Kind in der Krippe

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, ob Sie zu Hause Krippen aufgebaut haben. Das heißt, ich weiß es nur von einigen. Da gibt es welche, die haben lebensgroße Figuren und wiederum welche, die haben sozusagen die Kleinstkrippe für das Beistelltischchen oder das Fensterbrett. Denken Sie also an Ihre eigene Krippe zu Hause. Was gehört unbedingt dazu, was variiert vielleicht ein wenig? Ich weiß noch, als ich Kind war, da hatten mein Bruder und ich selber noch Könige dazu getöpfert, so dass seit jenem Zeitpunkt immer Heilige fünf-Könige an der Krippe versammelt waren. Gestört hat uns das nie – schlussendlich ist ja alle Welt an diese Krippe eingeladen, warum also nicht noch ein paar mehr Könige? Es gibt aber Figuren, die für diese Krippenszene wirklich unerlässlich sind. Das Klassische wären Maria und Josef, Ochs und Esel, Engel, Hirten und die Krippe selbst. Aber auch da könnte man noch reduzieren, je nach Platz und Geschmack. Was aber niemals fehlen darf, sonst ist die ganze Weihnachtsszene umsonst – Sie wissen es – ist das Kind selbst in der Kippe. In diesem Kinde glauben wir Gottes Sohn und das heißt ja nichts anderes als Gott selbst. Wir wissen nicht, wie dieses Kind aussah – wir wissen sowie so recht wenig über diese Heilige Nacht, die wir gestern gefeiert haben. Nur, dass die Umstände recht bescheiden waren. Die Geburt des Kindes sehr ärmlich und unter widrigen Umständen stattfand. Trotzdem wird das Jesuskind immer als strahlend und freundlich, ja als Wonneproppen dargestellt. „Knabe im lockigen Haar“ sagt es ein Weihnachtslied, das in vielen Kirchen am Hl. Abend nicht fehlen darf. Die Gefahr des Kitsches zieht ein und ist bereit, die Botschaft dahinter zu verdrängen. Wir hören heute die Geburtsgeschichte als Predigtwort, diesmal nicht aus den Evangelien, sondern in der Schilderung des Paulus, wie er es im Brief an die Galater im vierten Kapitel, die Verse vier und fünf beschreibt.

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Ja, liebe Gemeinde, das ist viel weniger detailfreudig als so manche Krippendarstellung. Einfach nur: als es Zeit war, sandte Gott seinen Sohn. Wie? Er wurde von einer Frau geboren und stand unter dem Gesetz. Er wurde also, liebe Gemeinde, geboren wie wir alle. Unter das Gesetz heißt nichts anderes, als in die Entfremdung von Gott hinein – in die Sünde – so wie wir alle. Warum tut dies Gott? Paulus schreibt: damit er alle, die unter der Sünde zu leiden hatten erlöste. Wozu? Damit diese alle Gottes Kinder werden können. Gott wird Kind in der Krippe, damit wir Kinder Gottes werden können. Wozu? Paulus schreibt: damit wir rufen können: Abba, lieber Vater! Tatsächlich: Gott stellt unsere Sicht der Dinge wieder einmal auf den Kopf. Nicht wir betrachten den Knaben im lockigen Haar, wie Erwachsene gerne kleine Kinder betrachten. Nein, wir sollen selber wieder zu Kindern werden. Diese Tat an Weihnachten macht den Weg frei zu Gott-Vater hin. Wir dürfen uns lösen aus unserer Erstarrung, die den Erwachsenen gerne anfällt. Die Erstarrung des „Es-geht-nicht“, „Es-kann-nicht-sein“, die Erstarrung der Distanz und des Abstands. Das Kind in der Krippe bringt es fertig, dass wir diesen Abstand überwinden, selber wieder Kinder werden. Kinder zu werden heißt in diesem Zusammenhang nicht infantil zu werden. Wir werden dadurch nicht unmündig oder müssen wieder mit dem Löffel gefüttert werden. Kind zu werden heißt in diesem Zusammenhang erst einmal das, was Paulus selbst benennt: wieder Vertrauen haben zu dürfen. Abba ist die liebevolle Anrede des Vaters in der Muttersprache Jesu. Mein lieber Vater. Wir hören es bei der Taufe – wer nicht wird, wie ein Kind, wird das Himmelreich nicht ererben. Ein kindliches Vertrauen zu Gott zu haben heißt nichts anderes, als ein unendliches Vertrauen zu haben. Es gibt einfach nichts, was sich zwischen Gott und den Menschen stellen kann. Die Entfremdung, die Barriere, die Distanz ist weg. Weggewischt durch dieses Kind in der Krippe. Kind zu werden heißt dann allerdings noch mehr. Die Kinder werden zu Erben. Zu Erben dieser Befreiungstat Christi. Christus ist für uns am Kreuz gestorben, so bekennen wir es. Er hat uns damit frei gemacht – wir sind keine Knechte der Sünde mehr. So sagt es Paulus. Aus dieser Tat sind wir seine Erben geworden. Was er geleistet hat, was er aufgebaut hat – so würden wir es vielleicht heute sagen – davon werden wir profitieren. Bzw. davon profitieren wir heute schon.

