Hinwendung zum eigenen inneren Kind

<i>[Anmerkung: Dieser Predigt geht die Schriftlesung aus Lukas 2, 1-20 voraus. Die Predigt selbst nimmt Gedanken auf aus: H.G. Nerhringer, die Heilkraft der Feste, S. 40ff]</i>

Liebe Gemeinde,

noch knapper und nüchterner als Lukas hält Paulus das DASS der Menschwerdung Gottes fest: Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, so schreibt er in seinem Brief an die Galater, Kapitel 4, Vers 4. Um dann gleich in den nächsten drei Versen deutlich zu machen, WOZU das alles passiert ist: nämlich damit er- Gott -, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

Geschehen ist also alles, damit wir wieder zu unserem tiefsten Wesen finden können, zu unserem Kindsein. Töchter und Söhne, Kinder und nicht Befehlsempfänger, in Liebe mit Gott und untereinander Verbundene das sollen wir also sein. Das ist Sinn und Zweck dieser Zeiten wendenden und deshalb heiligen Nacht.

Dennoch hält Paulus in seiner Kurzfassung der Weihnachtsgeschichte zwei entscheidende Tatsachen fest: „Gott sandte seinen Sohn, erstens: geboren von einer Frau und zweitens: unter das Gesetzt getan …

Damit folgt er ganz der Darstellung von Lukas, nach dem die Hirten zwei Zeichen bekamen, an denen sie Jesus, den Heiland und Erlöser erkennen könnten.

Das eine Zeichen ist: „Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt“

und dem entspricht die erste Tatsache, die Paulus festhält: „Geboren von einer Frau“

Schon seltsam – das ist ja alles andere als besonders. Alle Kinder werden von Frauen geboren und liegen in Windeln. Daran soll das gesuchte Kind erkannt werden!? Doch kaum ein taugliches Zeichen für ein besonderes Geschehen?!

Und richtig, das gesuchte Kind ist damit nicht leicht zu identifizieren. Aber dieses Zeichen gibt deutlich Auskunft darüber, wie das ist, wenn Gott in die Welt kommt. Wenn also Gott in die Welt kommt, dann geschieht das ganz normal! Wir suchen Gott oft im Wunderhaften und Besonderen. Aber hier erfahren wir. Ganz normal und unauffällig ist das Zeichen, mit dem Gott sich zu erkennen gibt. Nichts Ungewöhnliches war an diesem Baby zu sehen. Nichts, was es für die Soldaten des Königs Herodes von irgendeinem anderen Kind abhob. Es trug eben keinen Heiligenschein noch sah es irgendwie „gottartig“ aus. Jedem Baby gleich – so normal war Jesu.

Das ist das eine Zeichen, die eine Tatsache: Wenn Gott auf die Welt kommt,

dann ist er verwechselbar, natürlich, ganz natürlich!

Das andere Zeichen ist: „In einer Krippe liegend“ Das entspricht nun der anderen Tatsache, die Paulus festhält: „unter das Gesetz getan“

Das heißt, dieses Kind findet in dieser Welt alles andere vor als tolle Bedingungen, die für seine Entwicklung die besten Vorraussetzungen bieten könnten: die Eltern – alles andere als erfreut über die Schwangerschaft, viel zu jung, um sich wirklich um ein Kind kümmern zu können, und dazu noch zu arm.

Und als es dann kam, gab’s „keinen Platz in der Herberge“, keine Spur von warmer, heimeliger Geborgenheit, Futterkrippe, Stallgestank, Zwicken und Jucken durch Heu und Stroh, ohne medizinische Betreuung und als psychologische Ersterfahrung dieses kleinen Kindes auch noch die Angst vor Mord und die Flucht aus der Heimat.

Das ist das Schicksal dieses göttlichen Kindes, Und das ist eben das Gesetz, das das Leben so vieler Kinder dieser Welt prägt und sicherlich auch das von so manchen unter uns – zumindest zum Teil –.

Wenn wir sagen, dass in Jesus Gott unser Schicksal teilt, sollten wir dies nicht vergessen: Es war kein tolles Leben, nicht das Leben eines Wunsch- und Wunderkindes. Es war das Leben, das von Anfang an tiefe Verunsicherungen und Verletzungen kennt, von Anfang an geprägt durch die Erfahrung von Ohnmacht und Ausgeliefertsein. Es war eben das Leben eines normalen Kindes in dieser Welt. Und Jesus sagt dann später, dass er in jedem Kind anwesend ist, überhaupt in jedem Menschen, der arm und schwach ist.

Und deshalb sind auch wir herausgefordert, gerade die kleinen und unscheinbaren Dinge wert zu schätzen; in kleinen Gesten, Gegenständen und anscheinend alltäglichen Erfahrungen die Zuwendung und Liebe des lebendigen Gottes zu entdecken.

