Frieden wird sichtbar

<i>[Die Infos zu den verschiedenen Friedensaktivisten sind der aktuellen chrismon plus (12.2007) und der homepage: www.peace-counts.org. entnommen. Zitate sind als solche gekennzeichnet.]</i>

Liebe Gemeinde,

peace counts: Frieden zählt. Eine Wanderausstellung für Schulen erzählt von Menschen, die Frieden gemacht haben und machen. Da sind zum Beispiel der katholische Ire Joe und der protestantische Peter. Joe hatte für die IRA gekämpft, einen britischen Offizier erschossen und dafür 22 Jahre im Gefängnis gesessen. Als er aus dem Gefängnis herauskam wollte er nicht mehr so weitermachen wie vorher. Genauso Peter: Er sollte einen angeblichen Verräter aus den eigenen Reihen ermorden – aber er erschrak über sich selbst und kehrte um, ließ ab von seinem Tun. Beide Männer haben unabhängig voneinander beschlossen, friedlich weiterzukämpfen. Heute holen sie als Sozialarbeiter ihre "kids aus der Gewaltspirale heraus, nicht durch fromme Reden, sondern durch handfeste Hilfen: Computerkurse, Irish Dance, Bewerbungstraining, Fußball – bloß raus aus dem Dunstkreis der Untergrundgruppen." Oder nehmen wir den Tamilen Singham. "Nach 15 verhältnismäßig sorglosen Jahren in Berlin kehrte er zurück in seine kriegsgeschüttelte Heimat, um sich dort für ein friedliches Miteinander der verfeindeten Volksgruppen zu engagieren. Seine Freunde erklärten ihn für verrückt. Doch Singham baute mit Spenden Häuser für Flüchtlingsfamilien, betreibt eine Schule für gehörlose Kriegsweisen, kümmert sich um Straßenkinder." Ehemals verfeindete Tamilen und Singhalesen arbeiten in seiner Organisation zusammen. Nur drei von vielen Beispielen erfolgreichen persönlichen Engagements für den Frieden, die auf der Internetseite „Peace-Counts / Frieden zählt“ zusammengetragen sind. Warum lesen wir eigentlich nie von solchen Menschen in der Zeitung? Oder auch diese Fakten: "Wußten Sie, dass seit Anfang der neunziger Jahren mehr als 80 Gewaltkonflikte beendet wurden: Mali, Mosambik, Haiti, Osstimor, Kosovo, um nur ein paar zu nennen. … Seit 1992 nahmen besonders gewaltsame Konflikte um mehr als 40 Prozent ab. Nach einer Studie gelingen zwei von drei Friedensmissionen der Vereinten Nationen und verhindern Schlimmeres." Zwei von drei! Klar: Jede Gewalttat ist eine zuviel. Trotzdem: Es sind gute Nachrichten, wenn zunehmend Konflikte auf zivile, friedliche Art gelöst werden.

"Warum wird also nicht gejubelt? Warum überkommt einen bei den Abendnachrichten regelmäßig das Gefühl, Krieg, Tod und Teufel beherrschten immer stärker die Welt? Die Erklärung ist einfach: Nicht die Gewalt auf der Welt hat zugenommen, sondern die Berichte darüber. Dramen auf Leben und Tod faszinieren uns, Krieg liefert sie täglich frei Haus. Das ist zwar bedrückend, aber fesselnd. Frieden dagegen ist leise, langsam, langwierig." Es lässt sich schwer über diese mühsam erreichten, aber trotzdem beglückenden Veränderungen berichten.

Vielleicht ärgern Sie sich gerade und denken: Warum erzählt die Pastorin hier die ganze Zeit was von Krieg und Frieden, von Politik und Vereinten Nationen. Es ist Heiligabend, ich bin in die Kirche gekommen, um etwas für mich, für mein Leben mitzubekommen. Genau: Sie und Ihr alle hier und zig Millionen Menschen auf der ganzen Welt gehen heute in die Gottesdienste der verschiedenen Kirchen, und wollen eine gute Nachricht hören: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“ Und dieses eine Mal im Jahr wollen wir, Skepsis hin oder her, – innerlich oder mit Gebet oder lautem und fröhlichen Gesang in den Lobgesang der Engel mit einstimmen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Heiligabend, das Fest der Geburt Christi, bedeutet: Gott macht ein einseitiges, einzigartiges Friedensangebot – ohne Rückendeckung oder Hintertürchen. Er sagt: Ich will mich mit Euch, meiner Schöpfung, meinen Kindern, versöhnen und will Euch zeigen, dass das geht: Einen neuen Anfang machen, mitten im Dunkeln, mitten in der Angst. Und darum komme ich als kleines Kind, mitten in der Nacht, fern ab vom Glitzerleben der Reichen und der Schönen, mitten im Unfrieden eines besetzten Landes.