Das alles ist schon lange her – so werden viele von Ihnen vielleicht denken. 2000 Jahre und so viel ist bisher geschehen in der Geschichte und doch hat sich so wenig geändert. Vielleicht auch das jährliche Feiern dieses Geburtstages Jesu, dieses Gedenktages an das, was er uns vermacht hat, ändert doch nicht wirklich viel? Ich weiß, dass bei vielen Familien der Streit schon wieder nach der Bescherung losgeht und der Alltag fängt mit aller Macht an, an den feierlichen Momenten zu zerren, damit er sie in der Luft zerreiße. Und doch beharre ich in der Auslegung auf dieser Macht Gottes, die bereit ist, unser Leben zu ergreifen. Auf dieser Macht, die sich durchsetzen will, obwohl vieles nicht im Idealzustand ist und sich anscheinend auch nicht zum Besseren hin verändern mag. Gott selbst hat sich einen dunklen Fleck ausgesucht, um sein Heil leuchten zu lassen. „Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt“ – haben wir in der Adventszeit gesungen. Die Geburt Jesu fand nicht statt im Königspalast, sondern in einem Stall. Nicht die Mächtigen haben zuerst davon gehört, sondern die Hirten. Sie kennen diese Symbolik, wenn Sie Ihre Krippen aufbauen. Und es bleibt wahr: Gott ist in diese Niedrigkeit der Welt hinabgestiegen, er hat sich bis in Äußerste erniedrigt, um uns Menschen nahe zu kommen. Diesem Menschenschicksal, das so oft von Leid und Schmerzen, von Enttäuschung und gescheiterten Beziehungen geprägt ist. Das ist ja die Frohbotschaft: dein Leid wird ein Ende haben. Darauf kannst du dich verlassen. Wer im Leid steckt und dieses hört, dem fällt es schwer, sich darauf einzulassen. Zu vieles und zu Schweres will ihn wieder in die Dunkelheit ziehen. Und dennoch gibt es diese Momente auch: wo das Leben aufleuchtet wie ein heller Stern, wo staunende Kinderaugen vor dem Christbaum einem das Herz vor Freude übergehen lassen. Momente, in denen einem der liebgewonnene Partner etwas schenkt und man merkt: es kommt wirklich von Herzen. Es sind die Momente des gelingenden, nicht des scheiternden Lebens. Paulus nennt sie die Momente, wo der Himmel offen steht. Wie ein Kind zu werden und das Erbe Jesu anzutreten heißt dann nichts anderes, als darauf zu vertrauen, dass mehr solcher Momente in unserem Leben einziehen werden. Die Hoffnung übersteigt sogar unser Leben hier und verweist auf ein Leben, das diesem hier angeschlossen ist. Gelingendes Leben bei Gott in seiner Vollkommenheit als das Bild, auf das wir hoffen. Unbedingt daran festhalten, dass es ein Gott der Liebe ist, dem wir unser Leben anvertrauen.

Es gab eine Epoche in der Kunstgeschichte, da hat man die Kirchen mit viel Gold und Geschmeide ausgeschmückt, überall Engel angebracht und überhaupt versucht, eine Gegenwelt zur Welt „draußen“ zu schaffen. Viel Geld wurde dafür aufgewandt – das können wir Heutigen kaum mehr verstehen: warum hat man es nicht den Armen gegeben? Und dennoch sind diese Kirchen gerade für viele Arme der beste Anschauungsunterricht für den Glauben geworden. Kurze Momente des Glanzes, des Lichtes, der Wärme und der Geborgenheit in einer kalten Welt. Ein Stück dieser Stimmung ist an Weihnachten geblieben. Auch in unseren nüchternen Kirchen stehen die Bäume, die Sterne und die Engel. Kerzenlicht erleuchtet den Raum. Zu Hause findet sich alles ähnlich, je nach Geschmack dieses oder jenes verstärkt und trotzdem eine ähnliche Stimmung auslösend. Momente des Friedens und des Glücks. Und das, liebe Gemeinde, um daran zu erinnern, wo Gott mit uns hin will. Dass aus den wenigen Momenten erfüllten Lebens hier uns einst ein Strom vollkommenen Lebens werden wird und sein darf, ohne Beeinträchtigungen, wie wir sie heute alle kennen. Das Staunen des Kindes vor dem Christbaum darf unser eigenes, kindliches Staunen werden: so viel Licht, so viel Glanz, so viel Freude. Ja, liebe Gemeinde, dazu seid ihr als Kinder Gottes bestimmt. Das ist euer Erbe, das ist euer Geschenk. Einmal im Jahr, zu den Weihnachtstagen, wird ganz besonders – in ganz besonderer Stimmung daran erinnert.

Paulus schreibt seine Worte an die Galater deshalb, damit sie sich dieses immer vor Augen halten mögen. Wer so vertraut wie ein Kind, der kann aus diesem Vertrauen anders in der Welt leben, die ihn umringt. Die Welt hat dann auch wieder ihren Zauber. Er wird in den kleinen Dingen Gottes Wirken für sich beschreiben können. Er wird nicht völlig verzweifeln in dem, was ihm widerfährt. Diese Hoffnung darf in ihm bleiben und ihn verwandeln – Stück für Stück – zu einem neuen Menschen.

Schauen Sie sich Ihre Krippen zu Hause noch einmal an. Wo hätten Sie sich hingestellt, wenn Sie selbst eine Figur darin gewesen wären? Christus lädt Sie ein, ganz nahe zu kommen – näher, als die meisten Figuren stehen: selbst Kind zu werden, ihn zu beerben in seinem Kindsein vor Gott: Abba, – mein lieber Vater!

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