Der christliche Gott ist eben nicht dort zu suchen, wo die Religions-, Welt- und Kulturgeschichte ihre Götter ansiedelt: im Strahlenden, Hellen, im Lichtglanz, bei Kraft und Stärke. Das kennt der biblische Gott zwar auch, aber er lässt sich gerade auch im Verletzlichen, Gebrechlichen, Armseligen, in allem, was wir sonst übersehen würden, finden.

Viele Menschen suchen heute vermehrt die Wirkung des Göttlichen, im Übersinnlichen, in Bereichen jenseits wissenschaftlicher Überprüfbarkeit oder sie suchen Gott nur im Licht, in den beeindruckenden Erfahrungen von tollen Gebetserhörungen, in großartigen Wundern.

Christlich ist das genau umgekehrt! Christen glauben an einen „armen Gott“, Christen glauben an einen Gott, der in diesem Kind anwesend ist, das ebenso wie wir den Erfahrungen und Strukturen unserer Welt ausgesetzt ist.

Liebe Gemeinde, ich glaube, nur die Hinwendung zu diesem Kind, kann uns in der Seele anrühren und verändern. So wie überhaupt besonders Kinder uns anrühren und verändern können.

Und auf solch innere Veränderung unserer Seele, zielt das ganze äußere Geschehen der Geburt Jesu, denn: „wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, und nicht in dir; du bleibst noch ewiglich verloren.“ so eng verbindet Johann Scheffler das Ereignis in Bethlehem

mit jedem einzelnen von uns.

Damit nimmt er mit seinen Worten auf, was Paulus über das Ziel der Sendung Jesu schreibt: Gott sandte seinen Sohn, … damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!

Ja, Gott wird Kind in dieser Welt, damit wir Kinder werden können, oder besser: damit wir wieder Kinder werden können.

Manchen mag dabei das Herz aufgehen, denn die Zeit der Kindheit liegt wie ein großes Sehnen in ihrem Herzen. Wie schön war das doch, als in den Armen der Mutter der Schmerz versurrte und die Tränen trockneten; wie wunderbar fühlte es sich an, als sie mit einem lauten Jauchzer von der Mauer in die geöffneten Arme des Vaters sprangen und von ihm liebevoll aufgefangen wurden. Fast grenzenlos war ihr Vertrauen in die Menschen, die sie umsorgten und versorgten. Ach ja – wie schön, solche Kinder wieder sein zu können.

Aber sicher sind auch manche unter Ihnen, liebe Gemeinde, die heil-froh sind, dass diese Zeit ihrer Kindheit hinter ihnen ist. Zu viele verletzende Erfahrungen, zu viel Angst und Verzweiflung, zu viel Einsamkeit und Verlassenheit, zu viel Ohnmacht und Ausgeliefertsein liegen darin verborgen, als dass sie wieder Kind sein wollten.

Vergessen wir jedoch nicht: Niemand sitzt heute hier, der keine schmerzlichen Erfahrungen als Kind gemacht hat, das gehört zur Existenz des Kindes bzw. des Menschen überhaupt, das ist – paulinisch gesprochen – das „Gesetz“ des Lebens. Aber es gibt auch niemanden, für den es nur schreckliche Erfahrungen gibt, er oder sie hätte als Kind nicht überlebt, wenn sie nicht zumindest ein ganz wenig Liebe und Geborgenheit erfahren hätte.

Aber nun sind wir erwachsen geworden, und haben mit der Kindheit auch das Kindsein hinter uns gelassen. Und viele von uns haben dabei das Kind in sich zum Schweigen gebracht, zum einen, weil sie das Schreien und Leid des Kindes in sich nicht mehr spüren wollten, und zum anderen, weil die Fähigkeiten dieses Kindes in der erwachsenen Welt nicht gefragt zu sein scheinen. In unserer Gesellschaft zählen ja Sachlichkeit, Überlegtheit, Kontrolle, Leisten und Machen mehr als Intuition, Spontaneität, Vertrauen und das einfache Sein und Spielen.

Nur, – dieses Kind ist trotz allem nicht verschwunden. Ohne das Kind, das ich war oder auch hätte sein wollen, bin ich nämlich nicht die Erwachsene, die ich bin. Dieses Kind lebt immer noch in uns – Wenn auch oft übersehen, vernachlässigt, vielleicht sogar geschlagen und getreten.

Wenn also mit dem Kind in uns, auch die Intuition, die Spontaneität, das Vertrauen ins Leben, die Fähigkeit zum ganz Gegenwärtig sein, eben dieses ursprüngliche Wesen unseres Menschseins wieder eine Stimme bekommen soll

dann brauchen zunächst die alten verletzenden Erfahrungen, die mit diesem Kind in uns als Erwachsene unerlöst weiterleben, eine Lösung, einer Auf-Lösung, dann braucht es eine innere Heilung.

