Weihnachten einmal nüchtern betrachtet

Was bleibt eigentlich übrig, wenn wir Weihnachten abschmücken? Ein kahler, trockener Baum? Mehr oder weniger gelungene Geschenke? Die Hoffnung aufs nächste Jahr? Es geht immer so schnell, auch wenn heute eigentlich erst Weihnachtstag ist. Was bleibt eigentlich von Weihnachten übrig, wenn wir abschminken, etwas von der romantisierenden wohligen Stimmung wegnehmen, nüchterner und sachlicher werden ohne Lametta und „Stille Nacht“? Bleibt überhaupt etwas übrig außer einem kleinen Kind in einer armseligen Krippe ohne richtigem Dach über dem Kopf und mit der Aussicht auf eine wenig amüsante Weiterreise? Weihnachten – einmal ganz nüchtern betrachtet! Geht das überhaupt?

Der Predigttext zum ersten Weihnachtstag kommt mir auf den ersten Blick so wie eine weihnachtliche Reduktionsdiät vor. Abgeschminkt und konzentriert auf das wenige dann wirklich Unaufgebbare.

– als die Zeit erfüllt war

– sandte Gott seinen Sohn

– geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan

– damit er die , die unter dem Gesetz waren erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.

Das wenige, das doch eigentlich alles ist.

Die Zeit war erfüllt. Es lag also in der Luft. Die alte Zeit hatte sich überholt, war an ihr Ende gekommen. Es war Zeit für ein neues Zeitalter. Die Menschen und Paulus mit ihnen waren apokalyptisch gestimmt. Sie erwarteten und erhofften radikale Umbrüche, eine neue Zeit und eine neue Welt. Wir denken oft eher, es wird immer alles so bleiben wie es ist. Lediglich der technologische Fortschritt wird immer schneller große Veränderungen bringen. Den Gedanken an alles umkehrende Katastrophen wie der Klimakatastrophe, einem globalen Krieg oder politischen Umwälzungen blenden wir aus.

Aber unabhängig davon: Weihnachten bedeutet, dass etwas völlig neues hat mitten unter uns angefangen hat. So grundlegend, dass Menschen anfingen ihre Jahre danach zu zählen, die Zeit in eine vorchristliche und christliche Zeitperiode einzuteilen. Paulus kann sich kein nachchristliches Zeitalter vorstellen, wie es heute manchmal angesagt wird. Für ihn hat es die eine alles entscheidende Wende gegeben.

Es gab eine Zeit, da sollte hierzulande nicht mit jedem Jahr an Christi Geburt erinnert werden. Von der Zeit vor der Zeitenwende und nach der Zeitenwende war die Rede und ohne es zu merken hat man so dem Bekenntnis des Apostels Paulus recht gegeben.: mit dem Kind von Bethlehem war die Zeit erfüllt.

Nun ist eine Geburt immer ein ganz besonderes Wunder: Wer es miterlebt hat, weiß um die Mühen, aber ebenso um das unglaubliche Glücksgefühl, ein neues Leben in den Händen zu halten mit all den Möglichkeiten, die das Leben bereit hält und die noch ganz offen und völlig unentschieden vor diesem Menschenkind liegen.

Aber Weihnachten feiert nicht einfach nur das Wunder des Lebens, sondern feiert , dass Gott in seinem Sohn erschienen ist und sich mit Flagge und einem erkennbaren Gesicht zeigt.

Es ist Gott, der uns in Jesus begegnet, nicht einfach nur ein Gutmensch, ein Idealist, ein Vorbild, ein Heiliger. Nein mit seinem Zuspruch: „du bist wichtig“ und seinem Anspruch „Folge mir nach“ ist es Gott selbst, der uns ruft und in die Pflicht nimmt.

Es gibt eine christliche Traditionslinie, die sagt, nicht das Kreuz und die Auferstehung sind das zentrale Heilsereignis, nicht Karfreitag und Ostern die wichtigsten Feste, sondern Weihnachten, weil Gottes Menschwerdung, Gottes Kommen in unsere Zeit und unsere Welt das entscheidende ist. Gott wurde Mensch, damit der den Menschen zu sich, zu Gott, ziehen könne.

