Die Liebe der kleinen Kraft

Liebe Mitchristen,

die Predigttexte dieser Zeit sind von einer apokalyptischen Stimmung geprägt und stammen aus einer Zeit, die uns fremd ist. Wir stellen uns unseren Advent ja heimelig vor und gemütlich. Kerzenschein und Plätzchen, daran denken wir. Davon ist hier überhaupt nichts zu spüren. Ich habe einen Augenblick lang gezögert und mir überlegt einfach einen anderen Predigttext zu nehmen. Aber dann hätte ich mich gedrückt und sie auch davor bewahrt biblische Texte zu bedenken, die schwierig sind und mit denen ich jedenfalls große Probleme habe. Deshalb möchte ich es mit ihnen angehen und versuchen erst einmal ein wenig Licht ins Dunkel des Textes zu bringen um dann, in einem zweiten Schritt, nach der Bedeutung einzelner Elemente des Textes für uns zu fragen. Ich bitte sie in den ausgeteilten Text mit hineinzusehen. Das macht mir und ihnen das Nachverfolgen des Gesagten leichter.

„Der Heilige“ und „der Wahrhaftige“, das sind Bezeichnungen für Jesus Christus. Er hat die endzeitliche Schlüsselgewalt als der letzte und legitime Nachkomme Davids. Er hat die Gewalt nicht nur über den widergöttlichen Bereich, sondern auch über den göttlichen Bereich. Ein Vers aus dem Jesajabuch wird hier messianisch gedeutet. Christus schließt nicht mehr alleine das königliche Haus auf, sondern er öffnet die himmlische Stadt. Damit ist die endzeitliche Heilsgemeinde gemeint. Die Situationsbeschreibung der Verse 8-11 soll die kleine Gemeinde von Philadelphia ermutigen. Drei Verheißungen werden dieser Gemeinde mitgegeben.

1. Wegen ihrer Bekenntnistreue wird der Gemeinde das Heil geschenkt

2. Einzig und allein die christliche Gemeinde trägt das verheißungsvolle Erbe Israels.

3. Die standhafte Gemeinde wird in der endzeitlichen universalen Drangsal geschützt.

In diesem Entscheidungskampf werden vor allem die nichtgläubigen Einwohner zu leiden haben.

Die Gemeinde hält an der Gemeinschaft mit Christus fest und deshalb ist auch der Kranz, das Zeichen der Vollendung, schon vorbereitet. Im Gegensatz zum Lob der Gemeinde werden die Juden verurteilt, weil sie sich durch die Ablehnung Jesu gegen die Gottesherrschaft aufgelehnt haben und sich damit zu Feinden der Christen erklärt haben. Offensichtlich bringen ihre Verleumdungen die Christen bei staatl. Behörden in Misskredit. Die Offenbarung spricht den Juden ihren Ehrennamen ab und kündigt ihnen das Gericht an.

Lassen sich mich an dieser Stelle Jürgen Roloff, vor einigen Jahren verstorbenen Erlanger Neutestamentler, zitieren: „Die Schroffheit dieser Aussage (über die Juden) wird für den heutigen Leser ein wenig verständlicher aufgrund der Vermutung, dass sie ein Reflex von bitteren Erfahrungen ist, die die christlichen Gemeinden in ihrem Verhältnis zu den Synagogengottesdiensten gemacht hatten; … im Urteil der Offenbarung sind die Juden nicht mehr das, was sie zu sein beanspruchen, nämlich Glieder des Gottesvolkes. Hier lässt sich nichts beschönigen: das läuft in der Tat auf eine Enterbung Israels hinaus.“

So hat sich also das Verhältnis zwischen Christen und Juden verändert. Die Offenbarung wurde aufgeschrieben irgendwann in der Regierungszeit des römischen Herrschers Domitian (81-96n.Chr.). Im Johannesevangelium kann Jesus noch, im Gespräch mit der samaritischen Frau, sagen: „Ihr wißt nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden.“ Jetzt auf einmal sollen sie, die Juden, vom Heil ausgeschlossen sein? Ich halte das für schwierig. Es ist nicht möglich die Bibel zu lesen ohne die Zeitumstände zu sehen und es ist nicht möglich einzelne biblische Texte isoliert zu betrachten und daraus umfassende Schlussfolgerungen zu ziehen. Das macht diese Stelle überdeutlich. So einfach kann man es sich nicht machen. Wir können heute solche Aussagen nur aufgrund historischer Ereignisse ansatzweise verstehen.

