Eilenden Fußes

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

wann werden in der Bibel schon einmal Füße in Bewegung in den Blick genommen.

Der Bote eilt leichten Fußes über Hügel und Berge, durch Täler und über Flüsse. Er hat gute erfreuliche Nachricht im Gepäck. Damit läuft es sich viel leichter und beschwingter als mit schlechten oder traurigen Nachrichten. Und das Schicksal der Boten, die Schlechtes zu verkünden haben, ist ja schon sprichwörtlich. Nein, diese Füße springen geradezu fröhlich vor Übermut …

Ich musste schmunzeln bei diesem Bild, das angeregt wurde durch einen Ausleger, der meinte, man sollte das Prophetenwort einmal als kurze Beschreibung zu vier Filmszenen betrachten, um die innere Dynamik nachvollziehen zu können.

Ich musste schmunzeln, weil zu gleich ein ganz anderes Bild in mir lebendig wurde.

Die unzähligen Füße, die in diesen Tagen sich durch Fußgängerzonen und Einkaufszentren durch drängeln bei dem Versuch alle Weihnachtsgeschenke zu besorgen und sicher zum Auto und so nach Hause zu bringen. Auch da spielen sich filmreife Szenen ab, aber nur selten ist den Menschen ein Strahlen und Leuchten abzuspüren, wie ich es bei unserem Freudenboten vermute. Stellen sie sich einmal die Perspektive des/der dreijährigen im Sportwagen vor, die nichts anderes als nur Beine und Füße, Stiefel und Mantelsäume zu sehen bekommt in einem Wechselbad zwischen überhitzter Ladenstraße und dezemberlich frischen Außentemperaturen.

Und jeweils drücken die Bewegungen etwas aus: Es ist nicht mehr viel Zeit, bald ist Weihnachten, ich habe noch nicht alles beisammen, was schenke ich nur den Eltern oder den Geschwister, die kleinen Präsente für die Kollegen fehlen ebenso. Die Zeit wird knapp. Ich muss energischen Schrittes weiter.

So kann man es sogar in der Templiner Innenstadt erleben, selbst wenn die meisten für ihre Weihnachtseinkäufe eher nach Berlin, Neubrandenburg oder Schwedt fahren. Keine Zeit verlieren. Es ist schon der vierte Advent.

Ich könnte die ganze Welt umarmen, jeder soll es wissen, allen möchte ich es hinter herrufen, sie mitreißen. Ich könnte springen und tanzen vor Freude, meine Füße tragen mich geschwind wie der Wind, wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Botschaft in alle Richtungen.

Nur was ist der Grund für solche überschäumende Freude?

Gott kommt – das ist das ganze Geheimnis.

Gott kommt nach Hause hieß das damals unter den Zuhörern Jesajas.

Er war verloren gegangen in den dramatischen, zerstörerischen Ereignissen der Vergangenheit. Tod, Elend, Zerstörung und Verbannung waren jahrzehntelang das tägliche Brot dieses kleinen Volkes Israel zwischen Palästina und Babylon. Sicher hatte man sich eingerichtet weiter gelebt, neu angefangen, Häuser auch in der Fremde gebaut, aber der Schmerz in der Seele war so frisch wie am ersten Tag. An Gott konnte man irre werden. War er mit der Zerstörung Jerusalems auch untergegangen?

Kann man nicht den Glauben an Gott verlieren bei den Dramen, in die das Leben uns hinein stürzt?

Jeder Tod stellt Gott in Frage, jeder Krieg von Menschen angezettelt, von Menschen erlitten, von Gott nicht verhindert. Hat er seine Macht verloren, als die Erde bebte, die Flut kam, dem entgegenkommenden Auto nicht mehr ausgewichen werden konnte und die Kinder im Auto keine Chance hatten.

Diese Fragen sind so alt wie die Geschichte von uns Menschen mit unserem Gott.

Und jetzt stürmt und eilt der Bote herbei und ruft überschwänglich: Gott kommt, er zieht ein, er ist König. Jetzt kann nur noch von Frieden, von Gutem und vom Heil die Rede sein. Alles soll gut sein, alles soll heil werden in dieser so verwundeten Zeit und Welt.