Es gibt immer wieder Zeiten einer großen Jesusbegeisterung. Jede Zeit entdeckt Jesus für sich neu mit anderen, vorher nicht so beachteten Zügen. Aber das es Gott ist, der in Erscheinung tritt, der den Weg über ein kleines hilfloses Kind zu uns sucht, ist und bleibt der Kern der Weihnachtsbotschaft.

Gott wird Mensch in einer konkreten Zeit und in konkreten Verhältnissen. Die Zeit kann benannt werden. Seine menschliche Herkunft ebenso: geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan. Wenn es in der Bibel heißt “von einer Frau geboren“ dann ist nichts anderes gesagt als: ein Menschenkind. Das zeichnet uns Menschen aus. Geboren von einer Frau, der Mutter, in der das Kind heran wuchs. Es ist zu wenig, Jesus nur für den Gottessohn zu halten. Er ist ebenso Menschenkind.

Paulus hat damit bereits mit den Worten eines alten Bekenntnisses gelernt, was die Väter und Mütter des Glaubens in einem Glaubensartikel die Lehre von den zwei Naturen genannt haben: wahrer Mensch und wahrer Gott. Daran soll keiner zweifeln, dass Jesus Mensch aus Fleisch und Blut, mit Hoffnungen und Ängsten, mit Träumen und Ernüchterungen war. Deswegen ist er uns so nah. Aber es ist eben Gott, der in diesem Menschen sich zu Wort meldet, ohne wenn und aber.

Jesus ist Sohn des jüdischen Volkes, also unter das Gesetz getan, hat das Vertrauen zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, schon mit in die Wiege gelegt bekommen, so dass „Abba, lieber Vater“ beinahe seine ersten Worte hätten sein können. Wie oft ist tragischer Weise vergessen worden, was wir damit diesem Gottesvolk verdanken – mit diesem Kind auch seines Volkes. Aber er ist eben auch unter den Vorzeichen menschlichen Lebens geboren. Geboren um zu sterben, unter das Gesetz des Lebens getan und damit wahrhaft einer von uns gerade in den Nöten und Brüchen des Lebens.

Manche werden erleichtert festgestellt haben, dass Paulus so nüchtern von einer Frau und ihrem Kind spricht. Das klingt in den Evangelien und im Glaubensbekenntnis immer so viel schwieriger: geboren von der Jungfrau Maria. Das will und kann kaum noch einer glauben. Josef muss früh gestorben sein, deswegen ist wohl so schnell von ihm gar keine Rede mehr. Und dennoch denke ich, würde auch Paulus mitbekennen: geboren von der Jungfrau Maria. Denn er wusste: dieses Kind kommt ganz und gar von Gott, ist Gott. Dieses Kind ist ganz und gar Mensch, geboren von einer Frau mit Namen Maria. Es bleibt ein Geheimnis und ein Wunder, dass die Evangelien und der Apostel weitersagen wollen.

Denn sonst könnte nicht mehr sein, was eigentlich Ziel und tragender Grund dieses Tages ist: auf dass wir alle Kinder Gottes seien. So wie Paulus von Weihnachten redet, ist Weihnachten wirklich schon alles geschehen,hat sich alles erfüllt, feiern wir die Zeitenwende. Denn nun sind wir Kinder Gottes, weil Jesus uns Bruder geworden ist.

Gott ist ganz unmittelbar, nicht mehr geheimnisvoll entrückt, sondern mit Händen zu greifen mitten unter uns. Wir kommen an ihm letztlich nicht mehr vorbei. Er bleibt allen Ankündigungen, allen Behauptungen zum Trotz dauerhaft Thema und im Gespräch. Der Glaube an ihn wird nicht verschwinden, selbst wenn sich die Gestalt der Kirche wandelt.

Was bleibt also am Ende von Weihnachten?

Alles bleibt, auch wenn ich es ganz nüchtern betrachte und meine auf das Notwendige reduzieren zu können. Es bleibt alles, auch das was uns die Geschichten der Evangelien so anschaulich nahe bringen. Weihnachten lässt sich seinen Glanz nicht nehmen. Und es bleibt, das nun alles wirklich anders ist. Gott ist Mensch geworden und wir sind seine Kinder. Leben wir also in dieser Gewissheit und mit diesem Angebot voller Vertrauen Kinder sein zu dürfen – das ist Weihnachten.

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