Richtungsanzeiger

„Die Narbe hatte Harry seit neunzehn Jahren nicht geschmerzt. Alles war gut.“ Mit diesen beiden Sätzen, liebe Gemeinde, endet der neueste und ja wohl auch letzte Harry-Potter-Roman. Seine Schöpferin, die Britin Joanne K. Rowling, hat den wohl berühmtesten aller Zauberlehrlinge am Ende ankommen lassen.

Sieben Bände lang haben viele Menschen, große und kleine, mitgefiebert, mitgelitten und sich mitgefreut. Sieben Bände lang hat Harry – unterstützt von seinen Freundinnen und Gefährten – einen unentwegten Kampf gegen das Böse geführt.

Und solche Geschichten lese ich persönlich sehr gerne. Vielleicht auch gerade darum, weil darin so viel schöne Phantasie steckt. Und weil sie das aufnehmen, was ich kenne: es läuft eben nicht immer alles wie geschmiert und die Welt um mich herum lässt sich eben nicht einteilen in nur „schwarz“ und nur „weiß“ – es gibt nämlich ganz viele Grautöne dazwischen … Kurzum: Harry Potter – diese Mischung aus Erdachtem und mir Bekanntem – ich lese so etwas gerne.

Wie ein phantastischer Text aus einer anderen Zeit, der sich mit etwas beschäftigt, was mir ebenfalls wichtig ist – so kommt mir der Predigtabschnitt für den dritten Sonntag in dieser Adventszeit vor. Im 3. Kapitel der Johannesoffenbarung stehen die Sätze, die ich jetzt für uns lese:

[TEXT]

Im Vergleich zu Harry Potter eine eher harte Kost, finde ich. Aber es lohnt sich, näher auf dieses Sendschreiben, wie es genannt wird, einzugehen.

Da ist zuerst einmal die Sache mit dem Namen, die mir wichtig ist. Gleich im ersten Vers heißt es: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.

Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot. In diesem Satz steckt für mich die Antwort auf die Frage: „Was ist Leben?“ Ursprung meines Lebens ist nämlich, dass Gott mich bei meinem Namen gerufen hat, dass ich einen einmaligen und unverwechselbaren Namen habe.

Und selbst dann, wenn es auf dieser schönen Erde noch einen Andreas Wilfried Lüdtke geben sollte, der genauso alt ist wie ich, dann wird er garantiert anders aussehen und in anderen Lebensbezügen stecken als ich. Er wird nicht eine Frau haben, die N. heißt und von N. kommt und zwei Kinder, die auf die Namen N. und N. hören. Schon wieder Namen, merken Sie das?

Ich bin einmalig. Und fromm gesprochen, heißt das dann so: Ich bin Gottes geliebtes Kind. Ich habe einen Namen und lebe.

und bist tot., so heißt es einen Atemzug später. Der Tod als Teil meines Lebens? Ja, sicherlich, der Verstand kann das fassen. Und wer jetzt um einen lieben Menschen trauert, der hört in seinem Schmerz noch einmal ganz anders zu.

Ein weiterer Gedanke dazu: Ich habe Sterbende erleben dürfen, die den Tod als Teil ihres Lebens mit Frieden und im Frieden haben annehmen können. Die dann auch nicht mehr kämpfen mussten, sondern das „Zeitliche gesegnet haben“. Sie haben das Zeitliche gesegnet, es also für gut befunden und dankbar zurück in die Hände ihres Schöpfers gelegt.

Und noch etwas anderes ist mir zu dem Satz "Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot." eingefallen. Und dieser Einfall lässt diese Worte resigniert klingen. So in dem Sinne von: „Ach du Menschenkind, mit deinen ganzen Gaben hättest du so viele Möglichkeiten – aber nutzen tust du sie leider nicht. Du könntest so vital und lebendig sein – und stattdessen lässt du dich einfach nur treiben, so, als wärest du schon tot. Eine Zeile aus einem Lied, das ich als Kind beim CVJM gelernt habe, passt dazu: „Nur die toten Fische schwimmen immer mit dem Strom, lassen sich mit allen andern treiben …“. Und der Refrain heißt dann „Sei ein lebend’ger Fisch, schwimme doch gegen den Strom …“

Ich möchte noch zu einem zweiten Vers, der mir wichtig ist, etwas sagen: So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße!

