Gotteskindschaft

Liebe Gemeinde,

4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, 5 damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. 6 Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! 7 So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

Das schreibt Paulus im Spätherbst 55 in gewohnter Knappheit an die Gemeinde in Galatien. Für uns heute am Christfest, am 1. Weihnachtsfeiertag, der Predigttext.

Liebe Gemeinde, heute ist es so weit, die Zeit ist erfüllt. Weihnachten ist endlich da. 4 Adventswochen war Zeit zur Vorbereitung. 4 Wochen Weihnachtsmärkte und Adventsfeiern. Zeit zu backen und zu Dekorieren. Zeit, um Türchen am Adventskalender zu öffnen und Geschenke zu besorgen und das Essen für die Feiertage vorzubereiten. Eine Zeit voller Leben und Umtrieb. Und jetzt ist es so weit: Die gute Zeit, von der im Advent gesungen wird, sie ist nicht mehr nur nah – sie ist tatsächlich da!

Wem der Weihnachtstrubel auf die Nerven geht, sagt sich jetzt „Gott sei Dank, bald ist es vorbei!“. Andere fürchten sich vor diesen Tagen ein bisschen, weil jetzt für viele die einsamste Zeit im Jahr ist. Jetzt wird erst deutlich, was fehlt, wenn die Familie nicht mehr komplett ist oder nie da war. Manche spüren ihre Armut gerade an Weihnachten, wenn kein Geld da ist für ein gutes Essen, von einem Weihnachtsbaum oder Geschenken ganz zu schweigen. Sie sind froh, wenn die Normalität ab dem 27. wieder einkehrt.

„Schade!“, denken wieder andere, denn die Stille Nacht ist so schnell vorbeigegangen. Ihnen war die Zeit viel zu kurz – was wäre nicht noch alles zu erledigen gewesen? Ihr Höhepunkt, auf den sich alles konzentriert hat, war gestern Abend.

Spannungen tun sich da auf, weil unterschiedliche Erwartungen aufeinander prallen. Weil Kinder Anderes erwarten als die Eltern. Die einen gestresst, die anderen ungeduldig. Dann war es so weit – Heiliger Abend, die viel besungene Stille Nacht. Die Zeit ist erfüllt – wieder einmal.

Und heute ist ja schon der Morgen danach. Das Kind ist geboren, die Geschenke sind ausgepackt. Es ist wieder hell geworden.

Ob sich wohl all ihre Erwartungen erfüllt haben?

Sind sie in Feststimmung heute oder enttäuscht?

Bringen sie die Ruhe und Harmonie der Weihnacht mit oder den Streit?

Was ist geblieben vom Tag der erfüllten Zeit?

Letzte Woche habe ich bei der Autofahrt mit einem Anhalter über Weihnachten gesprochen. Über unsere Erwartungen, über seine Befürchtungen und über meine Hoffnungen. Er hat die Überladenheit von unserem Weihnachtsfest beklagt und dann gefragt: „Was hab´ ich eigentlich davon?“

Natürlich könnten wir ihm darauf mit Worthülsen antworten und vom Frieden und der Freude dieser besonderen Nacht erzählen, davon, dass Gott zu uns Menschen kommt und Himmel und Erde vor Freude singen. Wahrscheinlich würde er aber nur skeptisch schauen und sagen: „Ja und? Was habe ich denn nun von eurer erfüllten Zeit?“

Liebe Gemeinde, nachdem ich beim ersten Blick in den Predigtplan gedacht habe: „Doch nicht Paulus und der Galaterbrief mit seiner theologischen Knappheit und Richtigkeit an Weihnachten!“, war ich nach dieser Autofahrt mit meinem Anhalter doch ganz zufrieden mit dem Text. Denn Paulus beantwortet kurz und knapp die Frage nach den Folgen und Konsequenzen dieser Heiligen, Stillen Nacht. Das ist es, was Paulus interessiert. Das schreibt er seiner Gemeinde. Er erzählt die Weihnachtsgeschichte in einer Kurzversion mit den wesentlichen Eckdaten: 4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.

Alles andere ist eine erklärende Ergänzung. Der romantisch verklärte holde Knabe in lockigem Haar hat da keinen Platz. Und ob jetzt Ochs und Esel wirklich dabei waren, ob die drei Männer nun Sterndeuter oder Könige waren und der Stern von Bethlehem der Halley´sche Komet, das interessiert ihn nicht. All das, was für viele an Weihnachten im Mittelpunkt steht, die Geschenke, die gute Stimmung, die passende Dekoration, das blendet er aus.

Paulus geht es um das Wesentliche. Ihm geht es um das, was mein Anhalter das „Was-hab-ich-davon“ genannt hat. Ihn interessieren die Folgen dieser Nacht, die Konsequenzen für alle Menschen dieser Erde. Es geht um eine Ende unserer Verlorenheit. Es geht um Kindschaft und Erbe.

Als die Zeit erfüllt war – high noon der Menschheitsgeschichte – wenigstens aus der Sicht Gottes. Als die Zeit erfüllt war, da konnte Gott nicht anders, als selbst zu uns zu kommen. Er kommt als Kind in unsere Welt, vielleicht weil sie sonst schlimmen Lauf genommen hätte. Also greift er ein.