Liebe Mitchristen: „Philadelphia“ heißt diese Gemeinde, „Bruderliebe“ übersetzt. Ich möchte „Geschwisterliebe“ sagen. Diese Gemeinde hat etwas schönes an sich. Es wird im Bibeltext folgendermaßen beschrieben: „Denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.“

Eine kleine Kraft. Eine hoffnungsvolle Aussage ist dies in den Wirren der diokletianischen Christenverfolgung. Vielleicht auch eine ehrliche Aussage. Eine kleine Kraft für eine kleine Gemeinde. Da wird heute viel darüber diskutiert wie viel Kraft eine Gemeinde haben muss und dass sie, so ein Schlagwort, „gegen den Trend wachsen soll“. Hier reicht eine kleine Kraft. Mir fällt das Wort dazu ein, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist. Klein ist nicht immer negativ. Eine kleine Kraft sagt: Ich kann nicht alles. Ich kann überlastet sein, es kann mir zuviel werden! Ich habe nur eine kleine Kraft. Das heißt aber auch. Ich kann zwar nicht alles, manches aber kann ich. Und das kann ich vielleicht sogar besser als manche andere, die eine große Kraft haben. Was können wir gut? Wo setzen wir unsere kleine Kraft ein? Hoffentlich an einem Ort, der dem Motto der Philadelphischen Gemeinde, der Geschwisterliebe, gerecht wird.

Die kleine Kraft kommt aus dem Bewahren des Wortes Gottes. Nun ist es für eine Gemeinde um 100 nach Christus einfach das Wort Gottes zu bewahren, wenngleich wir am letzten Sonntag davon gehört haben, dass auch einige sich von der Gemeinde getrennt haben und eigenen Wege gegangen sind. Es gab also damals schon Streitigkeiten um die rechte Auslegung des Wortes Gottes. Ich sage es ganz offen: Wo Gottes Wort bewahrt wird muss es ausgelegt werden. Man muss es ja verstehen. Und ich finde es interessant, dass Gott offensichtlich unterschiedliche Auslegungsmöglichkeiten zulässt. Dann sollten wir dies doch auch tun. Was er nicht zulässt, das ist eine Auslegung bei der die Liebe und die Rücksicht auf Schwache keine Rolle mehr spielt. Die Geschwisterliebe ist ihm ganz wichtig. Das Wort Gottes muss gelebt werden, möglichst vielfältig und möglichst kreativ. Im Gottesdienst, in Hauskreisen, im Kinderchor, bei Bibelstunden und im Alltag. Und so wie wir Menschen alle unterschiedlich sind wird auch unsere Auslegung von Bibelworten je unterschiedlich sein. Menschen, die hier eine ähnliche Tradition haben werden sich zusammenfinden, ganz nach dem Motto: „Gleich zu gleich gesellt sich gern.“ Aber auch da muss wieder die Geschwisterliebe dabei sein. Wer sich nicht dazu gesellt und wer nicht gleich ist, ist noch deswegen noch lange kein schlechter Christ.

Das dritte wichtige Stichwort ist das Bekenntnis zu Christus. Die Gemeinde in Philadelphia hat sich zu ihrem Glauben bekannt. Wir können erst einmal aufatmen. Wenn wir unser Glaubensbekenntnis sprechen verhaftet uns niemand. Wir brauchen den Kaiserkult nicht zu verweigern, weil es ihn nicht mehr gibt. Wir haben die Möglichkeit auf Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft, die unserem Bekenntnis widersprechen, hinzuweisen. Dennoch ist es manchmal gar nicht so leicht sich zu seinem Glauben zu bekennen. Unser Kirwaumzug ist eigentlich ein sehr schöner Ausdruck dieses Glaubens im ablaufenden Jahr gewesen. Wer da mit geht zeigt auch: Ich stehe zu meinem Glauben und zu dieser Kirchengemeinde. Unter diesem Aspekt betrachtet ist es fast erschreckend, dass nur 200 Menschen mitgegangen sind. Eigentlich müssten da ja noch viel mehr mitgehen. Nein, so habe ich es nicht gemeint: Aber ich möchte wegkommen von dem, was wir immer gleich mit „bekennen“ verbinden. Von irgendeiner Art Märtyrertum, die wir gar nicht durchleiden müssen in unserer Zeit. Es sind doch eher die einfachen Dinge durch die wir unseren Glauben auch bekennen können. Und unter diesem Gesichtspunkt ist es wichtig zu zeigen: Der Gottesdienst ist der Auftakt zur Kirchweih und eben nicht das Aufstellen irgendeines Fierantenstandes am Marktplatz. Es ist auch ein Bekenntnis zum Glauben.

Liebe Mitchristen: Sie vermissen das Adventliche in dieser Predigt. Die Predigt ist höchst adventlich. Im Advent geht es um das Kommen Christi in die Welt. Etwas, was in der Offenbarung des Johannes das beherrschende Thema ist. Christus kommt nicht nur an Weihnachten, er kommt am Ende aller Tage. Man darf das in dieser Zeit nicht vergessen bei Tannenduft und Weihnachtsmusik im Radio.

„Siehe, ich komme bald“, heißt es dazu in unserem Predigttext. Bald, ja an Weihnachten und am Ende der Zeiten. Wann das ist? Ich weiß es nicht. Heute, morgen in tausend Jahren. Es ist nicht wichtig. Wir leben heute und wir dürfen, wie die Gemeinde in Philadelphia, die Lebenszeit gestalten, mit Geschwisterliebe.

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