Grund-Hoffnung

Advent, liebe Gemeinde, heißt die Zeit der Ankunft. Wir gedenken einer doppelten Ankunft – im Rückblick auf die Ankunft Jesu auf dieser Erde in seiner Geburt, auf die es jetzt mit schnellen Schritten zugeht. Gleichzeitig aber steht die weitere Ankunft Jesu als Christus der Weltenrichter vor Augen, wie sie für das Ende der Zeit geglaubt wird. So schließt sich der Kreis, wenn wir das Wort Christi bedenken: „Ich das A und das O, der Anfang und das Ende.“ Und weil es eine Zeit des Bedenkens ist, ist die Adventszeit eine Fasten- und Bußzeit. Die Konfirmanden müssen es wissen: deswegen wird lila in unserer Kirche gedeckt. Deswegen wird ab dem nächsten Sonntag kein Gloria und kein Glorialied mehr gesungen: Fastenzeit und Bußzeit.

Warum die Kirche solche Zeiten kennt wird aus unserem Predigtwort erkenntlich. Weil wir wissen, dass sich der Tag naht, an welchem Christus wiederkehrt, sollen wir bestimmte Dinge besonders im Blick haben. Es ist eine Aufforderung, nicht achtlos vor sich hin zu leben. Es ist auch eine Aufforderung, nicht die Form mit dem Inhalt zu verwechseln. Nehmen Sie alle Schmuckgegenstände, mit denen wir unsere Häuser wieder schmücken. Nehmen sie die Weihnachtsmärkte, die Musik im Radio, die Sendungen im Fernsehen, die Weihnachtsmänner usw. usf. – unzählige Beispiele. Eigentlich alles Formen, um dieses Nachdenken, dieses Bedenken zu unterstützen. Das Licht auf dem Adventskranz als das Licht, das darauf hinweist, dass die Dunkelheit, der Tod, in Christus besiegt wurde. Der immergrüne Weihnachtsbaum als Erinnerung daran, dass wir einst im Paradiese lebten, daraus aber vertrieben wurden. Deswegen setzen wir auch diesem Baum die Lichter Christi auf – in seinem Licht wurde die Trennung zu Gott, die Sünde, überwunden. All das wissen Sie, liebe Gemeinde. Aber viele gibt es, die nur noch die Form leben, den Inhalt aber übersehen. Es gibt US-amerikanische Weihnachtslieder, die bei mir persönlich nur noch die Gedankenkette: Kaufhaus, Hektik und süßlich-verkitschtes Überkleben der Weihnachtsbotschaft auslösen. Fürchterlich.

Der Gemeinde, an die der Hebräerbrief gerichtet ist, scheint es erstaunlicherweise schon ganz ähnlich gegangen zu sein – und das nur knapp 100 Jahre nach Christi Geburt. Achtet auf euch, sagt unser Predigtwort. So aktuell wie vor 1900 Jahren. Lasst euch anreizen zu guten Werken und zur Liebe. Ermahnt euch untereinander. Das heißt nichts anderes, als sich auch offen und ehrlich die Meinung zu sagen. Ins Gespräch zu treten mit denen, die heute hier mit uns in der Kirche sind, aber auch mit denen, die sonst unserer Gemeinschaft anhängen. Offen zu sein, über die Botschaft, die wir auszurichten haben, zu diskutieren in dem Versuch, sie immer wieder neu in die Situation hinein zu sagen. Verlasst nicht die Versammlungen! Ein Problem, das die damaligen Gemeinden schon kannten – irgendwie auch tröstlich, dass es vor 1900 Jahren schon ähnliche Themen gab. Es ist bleibend aktuell: nicht um des Pfarrers willen geht man in die Kirche, sondern weil man weiß, dass es für einen selber eine gute Übung ist: das Hören auf Gottes Wort und ihm zu antworten. Manchmal denke ich mir: für vieles ist inzwischen eine verpflichtender Routinebesuch eingeführt worden, z.B. beim Zahnarzt – damit man wenigstens das Schlimmste verhindern kann. Wie gut wäre es, mehr Menschen würden begreifen, dass auch dieser Gottesdienstbesuch etwas zu tun hat mit der Pflege seiner geistlichen Gesundheit. Zu viele lassen diese verlottern und wundern sich dann in den schlimmen Situationen ihres Lebens, dass ihnen ein Halt abhanden gekommen ist. Stattdessen, liebe Gemeinde, fordert das Predigtwort von heute heraus: haltet fest an dem Bekenntnis der Hoffnung. Ihr, die ihr in Christus eingesenkt seid durch die Taufe, ihr habt eine Hoffnung als Geschenk bekommen. Eine Hoffnung, die ihr auch jetzt wieder ausdrückt, durch die Lichter am Kranz und am Baum und durch vieles anderes mehr. Haltet daran fest. Verlasst euch ganz auf diesen Christus, der mit Gott-Vater und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ihr haltet einen Schatz in der Hand, der unglaublich reich macht. Gestern, noch vor der Verlosung des sagenhaften Jackpots, habe ich im Radio eine Sendung gehört, wo ein Mann interviewt worden ist, der Messen für Reiche veranstaltet. Mit ihm wurden verschiedene Ausgabenmöglichkeiten für diese 38 Millionen Euro durchgespielt. Die erste davon war, das ganze Geld auf einmal auszugeben, für ein Haus in der Schweiz, wenn ich mich recht erinnere. Ja, es gibt Menschen, die sich so etwas auch ohne Lottospielen leisten können. Aber dieser Reichtum bleibt vergänglich. Nichts davon ist mitzunehmen, wenn wir über die Schwelle treten. Die Hoffnung in Christus aber ist beständiger, sie reicht in die andere Welt hinein. Vielleicht sollte ich besser sagen: sie reicht aus dieser Welt hinüber in unsere Welt und ist uns geschenkt – umsonst zu haben – und wird ausgeteilt an alle, die bereit sich, sich darauf einzulassen. Unabhängig vom Stand, Intelligenz, Aussehen usw.

Adventszeit meint dieses: sich wieder zu besinnen auf diese Grund-Hoffnung, auf dieses Grund-Geschenk und an seiner Verbreitung mit zu wirken, indem man den anderen davon erzählt. Schön, dass unser Bläsergottesdienst mit diesem Predigtwort zusammen trifft. Denn nichts anderes geschieht ja auch dort: Verkündigung durch die Musik. Es ist eine Freude, dass heute der Chor Verstärkung erhält, um in diesem Dienst weiter wirken zu können.

„Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat; und lasst uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das um so mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.“

Und der Friede Gottes, der beständiger ist, als jeder menschliche Friede, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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