Sicher, wir wünschen uns alle ein harmonisches, schönes Weihnachtsfest mit der Familie, mit Freunden. Ein paar Tage lang soll der Alltag mal schweigen – und wenn wir uns nicht zu sehr überfordern mit unseren Ansprüchen aneinander, dann mag es auch gelingen. Es ist schön, dass wir diese besondere Zeit – wie eine Insel – in unserem Jahreskreis haben. Eine Zeit, in der wir ein wenig mehr Kind sind, in der wir uns ganz anders begegnen können, uns beschenken und beschenken lassen – mit Dingen, aber auch mit Zeit, Zuwendung und Gemeinschaft. Die Botschaft der heiligen Nacht, die können wir aber mitnehmen in unseren Alltag. Die Botschaft lautet: Frieden ist machbar. Du kannst Frieden machen. Woher ich das weiß? Gott hat es uns doch vorgemacht. Mit der Geburt eines Kindes wird alles anders, es ist neues Leben und neue Hoffnung in die Welt getreten. Seine Stärke, seine Macht, seine Waffen – all das hat er losgelassen, um im Kind zur Welt zu kommen, durch das uns "Frieden auf Erden" verheißen ist. Zuallererst soll dieser Friede unsere Herzen erreichen! Wie oft liegen ich in Streit mit mir selbst, bin unzufrieden und zerrissen zwischen Ansprüchen von außen und meinen eigenen. Wie schnell trage ich dann meinen inneren Hader nach außen, bin unglücklich mit Gott und der Welt. Es gibt mir inneren Frieden, wenn ich weiß: Manchmal kann ich nicht aus meiner Haut, aber Gott zieht sich ja auch meine Haut an, wenn er Mensch wird. Das Gegenbild des neugeborenen Kindes macht mir Mut in meinen inneren Kämpfen und für all die Auseinandersetzungen, die unser äußerliches Leben mit bestimmen. Das Kind in der Krippe widerspricht bis heute allen denen, die auf Macht und Stärke, Waffen und Gewalt vertrauen. Unsere Hoffnung ist nicht nur in die Zukunft gerichtet, sondern sie ihren Grund in der Vergangenheit. Wir wissen: bei uns hat schon einmal einer die dunkle Nacht erhellt. Bei uns hat schon einmal einer Menschen in ihren Sorgen und ihrer Not angesprochen und hat sie froh gemacht, und mutig. Bei uns hat schon einmal einer gezeigt: Ein anderes Leben ist möglich. Mit stiller Kraft, mit der Geburt eines Kindes hat Gott für einen Moment alle Gewalt dieser Welt ein Ende gemacht. Und auch wir können auch Schritte zum Frieden machen, da wo wir sind. Es müssen nicht unbedingt die großen spektakulären Aktionen sein, die dann nachher in der Zeitung stehen. Wir müssen nicht nach Nordirland oder Sri Lanka gehen – auch wenn es wünschenswert ist, dass wir bei unserem Handeln auch über unseren Tellerrand hinausschauen und die Ärmsten mit in den Blick nehmen. Frieden machen vollzieht sich in kleinen Schritten: In der Hand, die die zerstrittenen Brüder sich reichen. Im Vermitteln zwischen zwei Streithähnen. Darin, dass wir nicht auf jede Verletzung mit einer noch größeren Verletzung reagieren. Darin, dass wir die Überforderung einer jungen Mutter wahrnehmen und sie und ihre Kinder unterstützen. Darin, dass ich bei meinem Einkauf darauf achte, dass es gerecht zugeht, z.B. Kaffee, Tee und Schokolade aus fairem Handel oder regionale Produkte kaufe.

Die Weihnachtsbotschaft hat Menschen berührt und in Bewegung gebracht. Die Hirten sind losmarschiert nach Bethlehem – sie haben darauf vertraut, dass das nicht nur schöne Worte sind: Friede auf Erden! Sie haben ihn gesehen. Und wir können sehen, wie die Friedensbotschaft der Engel immer wieder Wirklichkeit wird: bei Joe und Peter aus Nordirland – erinnern Sie sich an die beiden? – , bei Singham aus Sri Lanka und bei den vielen unbekannten Friedensmachern in aller Welt. Wie die Hirten das Kind in Krippe betrachten konnten, so können wir den Frieden Gottes schauen – er ist hier, mitten unter uns.

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