Wie schon vorhin lese ich auch diese Worte noch einmal: So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße! Mich erinnern an das, was mir schon gegeben wurde und an das, was ich weiß, darum geht es.

Und dann kommen Erinnerungen daran hoch, wie oft mir schon geholfen worden ist – besonders eben auch in den Situationen, die mir ausweglos erschienen sind.

Ich denke an einen Besuch im Trauerhaus zurück. Trost wurde gewünscht in einer Situation, die doch eigentlich so untröstlich ist. Die Gesichter der Angehörigen wendeten sich mir zu. Und ich war mir sicher, darin Erwartung zu sehen. Doch mein Kopf war leer. Ich war sprachlos. „Und was jetzt?“, dachte ich. Und dann kamen mir plötzlich und ohne mein Zutun Worte in Geist und Sinn und Kopf und über die Zunge. Eine Woge aus Erleichterung und Dankbarkeit gleichermaßen schien mich zu überfluten. So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest – ja, das ist es doch!

Mich daran wieder zu erinnern – nicht nur jetzt. Darauf zu vertrauen, nicht erst dann, wenn es wieder einmal so weit ist, dass mir die Worte fehlen. Darauf zu vertrauen – das ist etwas, das tragen kann. Und darum ist es mehr als das „Alles wird gut!“ von Nina Ruge oder dem durchaus ähnlichen letzten Satz aus dem siebten Harry-Potter-Roman „Alles war gut!“

So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest. Dieser Vers wird für mich auch dann gefüllt, wenn ältere Menschen mir erzählen, wie sehr es ihnen geholfen hat, als Jugendliche den 23. Psalm auswendig gelernt zu haben. Zugegeben, damals, in ihrer Konfirmandenzeit, da war es eine lästige Pflicht, der sie sich nicht entziehen konnten. Aber dann, später, als sie es brauchten, weil sie in einer Sackgasse steckten und nicht wussten, wie es weitergeht, als sie beten wollten und nicht wussten, wie – da waren es die Worte „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …“, die geholfen haben. So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest.

Nun habe ich Euch und Ihnen ja bei dem zuletzt zitierten Bibelvers noch einen Teil unterschlagen. Und tue Buße!, das gehört noch dazu. Und wenn wir vielleicht im Hinterkopf haben, dass die Adventszeit eigentlich die Zeit der Buße ist – dann merken wir an dieser Stelle, warum dieser Abschnitt aus der Johannesoffenbarung an einem Adventssonntag bedacht werden soll.

Und tue Buße! Und kehre um! – das könnte da genauso gut stehen. Der Lauf in die falsche Richtung wird ja nicht dadurch besser, dass ich ihn konsequent weiter voran gehe.

Woher wir wissen können, dass wir in die falsche Richtung unterwegs sind? Das kann ich mit den Worten aus dem biblischen Text sagen: So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße!

Und darüber hinaus haben wir eigentlich ein ganz gutes Gespür dafür, was falsch und was richtig ist. Es ist wirklich nicht so, als wenn wir das nie wüssten! Nur ist der richtige Weg oft nicht immer der leichteste und angenehmste … – und genau darin steckt wohl auch das Problem.

Ich bin am Ende meiner Predigt angelangt und möchte festhalten, was bleibt. Es bleibt die Gewissheit, dass Gott mein Leben mit meinem Namen und auch mit seinem Namen ganz eng verbunden hat. Und wenn ich mich darauf besinne, dann kann dieses Erinnern ein guter Richtungsanzeiger sein für die Schritte, die vor uns liegen. Und im Gegensatz zu Harry Potter liegt hoffentlich noch viel vor uns!

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