Die Möglichkeit einer solchen Heilung, einer solchen Erlösung ist mit diesem göttlichen Kind gegeben. Denn dazu ist ja Gott in die Welt gekommen „damit er die unter dem Gesetz waren, erlöste“, so jedenfalls die befreiende Entdeckung des Apostel Paulus. Dabei ist das Gesetz für Paulus eine Macht, die mich bestimmt, obwohl ich es nicht will.

Das, liebe Gemeinde, kennen Sie vielleicht auch: Ich will mich erwachsen verhalten,

und dann erlebe ich z.B., wenn ich meinem Chef begegne, dass mich plötzlich Gefühle im Griff haben, die mit dieser Person eigentlich nichts zu tun haben. Nur die Gestik oder vielleicht der Klang der Stimme lässt eine alte Situation aus meiner Kindheitswelt aufleben. Und – bildlich gesprochen, manchmal vielleicht sogar tatsächlich – schlage ich dann um uns wie das in Panik geratene Kind damals.

Ja, das verletzte, ängstliche und traurige oder auch trotzige und wütende Kind in uns braucht Erlösung und Heilung, sonst kommt es uns als Erwachsene immer wieder in die Quere. Und Lukas und Paulus sind sich da ganz einig: das göttliche und doch so normale Kind in der Krippe möchte und kann uns Mut machen, diesem verletzen Kind in uns zu begegnen, das doch so viel Lust auf Liebe und Leben hat.

Und wer könnte das besser als dieses Kind, das das alles auch kennt, und trotzdem das Vertrauen in den liebenden Vater nicht verlor. Ja, mit dem göttlichen Kind Jesus an unserer Seite, der sich bei aller Unsicherheit und Ohnmacht voller Vertrauen in das Leben warf, können wir unser eigenes verunsichertes und ohnmächtiges Kind

trösten und halten.

Wie die Hirten und die Weisen damals in dieser heiligen Nacht sich ganz zu dem Kind hin begaben, und in Ehrfurcht und Staunen sich ihm zuwandten, und so das Licht sehen konnten, das bei aller Dunkelheit und Nacktheit von diesem Kind in der Krippe ausging, so werden auch wir in der Zuwendung zu unserem Kind in uns, den warmen Schein entdecken, der von diesem Kind ausgeht, wir werden dann auch die Freiheit und Fröhlichkeit unseres eigenen inneren Kindes wiederentdecken und diese dann auch wieder leben können.

Das umso mehr, da wir ja auf dieser Suche nicht nur einen Stern zur Hilfe haben, sondern den Geist Jesu selbst, der uns ganz neu Vertrauen lehrt. „ABBA, lieber Vater“ lässt dies Vertrauen uns sagen, so schreibt es Paulus. Das ist dieses große kindliche Vertrauen, das sich ganz dem Leben überlassen kann, weil es sich von starken Armen gehalten weiß.

Und seien Sie versichert: wir werden das Erwachsensein nicht verlieren, sondern geradezu noch einmal ganz anders erwachsen werden können, erwachsen, – Verantwortung für uns und die Welt übernehmen und dabei auch auf unsere Gefühle und auf unsere Spontaneität hören, erwachsen, – Verantwortung für uns und die Welt übernehmen und dabei auch einfach sein können, ja sogar mit ganzem Herzen spielen. Dazu jedenfalls will uns das göttliche Kind in der Krippe anstiften!

So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

So verbindet auch Paulus mit der Kindschaft nicht das Unmündig- und Abhängigsein, sondern es ist vielmehr eng verbunden mit der Wertschätzung aber auch Verantwortung eines Erben.

Ja, wenn Kind, dann sind wir auch verantwortungsvolle Erben, beschenkt und betraut mit einem grandiosen Gut: dem Leben, das nicht begrenzt ist durch Zwänge und Gesetze, durch Mächte und Gewalten, durch Leid und Tod sondern lebendig, frei, spontan, eben ewiges Leben!

Einkehr und Hinkehr zum Kind dem ewigen, dem eigenen inneren Kind.

Weihnachten gibt uns alljährlich einen Anstoß, eine Erlaubnis uns ganz bewusst diesem inneren Kind zuzuwenden, unsere Aufmerksamkeit darauf zu lenken, mit ihm in Kontakt zu kommen. Lassen Sie uns das nicht nur auf die Weihnachtszeit reduzieren, dann könnte das ewige Leben schon jetzt in uns zum Fließen kommen.

Dann werden wir dieses Leben uns selbst wirklich nehmen und leben und gleichzeitig gerade auch für die einstehen und eintreten, denen zum solch einem Leben helfen, denen das Recht auf Leben vorenthalten wird.

Das ist der Zusammenhang zwischen dem historischen äußeren Ereignis der Geburt Jesu und dem inneren Geschehen der Geburt Christi in uns.

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