An die Macht der Liebe glauben

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder!

Auf einem Flohmarkt in der Vorweihnachtszeit: Ich bleibe an einem Stand mit schönen alten Bilderrahmen stehen. Die meisten sind leer, kein Bild, kein Glas mehr drin. – Ein leerer Rahmen, in der Mitte nichts mehr. Wie geht es uns mit Weihnachten? Der Rahmen ist zauberhaft. Aber die Mitte? Sind wir über die im Bild? – Der Händler kommt her und sagt: „Viele machen sich einen Spiegel rein.“ – Der Rahmen mit dem Spiegel: Man steht davor und sieht sich selbst. Was feiern wir an Weihnachten, wenn uns die Mitte verloren gegangen ist? Uns selbst? Unsere eigene Zuneigung? Unsere eigene Großzügigkeit? Für viele bildet seit Kindheitstagen die Weihnachtsgeschichte die Mitte. Sie hat durchaus etwas von einem Bild, erzählt in vielen Bildern sogar. Verstehen wir sie zu deuten?

Was Paulus den Galatern schreibt, liest sich wie eine kurze, prägnante Bildinterpretation. Sie führt uns ohne Umschweife zur Mitte hin. Lassen wir uns hinführen. Lassen wir uns vom Heidenapostel Paulus über Weihnachten noch einmal ins Bild setzen.

Seit Weihnachten ist die Zeit anders geworden. Das sagt uns Paulus gleich in der ersten Zeile: Als die Zeit erfüllt war. Er sagt: An Weihnachten ist eine neue Zeit angebrochen, eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte. Vorbei sind die Zeiten, da Menschen sich mit Haut und Haar einem namenlosen Schicksal aus-geliefert sehen mussten. Vorbei sind die Zeiten, da Menschen in ständiger Heidenangst und mit quälendem Schuldbewusstsein Göttern dienen mussten, als wären sie Sklaven und nicht geliebte Kinder. Gott der Eine und Einzige hat sich aller Welt bekannt gemacht in seinem Menschensohn. In Jesus Christus als der, der Schuld vergibt und von Angst erlöst und zu uns Menschen ist wie ein Vater zu seinen nicht immer ganz einfachen Kindern. Freilich: Ob die Epoche, in der Gott fern und fremd und hart erschien, heute für jede und jeden von uns zuende ist, vermag ich nicht zu sagen. Es hängt davon ab, ob wir Weihnachten nur feiern oder auch glauben. Mit dem Apostel und mit der ganzen Christenheit glauben: Jesus ist Gottes Sohn. Und durch ihn sind auch wir Söhne und Töchter Gottes geworden.

Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn. Warum können wir glauben, dass Jesus Gottes Sohn ist? Woran erkennt man den Sohn Gottes? An seiner Geburt? Paulus hält sich nicht am Bild der Jungfrauengeburt bei Engelsmusik auf. Er schreibt: Geboren von einer Frau. Also wie jeder andere Mensch. Hat der Sohn Gottes dann vielleicht sonst irgendeine Sonderstellung, die auf seine göttliche Abstammung schließen ließe? Aber nein. Paulus fährt fort: Geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan. Wieder etwas, das Jesus nicht von uns unterscheidet: unter das Gesetz getan. Damit ist nicht nur das biblische, das religiöse Gesetz angesprochen mit seinen 613 einzelnen Geboten und Verboten. Damit ist die ganze Wirklichkeit angesprochen: die Welt, in der wir leben. Wir stehen ja immer und überall unter Richtlinien und Zwängen und können nicht einfach so leben, wie es uns gefällt. Ich könnte auch so sagen: Keiner von uns wird in eine nagelneue Welt hineingeboren, wo er ganz von vorn beginnen könnte. Unsere Welt ist gezeichnet. Die Sünden der Väter und Mütter haben sie verändert und geprägt. Da laufen tiefe Spurrillen, aus denen kein Nachgeborener herauskommt. In diese Welt, in der alles geregelt und vieles festgefahren ist, ist Jesus hineingeboren. Er ist Mensch mit Haut und Haar. Er hat das Menschenlos zu tragen wie wir: Geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.

Jesus ist also kein Übermensch. Warum wird er dann hoch über uns erhoben und mit dem Ehrennamen „Gottes Sohn“ geschmückt? Weil er die Sklaverei des Gesetzes beendet hat. Die Zwangsherrschaft lebensfeindlicher Strukturen und Mächte. Für sich und für alle, die es wahrhaben wollen. Paulus sagt es so: Jesus war unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste.

Was sind das für Mächte, die uns beelenden, die uns quälen und uns das Leben kaputtmachen? In der Apotheke stand ein Mann vor mir und er-zählte vom unerwarteten Tod seines Vaters. Das Schlimme war: Der Vater starb im Unfrieden mit dem Sohn – oder umgekehrt. Jedenfalls: Jetzt ist es für ein versöhnliches Wort zu spät. Schuld und Tod – das sind Mächte, die unser Leben kaputtmachen.

