Das Elend hat ein Ende

Martin Luther-Kings ‚Ich habe eine Traum’ ist ein Text, den ich gerne und oft erinnere. Sein Traum von einer neuen Welt, in der Menschen über Grenzen hinweg doch eins sein können, hat damals in den 60er Jahren Menschen bewegt, hat ihnen geholfen, ihre Identität zu finden und sich nicht als Menschen erster, zweiter oder dritter Klasse zu fühlen. Dieser Traum, der Menschen in Bewegung brachte und den alltäglichen Rassismus zum wanken brachte.

Martin Luther King hatte einen Traum und sein Traum provoziert mich heut – einen Tag vor dem Heiligen Abend zu fragen: Wovon und wofür lohnt sich das Träumen heute? Träume ich von Weihnachten und goldenen Geschenken? Oder habe ich auch unverschämte Wünsche von Frieden und Liebe?

Ein anderer hatte auch einen Traum: vor 2500 Jahren. Sein Volk lebte im Exil, fühlte sich verloren und verlassen – da kommt er mit seinem Traum:

[TEXT]

Der (unbekannte) Prophet Deuterojesaja stimmt ein Jubellied an, das in die Zukunft weist: Israels Leidenszeit im Exil hat ein Ende. Der Herr und sein Volk sind in die Stadt zurückgekehrt: Gott ist König! Der Text hat hier die Form eines Liedes, das normalerweise bei einer Thronbesteigung eines Königs angestimmt wird.

Der Bote, der hier auftritt ist ein Evangelist. Er ist Teil dieses Heilsgeschehens. Er hat etwas von den Engeln auf den Feldern von Bethlehem. Er verkündet Heil seinem Volk. Er verkündet das, was schon geschehen ist und das, was noch geschehen wird.

Gott will nicht, dass diese Welt verloren geht. Er will diese Welt beschützen und bewahren – die Menschen haben von alters her den Auftrag, zu bebauen und zu bewahren, was der Herr geschaffen hat.

Mitten in der Fremde, im Gefängnis seines Volkes tritt dieser Prophet auf und macht seine Ansage:

Das Elend hat ein Ende – Gott selber will es beenden. Er will seinem Volk Freiheit schenken.

Es wird einen neuen Aufbruch geben, wie den Auszug aus Ägypten, einen Auszug, den Gott selber für die Menschen bereiten wird. Auf den dürfen wir warten. Für die Gemeinde Jesu Christi ist das hier Angekündigte in der Geburt Jesu schon zum Teil geschehen – und doch warten wir auf den endgültigen Advent Gottes, wenn er kommt, sein Volk aus dem Elend herauszuführen.

Das Magnifikat haben wir vorhin in der Lesung gehört, jenen grandiosen Lobgesang der Maria, in dem sie von dem Gott singt, der das Kleine groß macht, der die Verhältnisse umdreht und die Machtlosen bestärkt. Dieses Lied ist wie das Lied unseres Propheten ein großartiger Traum, den Gott schenkt: Gottes Antwort auf die Verhältnisse, die Menschen kaputt machen steht noch aus – aber sie wird kommen.

Die Antwort auf die Verheißung kann eine fröhliche Hoffnung sein, eine Hoffnung, die schon die Hirten auf den Feldern von Bethlehem in Bewegung gebracht hat. Vielleicht auch im Stile des Apostels Paulus, der seiner Gemeinde trotz aller Widrigkeiten im Philipperbrief zuruft: ‚Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!’

Wir sind Evangelisten und wir sind Engel, wenn wir von der Befreiung erzählen, die Gott wirkt. Wir sind Boten der Geburt und Boten des Heils.

Die kleine Schar, die sich heute hier versammelt hat, ist der Beginn von etwas ganz Großem. Sie ist wie die kleine Schar der Hirten, die sich zur Krippe aufgemacht hat, um ihr Heil zu finden. Indem sie das Kind in der Krippe fanden, gerieten sie in Bewegung, entstand ein neuer Freiraum für sie. Sie hatten das Heil gesehen, das Wunder Gottes, der gekommen ist, sein Volk zu besuchen.

Sie kommt in unserem Text vor: die kleine Schar, die sich auf dem Zion findet, auf den Trümmern der Geschichte – mitten in der Zukunft, im Advent Gottes. Der Aufbruch Gottes ist das Thema: er wird eine Herrlichkeit, sein Reich aufrichten. Wir sind Teil der Welt von morgen.

Wenn wir im Vaterunser beten: ‚Dein Reich komme‘, dann bitten wir um das, was der Prophet ansagt: Das Reich Gottes, der kommen will, sein Friedensreich aufzurichten. Dass hat dann aber auch mit unserem Alltag zu tun. Wir können nicht vom Frieden reden und den Friedefürst aussparen. Für uns nicht und für Afghanistan oder Palästina schon gar nicht.

Einer hatte auf die Zeitungsfrage: ‚Wer oder was hätten Sie denn gerne sein wollen?‘, geantwortet mit ‚Der Bote, der bis 1955 den Gefangenen in Russland ihre Zurückführung nach Deutschland verkündete. Das bin ich doch längst. Ich darf Befreiung verkünden, wo Menschen gefangen sind. Ich darf den Menschen ansagen, dass sie frei sein sollen. Vielleicht nicht immer und in jeder Situation so spektakulär, aber immer auf den Kopf zu sagen, dass sie frei sein sollen von allen zwängen, vom gefangen sein in den Erwartungen, die andere an mich stellen.

Weihnachten muss kein Fest des Friedens werden inmitten einer friedlosen Zeit, aber es soll Fest der Freiheit sein – jener Freiheit, die mich frei machen kann am Frieden mitzuwirken, den Gott endgültig schaffen will.

Advent ist Zeit der Buße, Zeit der Umkehr, des neuen Aufbruchs mit Gott und von Gott bewirkt.

Wir können den Advent benutzen, um uns Gedanken zu machen, wo wir der Freiheit und dem frieden im Weg stehen und uns dankbar beschenken zu lassen mit Freiheit und Frieden von Gott.

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