Für die Zeitgenossen Jesajas war das konkrete Lebenserfahrung.

Sie kehrten aus dem Exil zurück, sie konnten wieder an die Orte ihrer Väter und Mütter ziehen, aufbauen was in Trümmern lag, sie konnten wieder zum Tempel pilgern, das war die Wiege, die Mitte ihrer Gottesbeziehung, vielleicht wie die Kirche, in der wir einmal getauft oder konfirmiert wurden und zu der ich nach Jahren oder Jahrzehnten einmal zurückkehre, nachdem mich meine Lebensreise weit umher gebracht hat.

Die Begeisterung, die Euphorie, das gefühlte Ausmaß dieser Rückkehr ist deutlich in der sich überschlagenden Sprache des Propheten.

Die Realität war eigentlich viel nüchterner. Denn es war ein mühsamer Anfang, es blieben noch lange die Folgen der langen Verbannung und die sozialen Spannungen bestehen. Aber sie wurden eben nicht so erlebt.

Vielleicht ging es vielen 1945 nach den dunklen finsteren schrecklichen Jahren des Krieges auch so, dass die Freude am geretteten Leben alles überstrahlte und mehr wog als alle Armut und alle Zerstörung, die fast alle gleichermaßen betraf.

Wir hören diese Botschaft wie aus der Ferne.

Weil sie ja zunächst nur indirekt angeht.

Die Völker sollen sehen und Gottes Macht begreifen, wie sie an dem kleinen Gottesvolk handelt, tröstet, heil macht.

Wir sollen Augen- und Ohrenzeugen am Rande des Geschehens sein.

Und die Geschichte geht dann weiter.

Nach der ersehnten Heimkehr blieb die Sehnsucht nach dem Retter, dem Heiland, dem Messias lebendig. Das sind alte Begriffe wie aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt, aber es ist die bis heute lebendige Sehnsucht, dass unser Leben und unsere Welt heil wird, dass Frieden und Gerechtigkeit nicht einfach nur Wunschtraum bleiben, sondern Wirklichkeit, es ist die Hoffnung, die an jedem offenen Grab nach Worten ringt, dass der Tod das Leben nicht endgültig verschlingen möge, sondern am Ende selbst verschlungen wird. Erzähle mir keiner, dass er diese Sehnsucht nicht kennt und nicht irgendwo ganz tief in seinem Innern so hofft.

Und jetzt erreicht mit einem Mal diese Freudenbotschaft unsere Ohren: „ Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: dein Gott ist König“

Erfasst uns eigentlich noch vergleichbare Weihnachtseuphorie?

Gott kommt, alles juble und singe, Gott zeigt sich und Frieden und heil wird möglich.

Wir feiern Weihnachten ja eigentlich nicht anderes, als dass Gott kommt …

Gottlosigkeit ist eigentlich keine Möglichkeit dieser Welt mehr.

Allerdings kommt Gott so ganz anders als erwartet.

Er kommt nicht im Triumphzug hinter den Boten hergezogen, die seine Ankunft schon vorab verkündigen. Er kommt nicht mit Hofstaat und Schutzarmee. Er kommt nicht mit 18 Flugzeugen wie der saudische König zum Staatsbesuch nach Berlin, sondern er kommt als Kind, als Säugling ohne Raum in der Herberge, weil die Eltern umgetrieben sind von den Plänen derer, die sich selbsternannt für mächtig halten.

Seine Macht kommt in der Ohnmacht eines Kindes, das den Schutz der Eltern und Familie braucht um aufzuwachsen. Seine Macht kommt ohne die schützenden Mauern der Paläste.

Aber sie kommt mit der Verheißung von Zukunft und Leben. Denn jedes Kind verkörpert das Lebensgeschenk und den weiten Raum Zukunft, den Gott aufschließt.

Vielleicht ist deshalb unser Jubel etwas verhaltener als beim Propheten, aber nicht weniger eindringlich: Gott kommt, jetzt wird Frieden verkündigt und Gutes und heil. Gott ist da, ja viel mehr noch er ist hier, bei dir und bei mir. Deshalb kann es heil werden in mir. Wenn das keine gute Nachricht ist.

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