Lass uns im Buch des Lebens

Liebe Gemeinde,

aus der Predigt ist ein Brief geworden. Ein Brief an den Engel von Sardes:

<b>Wir wollten so gerne leben</b>

Hart sind deine Worte an uns, lieber Engel. „Tot“ nennst du uns. Doch wehren will ich mich gegen deine Todesanzeige, die du mit unseren Namen füllst „Ich kenne deine Werke“, hältst du uns vor. „Ach Gott, nun sind wir durchschaut“. Willst du dieses angstvolle Geständnis von uns hören? Wohl wissen wir uns vor Gott als Sünder. Das wollen wir nicht leugnen. Aber so schnell zwingst du uns nicht in die Knie. Nein, ich lege nicht dar, wie gut, lebendig und engagiert unsere Gemeinde wäre. Ich bitte dich nur: Schau tiefer, Engel, und versuche das zu sehen, wonach unser Herz verlangt. Wir wollten so gerne leben. Hörst du nicht die stillen Seufzer, mit denen wir morgens zur Arbeit fahren? Geht all der Kummer, den die Älteren aus unserer Mitte täglich bewältigen, an dir vorbei? Die Mühsal des Alters zu tragen ist nicht so leicht, wenn die Lieben dahinsterben und der eigene Körper uns kaum noch tragen vermag. Kümmern dich nicht die Tränen der Einsamen?

Unsere Werke missfallen dir? Aber schau doch genau hin. Zähle die Spenden, die an jedem Sonntag gegeben werden. Nein, wir wollen dich nicht bestechen. Aber mehr als Geld geben können wir oft nicht. Denn weißt du, was uns fehlt? Zeit ist es, es ist ganz einfach die Zeit, die uns fehlt. Merkt ihr das im Himmel denn gar nicht? Merkt ihr nicht, wie wir alle eingebunden sind auf Erden ins tägliche Leben? Lauscht ihr nicht den tausenden Hilferufen? Notiert ihr nichts aus den Gebeten, die euch erreichen?

„Wo sind eure Werke, ihr Engel, ihr Boten Gottes?“ Darf ich so unverschämt zurückfragen? Habt ihr nicht, hat ER nicht im Bund der Taufe uns Segen versprochen? Gab er uns nicht den Namen, dass wir leben?

Am Anfang war alles gut und heil. Der Weg aber durch das Leben ist lang und die Strecken, die wir mit durstiger Seele durchwanderten, haben viel Kraft gekostet. Sie haben auch Glauben aufgezehrt und unsere Hoffnung angenagt. Wir wollten so gerne leben, leben auch mit dir, Gott. Aber dann kam es anders. Willst du uns das nun vorwerfen? Sieh doch, heute sind wir in deinem Haus. Und du erwartest doch nicht etwa, dass ich die Rettung der Welt auf intensiveren Gottesdienstbesuch verkleinere. Das ließe sich zwar schön sagen. Aber so einfach ist das doch nicht. Ich will die Menschen hier nicht mit frommen Pflichten ketten und ihnen schlechte Gewissen machen.

<b>Aufwachen – Aufwecken – Halten</b>

„Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott.“ Was will denn sterben? Meinst du unseren Glauben? Wisst ihr denn gar nicht, wie das bei uns zugeht?

Wir gehen auf Weihnachten zu. Ehrlich, wir würden dieses Fest richtig feiern und würdig begehen, wenn wir es denn noch richtig und würdig könnten. Nein, jammern wollen wir nicht und wir wollen auch nicht über andere klagen und lästern. Es geht um uns, wir haben so vieles verlernt, lieber Engel.

Aufwachen sollen wir, aber glaub uns, wir schlafen nicht. Vielleicht ist das sogar eher unser Problem, dass wir keine Ruhe mehr haben. Es ist alles so fest gelegt, jedes Jahr wieder. Und wir spüren, dass da etwas hinweg stirbt. Aber wir fühlen uns so machtlos. Warum heißt es nicht: Kommt doch zur Ruhe. Warum sprichst du uns nicht zu: Gott wird unseren Zweifel aufheben. Warum sprichst du uns nicht zu: Gott stillt unsere Lebensangst. Warum sprichst du uns nicht zu: Er nimmt unsere Sorgen von uns? Dann wäre Weihnachten für uns.

Wie ein Dieb in der Nacht, Herr, willst du zu uns kommen? Gut so, aber raube uns dann bitte die Sorgen und lass uns das bisschen Hoffnungsbrot des Lebens auf dem Tisch liegen.

Das müsst ihr doch wissen, ihr im Himmel, wie sehr wir darauf angewiesen sind, dass wir euch spüren – nein es genügt – wenn wir euch ahnen könnten. Wenn wir glauben könnten, dass Gott die Welt nicht hat fallen lassen. Da will so vieles in uns leben. Halte du, Herr, es wach in uns. Stärke das, was sterben will in uns, und halte uns im Leben, all die Menschen Herr, und auch mich. Dann wird Weihnachten.

„So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße“ Natürlich, das trifft schon zu. Wir wollen nichts leugnen. Aber seht doch, ihr Engel.

