helft,

ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn jemand beschließt, ehrlich zu leben,

ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn ein Kind geboren wird,

ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn du versuchst,

deinem Leben einen neuen Inhalt zu geben,

ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn zwei Menschen sich lieben

in tiefer und ehrlicher Liebe,

ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn ihr einander anseht mit den Augen des Herzens,

mit einem Lächeln auf den Lippen,

ist Weihnachten.

Denn es ist geboren die Liebe.

Denn es ist geboren der Friede.

Denn es ist geboren die Gerechtigkeit.

Denn es ist geboren die Hoffnung.

Denn es ist geboren die Freude.

Denn es ist geboren Christus der Herr.“

Die ihr arm seid und elende, kommt herbei, füllet frei eures Glaubens Hände. Hier sind alle guten Gaben und das Gold, da ihr sollt euer Herz mit laben. (EG 36,9)

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