Jenseits aller Floskeln und Worthülsen wird Gott einer von uns, einer wie ich, die Pfarrerin oder wie mein Anhalter. Ein Mensch. Er unterwirft sich den Bedingungen, mit denen wir Tag täglich zu kämpfen haben: In der Zeit zu leben, älter zu werden, verpasste Chancen im Leben aushalten zu müssen. Fehler zu machen, krank zu sein und zu sterben. Gott selber kommt ganz und gar und lässt sich auf diese unsere Bedingungen ein.

Und das war die Wende. Wir heute leben wie selbstverständlich damit und machen uns kaum noch Gedanken darüber. Dabei könnte uns unsere Zeitrechnung jeden Tag daran erinnern. Mit dieser Geburt eines Kindes, am Tag als die Zeit erfüllt war, mit diesem Tag wurden alle Uhren auf die Stunde Null gestellt. Ein Neubeginn – für einen kurzen Augenblick hält die Welt den Atem an.

Als die Zeit erfüllt war – hat sich Gott ganz auf unsere Seite gestellt. Nicht nur ein bisschen, mit Zögern, ob es wohl gut ist, sich in solche Tiefen zu begeben. Ohne doppelten Boden und Reißleine.

Was wäre passiert, wenn es diese Wende nicht gegeben hätte? Wenn die Zeit nicht erfüllt gewesen wäre?

Manche sagen, es hätte sich nichts geändert. Ich bin mir da nicht so sicher.

Denn es macht schon einen Unterschied, ob ich weiß, dass einer neben mir steht. Dass einer da ist, der zuhört, wenn alle anderen weghören. Dass einer da ist, der meine Tränen sieht, die ich den anderen nicht zeigen würde.

Es macht einen Unterschied, ob ich ein Kind Gottes bin, ein wichtiger und einzigartiger Mensch. Dieses Kindsein macht jede und jeden von uns zu etwas ganz Besonderem. Ganz egal, welche Schule ich besucht habe, egal, wie viel Geld ich verdiene und was in meinem Leben vielleicht schon schief gelaufen ist. Gott ist da. Er schickt seinen Sohn als Mensch zu uns Menschen. Und so können wir Kinder sein.

6 Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! 7 So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

Für Paulus ist es keine Frage, dass es diese Wende in der Weltgeschichte, die Stunde Null, gebraucht hat. Damals in Bethlehem, zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und obwohl Paulus dieses Kind in der Krippe nie gesehen hat, obwohl er den Wanderprediger und Rabbi nie getroffen hat, holt auch ihn diese Wende irgendwann ein. Der auferstandene Christus begegnet ihm auf der Reise. Zu einem Zeitpunkt, als für ihn die Zeit erfüllt war. Eine Begegnung, die sein Leben einschneidend verändert hat. Er wurde zum glühendsten Vertreter der Sache Jesu, zu einem scharfsinnigen Theologen und einem Gemeindegründer. Wie es ihm wohl ohne diese Wende gegangen wäre?

Vielleicht weil er die Folgen dieser einen Nacht im eigenen Leben erfahren hat, vielleicht schreibt er das nun so knapp und prägnant wie möglich an die Galater: Ihr seid frei und mündig. Keinem Gesetz untertan, keinen Zwängen unterworfen. Einzigartig seid ihr und von Gott geliebt – gerettet. Einfacher gesagt: Ihr seid Kinder.

Was das bedeutet, das schreibt er ein Kapitel vor unserer Stelle: 3, 26 Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. 27 Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. 28 Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Liebe Gemeinde, Kind sein bedeutet frei zu sein, bedeutet „jemand“ zu sein und sicher. Und dann ist es ganz egal wie meine Herkunft ist, ob gebildet oder nicht. Alle sind gleich. Die sozialen Schranken, die sich hier bei uns in Deutschland ja eher aufbauen, sie werden von Gott eingerissen. Die Gräben, die sich zwischen arm und reich auftun, sie werden zu geschüttet. Alle sind gleich – gleich wertvoll, gleich geliebt. Tun können wir dazu nichts. Allein Gott hat entschieden, dass die Zeit erfüllt war, in die Menschheitsgeschichte einzugreifen. Meine Kindschaft kann ich mir nicht aussuchen – ich wurde nicht gefragt, ob ich diese Eltern will. Aber Gott, er hat sich ausgesucht, dass ich sein Kind bin – Brief und Siegel darauf habe ich in der Taufe bekommen. Ich bin getauft – ich bin ein Kind Gottes. Und Paulus schreibt weiter: Wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

Was haben wir nun davon, dass damals vor 2000 Jahren die Zeit erfüllt war und Gott als Mensch zu uns Menschen kommt?

Wir sind Kinder und Erben. Wir haben jenseits unserer Eltern einen Vater im Himmel. Wir sind freie und mündige Menschen. Wir sind in unsere Welt hineingestellt – wir tragen Verantwortung für sie. Nicht nur in der Stillen Nacht und an den Feiertagen. Sondern gerade dann, wenn vom Glanz von Weihnachten nichts zu sehen und zu spüren ist. Wenn uns der Alltag wieder hat, wenn das Leben es nicht gut mit uns meint. Dann haben wir etwas davon, dass wir Kinder und Erben sind. Dass ist die Folge, die ich in meinem Leben nicht missen möchte. Die Folge einer Geschichte Gottes mit uns Menschen, die damals in Bethlehem eine unerwartete Wende genommen hat. Eine Geschichte, die andauert bis heute.

4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, 5 damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. 6 Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! 7 So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

Gott sei Dank!

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