Wir haben so vieles vergessen. Unsere Kinder in der Schule lesen in der Bibel – und vergessen es wieder. Sie lernen das Vater-Unser, und bleiben stumm, wenn es gebetet wird. Es ist, als lernten sie die Sprache eines Landes, in dem sie schon lange nicht mehr wohnen. Wir bemühen uns, lieber Engel, den Glauben weiter zu geben. Wir bemühen uns, und ich weiß, wie schlecht sich diese Formulierung in unserem „Dienstzeugnis“ macht. Aber merkt denn niemand im Himmel, dass wir auf Segen, auf gute Fügung angewiesen sind? Irgendwann auf unserem Weg durch die Zeit ist etwas zerbrochen. Das spüren wir. Wir halten das Geschenkpapier der Tradition noch in den Händen, wissen aber nicht mehr wirklich, was darin eingewickelt war.

Freilich, wir gestehen ja, dass wir auch bequem sind. Wir gestehen ja auch gerne ein, dass wir mutiger sein müssten, gegen Unrecht unsere Stimme zu erheben. Aber es hat nicht jeder von uns die Kraft dazu. Eine ehrliche Meinung kann uns auch den Arbeitsplatz kosten. Nein, vollkommen sind wir nicht. Das hast du richtig bemerkt. Aber sieh auch, wie sehr wir darunter leiden.

<b>Immer die anderen</b>

Die anderen hältst du uns vor, lieber Engel.“ Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind’s wert.“ Die Härte dieser Worte macht mich betroffen. Warum ich sie als hart empfinde? Weil sie mich ausschließen. Nein, so viel Frechheit habe ich nicht, mich in die Reihe derer zu stellen, die mit weißen Kleidern direkt ins Paradies wandern. Geht es etwa im Himmel zu, wie im Fernsehen, wo uns die „Promis“ und die „Helden“ vorgeführt werden und wir nur beschämt zu Boden blicken können? Ehrlich, ich bin da auch skeptisch. Dazu habe ich viel zu viel Bigotterie in weißen Gewändern gesehen und falsche Frömmigkeit hinter frommen Minen erlebt. Nein, ich will nicht auf andere zeigen. Ich will ja nur sagen, wie hart deine Worte gegen uns sind, lieber Engel. Gut, ich lese den letzten Satz in deinem Brief.

<b>Lass uns im Buch des Lebens</b>

„Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.“

Gerne würden wir zu denen gehören, die überwinden können. Doch schau, harter Engel von Sardes, wie hoch die Hürden um uns sind. Täglich lesen wir, wie bedroht das Leben auf unserer Erde ist. Gerne würden wir alles ändern. Wir fühlen uns aber so ohnmächtig. Natürlich fangen wir mit unseren kleinen Schritten an, den langen Weg zur besseren Welt zu gehen. Aber glaub uns, mehr als kleine Kraft haben auch wir nicht.

Freilich, wir haben das Lebensbild in Christus. Dieses Bild voll Versöhnung, diese Bild der Barmherzigkeit. Wir haben seine klaren Worte vom Frieden. Das alles wissen wir. Und täglich schreiben wir uns ein ins Lebensbuch Gottes mit unseren Gebeten. Dürfen wir denn gar nicht auf Gnade hoffen? Schau, wir leben in einer Zeit, in der Menschen zu Nummern und Zahlen verkommen. Vom Menschenmaterial wird bei uns gesprochen. An so vielen Stellen und Orten unseres Lebens fühlen wir uns reduziert, reduziert auf unsere Arbeitskraft, reduziert auf unseren Nutzwert, reduziert auf unsere Kaufkraft. Das halten wir alles bald nicht mehr aus. Ich hoffe, du bekommst eine Vorstellung davon, wie unbarmherzig deine leise Drohung wirkt, unseren Namen im Himmel zu tilgen. Dass man uns abschreibt, uns durchstreicht, unser Leben zerstört, das erleben wir hier zur Genüge. Ist es im Himmel etwa auch so? Ich will´s nicht glauben.

Und jetzt, kurz vor Weihnachten, erreicht uns dein Brief. Klar doch, um diese Zeit, sind wir für Glauben und Kirche offener als sonst. Aber ehrlich, müssen solche harten Worte sein?

Am Heiligen Abend, das schwöre ich dir, da feiern wir die Geburt unseres Herrn. Und unsere Bitte lautet: Segne die Menschen, Herr. Segne ihre Gemeinschaft. Gib den Eltern Kraft zur Treue und Liebe zur Erziehung ihrer Kinder. Führe Menschen zusammen, die an diesem Tag allein sind. Ach, ich hätte so viele Bitten. Und diese eine ganz besonders: Lass es nicht zu, harter Engel von Sardes, dass auch nur ein Name aus dem Buch des Lebens gestrichen wird. Ich bin fest überzeugt, dass Jesus auf unserer Seite steht und wir auf der seinen.

Lassen wir es gut sein. Freilich, dein Brief hat mich in die Knie gezwungen. Dein Brief hat mich erschreckt und beinahe hätte er mich dazu verleitet, meine Gemeinde heute, so kurz vor Weihnachten unter einen enormen Druck zu setzen. Keine Angst, wir lesen uns auch die Leviten. Es ist für mich aber ehrlicher, für meine Gemeinde zu sprechen und für sie zu beten und nicht gegen sie. Ich hoffe, man versteht das im Himmel und ich hoffe, man hat´s auch hier in der Kirche verstanden.

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