Ja, und dann die Bilder, die aus aller Welt zu uns kommen über die Zeitungen oder durchs Fernsehen. Von Anschlägen in Afghanistan. Oder aus dem friedlichen Irakisch-Kurdistan, das für viele Christen im Irak einer der letzten Zufluchtsorte war. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) meldete erst vorletzte Woche „Attentate und bestialische Morde, Verschleppungen, Vergewaltigungen, Bombenanschläge und Morddrohungen“ seitens fanatischer Islamisten. Drei Viertel der bei Kriegsbeginn 2003 noch 650 000 Assyrer-Chaldäer-Aramäer hätten ihre Heimat bereits verlassen müssen und lebten nun als mittellose Flüchtlinge in Syrien und Jordanien (www.gfbv.de – Christen im/aus dem Irak). Und die Bilder aus Bethlehem, Israel und dem Gazastreifen! Die Spirale von Anschlag und Vergeltung, Angriff und Gegenangriff, altem Unrecht und neuem Unrecht im Heiligen Land … Was soll das alles? Wie können Menschen zu Menschen so sein? Als wäre der Vater im Himmel nicht der Vater aller und darum auf Erden eine große Menschheitsfamilie. Und: Als wäre unser Leben nicht schon genug gefährdet durch Krankheit, durch die belastete Natur, durch Unglücksfälle… Aber wir schaffen es selber ja oft nicht einmal in der Familie oder am Gartenzaun, gerecht zu bleiben. Schuld und Tod, damit sind die Sklavenmächte des Menschen auf den kürzesten Nenner gebracht.

Liebe Gemeinde! Wer Menschen wirklich befreien wollte, müsste den Kampf gegen Schuld und Tod gewinnen. Oder doch wenigstens einen Sieg in Aussicht stellen. Paulus ist überzeugt, dass Jesus das kann. Darum nennt er ihn Gottes Sohn. Weil er glaubt, dass Jesus aus der Knechtschaft von Schuld und Tod befreien kann – und damit an Weihnachten begonnen hat. Wie es in dem schönen Weihnachtsvers heißt: „Rettet von Sünd und Tod“ (EG 30,3).

Was spricht dafür, dass es so ist? Paulus meint: Dies, dass Jesus Gott gehorsam war bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz. Wenn es irgendwo wahrnehmbar wird, dass Jesus Gottes Sohn ist, dann an der Art und Weise, wie er die ihm gestellte Lebensaufgabe erfüllt: Als Menschenbruder stellt er sich ganz auf unserer Seite. Zugleich aber spricht er uns von Gott her frei. In der Kraft seines Namens: „Sei getrost, mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben! Frau, sei frei von deiner Krankheit! Lazarus, komm heraus! Zachäus, heute muss ich in deinem Haus einkehren!“ Darin ist Jesus Gottes Sohn, dass er die Liebe des Vaters unter die Menschenkinder bringt. Seine Menschen befreiende Liebe. Sie ist das wichtigste, sie ist das eigentliche Weihnachtsgeschenk. Ein Geschenk, passend für jede und jeden von uns.

Wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein? Die Weltmächte Schuld und Tod sind gegen uns. Aber im Vertrauen auf die Liebe Gottes, die uns in seinem Sohn erreicht, können wir uns aus ihrer Umklammerung lösen. Wenigstens anfangsweise.

Jetzt, sind wir im Bild? Das ist die Mitte. Alles andere ist Rahmen. Weihnachten glauben heißt: an die Macht der Liebe Gottes glauben. Und ob unser Glaube echt ist, zeigt sich daran, ob Gottes Liebe in unserem Tun und Leben Widerhall finden darf.

Dostojewski lässt den sterbenden Staretz Sossima sagen: „Brüder, vor der Sünde der Menschen schreckt nicht zurück. Liebt den Menschen auch in seiner Sünde. Denn das ist das Ebenbild der göttlichen Liebe.“ Später fügt er hinzu, im Blick auf die Ängstlichen, die befürchten, mit der Liebe Gottes in dieser Welt hoffnungslos unterzugehen: „Die demütige Liebe ist eine furchtbare Kraft. Sie ist die allergrößte Kraft und ihresgleichen gibt es nicht.“ Wer das glaubt, glaubt Weihnachten. Und erlebt etwas von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, von der der Apostel Paulus spricht. Wenigstens anfangsweise.

Darum: Wenn uns der Lauf der Welt Angst macht, wenn uns Schuld bedrückt, richten wir unseren Blick auf die Mitte. Sie ist nicht leer. Sie hält uns auch nicht nur den Spiegel hin. Nein, die Mitte bildet das Bild dessen, von dem wir selber eben gesungen und gesagt haben: „Wahr’ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod.“

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