Schnuller, Führerschein, Brille

Liebe Gemeinde am ersten Weihnachtstag,

wir haben heute ein Kind Noah Malik Coefield getauft. Wir haben das Kind gesehen und wir haben gemerkt, was für ein Wunder so ein Kind ist. Hinter diesem Wunder, dass wir Menschen Kinder haben und Kinder aufwachsen sehen steht ein anderes Wunder. Unser Predigttext zeigt uns dieses Wunder. Er sagt: Wir sind Gottes Kinder. Das feiern wir an Weihnachten. Gott ist auf die Welt gekommen in einem kleinen Kind, damit wir zu seinen Kindern werden.

Ich lese aus dem Brief des Paulus an die Gemeinden in Galatien, das liegt in der heutigen Türkei, Kapitel 4, die Verse 4-7:

[TEXT]

Wir sind Gottes Kinder. Was heißt das?

Ich habe drei Dinge mitgebracht, die das verdeutlichen sollen.

Das erste ist ein Schnuller. Alle Babys sind Gottes Kinder. Sie wachsen langsam im Bauch der Mutter. Und wenn ein Baby auf die Welt kommt, dann sehen wir es an und wissen: Das ist ein Wunder. In dem Gesicht eines Kindes sehen wir noch etwas von der Welt aus der es her kommt. Wir wissen genau dieses Kind kommt von Gott und es ist für uns eine Aufforderung Gottes es zu lieben. Das wissen alle Eltern, wenn sie ihr Kind zum ersten Mal anblicken, egal ob sie an Gott glauben oder nicht. Wir kommen von Gott her. Und wir kommen in die Welt um zu lieben und geliebt zu werden. Gott ist die Liebe. Also sind wir seine Kinder.

Hermann Hesse sagt dazu: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Diesem Zauber der neugeborenen Babys kann sich niemand entziehen. Aber was ist, wenn Menschen älter werden? Ist dann noch genauso klar, dass sie Gottes Kinder sind?

Der zweite Gegenstand, den ich Ihnen mitgebracht habe, ist ein Führerschein. Mit 18 Jahren kann man den Führerschein machen und Auto fahren. Laut Gesetz ist man dann erwachsen und voll geschäftsfähig. Man trägt Verantwortung zum Beispiel für die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer. Denn ein Auto ist gefährlich. Wenn man unverantwortlich damit umgeht, kann das andere und einen selbst das Leben kosten. Ein Führerschein bedeutet, dass man im Stande ist diese Verantwortung zu tragen. Ein Führerschein bedeutet aber auch eine neue Bewegungsfreiheit.

Was heißt das jetzt für unser Kind Gottes Sein? Auch wenn wir 18 und damit erwachsen sind, bleiben wir doch Kinder Gottes. Genau wie meine jetzt 18 werdende Tochter Rahel immer noch meine Tochter bleibt auch wenn sie kein Kind mehr ist. Aber das Tochtersein hat sich verändert. Sie hat jetzt die Verantwortung für sich selbst. Sie trifft ihre Entscheidungen selbständig. Wenn Sie in der Schule fehlt braucht sie keine Unterschrift von mir mehr für ihre Entschuldigung. Sie kann ihre Entschuldigung selbst schreiben. Sie trifft ihre Berufswahl. Sie entscheidet, was sie werden will. Sie ist frei.

So ist es auch mit uns Erwachsenen gegenüber Gott. Wir bleiben zwar Gottes Kinder, aber wir sind frei. Wir treffen unsere eigenen Entscheidungen für unsere Zukunft. Wir haben selbst die Verantwortung für unser Leben. Gott traut sie uns zu. In der Beziehung zu Gott haben wir einen Führerschein. Gottes Kind zu sein schränkt uns nicht in unserer Freiheit ein.

Allerdings hilft es uns beim verantwortlichen Handeln. Meine Tochter Rahel trifft ihre Entscheidungen selbst. Aber vorher fragt sie mich ganz gerne um Rat. Sie möchte wissen, was ich zu einer Frage denke, und dann überlegt sie sich, ob sie meinem Rat folgen will oder nicht. Sie findet es nützlich, zu erfahren, was ich denke, denn ich habe mit meinen fast 50 Jahren etwas mehr Lebenserfahrung als sie. Ich glaube das gehört auch zum Kind Gottes sein. Wir können Gott um Rat fragen in den Schwierigkeiten unseres Alltags. Wir können im Gebet unsere Fragen vor Gott ausbreiten. Manchmal klärt sich dadurch etwas. In der Beziehung zu Gott haben wir eine Orientierung, was gut und was böse ist. Gut zu handeln hilft einem im Leben zurecht zu kommen und die eigene Verantwortung wahrzunehmen.

Als dritten Gegenstand habe ich Ihnen eine Brille mitgebracht. Wenn man älter wird, lassen die Augen nach. Seit ein paar Jahren brauche ich jetzt auch eine Lesebrille. Meistens habe ich sie dann vergessen, wenn ich irgendwohin gehe. Das ist ganz schön lästig, wenn man im Supermarkt die Etiketten nicht mehr lesen kann und die Suppe nach gut Glück kaufen muss. Manchmal komme ich nach Hause und stelle fest, dass ich mich im Regal vergriffen habe.

Was heißt es als alter Mensch Kind Gottes zu sein? Ich glaube im Alter wird es immer wichtiger, was unser Predigttext sagt: dass wir Gottes Erben sind. Wir werden sein Reich erben. Das verändert das, was wir von der Zukunft erwarten. Auf was gehen wir zu? Diese Frage kann große Angst auslösen, wenn man älter wird. Die Augen werden schlechter. Werde ich auf Dauer überhaupt noch etwas sehen? Die Knochen sind steif, wenn ich morgens aufstehe. Werde ich übermorgen überhaupt noch aufstehen können? Die Hüfte tut weh. Werden die Schmerzen wieder verschwinden oder werden sie immer schlimmer werden? Muss ich operiert werden? Mein Mann wird auch nicht jünger. Wieviel gemeinsame Zeit werden wir noch haben? Und könnte ich ein Leben allein überhaupt aushalten? Menschen, die alt geworden sind denken lieber an die Vergangenheit als an die Zukunft. Denn, was vor ihnen liegt, könnte bedrohlich sein. Hier hilft der Glaube nach vorne zu sehen. Denn als alter Mensch bin ich nicht nur diejenige, die anderen etwas zu vererben hat. Das ist ja auch schön, wenn ich den Kindern und Enkeln etwas schenken kann, wenn ich ihnen auch ein Stück meiner im Leben mühsam erworbenen Weisheit weitergeben kann. Aber ich bin nicht nur eine, die etwas vererbt. In der Beziehung zu Gott sind wir alle Erbinnen und Erben von seinem Reich und seiner Wirklichkeit. Vor uns liegt eine Zukunft bei Gott auch wenn auf dieser Welt nur noch eine vielleicht auch schwierige Vergangenheit haben. Wir dürfen mit Zuversicht nach vorne blicken, denn wir sind Kinder Gottes und damit Erbinnen und Erben seines Reiches.

Und das gilt, ob wir noch einen Schnuller benutzen, schon einen Führerschein haben oder inzwischen eine Lesebrille benötigen.

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