Advent ist nicht im Dezember

Liebe Gemeinde!

Was ist für uns das Wichtigste im Leben, auf das wir auf keinen Fall verzichten möchten? Was liegt uns so sehr am Herzen, dass wir alles dafür tun würden, um es behalten zu können?

Die Antworten fallen sicher unterschiedlich aus, abhängig von unserer Lebens- oder Familiensituation.

Die einen würden sagen: "Meine Gesundheit, das ist das Wichtigste, auf die möchte nicht verzichten! Sie ist Voraussetzung eines guten Lebens. Meine Gesundheit darf ich auf keinen Fall verlieren“, und dementsprechend tun sie auch alles dafür.

Eltern mit kleinen Kindern würden wahrscheinlich sagen: "Ich bin bereit alles zu geben, nur unser Kind nicht! Das ist das Kostbarste auf der Welt, was uns geschenkt wurde!"

Verliebte würden nicht zögern und sagen: "Es gibt nichts Wichtigeres in unserem Leben, als unsere Liebe zueinander, an der wollen wir festhalten, zu jedem Preis.

Was liegt uns so sehr am Herzen, dass wir alles dafür tun würden, um es behalten zu können?

Das Bibelwort für den heutigen Sonntag gibt uns darauf auch Antwort, die aber erst einmal sehr intellektuell, sehr vergeistigt klingt.

„Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung“.

Was soll so ein Satz, heute am ersten Advent? Festhalten am Bekenntnis?

„Advent ist im Dezember“ so lautet das aktuelle Bekenntnis der Evangelischen Kirchen in Deutschland. Auf der Internetseite: www.advent-ist-im-dezember.de finden wir dann das Bekenntnis zum Advent, mit Bräuchen, Weihnachtsliedern, und neben dem Spendenaufruf für „Brot für die Welt“ finden wir, was TV-Köche für den Heiligen Abend uns empfehlen.

Eine gut gemeinte Initiative der Evangelischen Kirche in Deutschland, die aber zu kurz greift, nicht im Blick hat, dass z.B. der Advent nur bei uns in Nordeuropa etwas mit der nachdenklich stimmenden Dunkelheit des Dezembers zu tun hat, mit seinen besonderen Farben und Düften.

Christen in der ganzen Welt feiern Advent und sie feiern ihn ganz unterschiedlich. Auf der südlichen Welthalbkugel z.B. werden jetzt die Tage zusehends länger und heißer. Kerzen werden oftmals nicht angezündet, weil sie sich in der Hitze verbiegen, auch das ist Advent.

„Festhalten am Bekenntnis“, dürfen wir nicht verwechseln mit festhalten an Traditionen.

Beides wird manchmal miteinander vermischt. Und wer Traditionen und kirchliche Bräuche in Frage stellt, dem wird oftmals vorgeworfen: „die Kirche richtet sich zu sehr nach dem Zeitgeist“.

„Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung“, das bedeutet mehr, als ein Bekenntnis zur Traditionen nach dem Motto: „das war schon immer so“.

Das Wort Hoffnung hat immer etwas Zukünftiges im Blick. Die Hoffnung erwartet etwas, die Hoffnung ist das Gegenteil von Resignation.

Und dieser Gedanke der Hoffnung, der soll und muss heute am 1. Advent im Mittelpunkt stehen.

Die Adventszeit ist eine Vorbereitungszeit, sie bereitet uns auf Weihnachten vor. Nun ist es aber für uns weder die erste Adventszeit noch das erste Weihnachten, das wir erleben. Wir bereiten uns nicht auf etwas vor, was wir nicht kennen würden. Wir ersehnen und erhoffen auch nicht, was noch niemals dagewesen wäre.

Gut, manche Christen stellen in den Mittelpunkt der Adventszeit die Hoffnung, dass Gott am Ende der Zeit auf diese Welt zurückkommt. Sie reden vom letzte Advent.

Solche Endzeitvorstellungen gehören aber in den Bereich der mythischen Vorstellungen des Neuen Testamentes. Vorstellungen dieser Art gehören nicht mehr zum heutigen Reden von adventlichen Hoffnung.

Die Adventszeit, mit der ein neues Kirchenjahr beginnt, will uns helfen, dass wir uns der christlichen Hoffnungen für unsere Welt wieder ganz bewusst werden. Dass wir uns der Hoffnungen vergegenwärtigen, die uns im Laufe des Jahres verlorengegangen sind.

Tatsächlich geht es vielen Menschen so, dass je näher Weihnachten rückt, um so mehr spüren wir in unserem Inneren was uns fehlt: innere Ruhe, Gemeinschaft und Frieden zwischen den Menschen. Die Advent- und Weihnachtszeit ist ein Tankstelle der Hoffnung und Zuversicht.

Hoffnung ist wie ein Licht, das die Dunkelheit in unserem Leben vertreiben will und uns Mut macht, an die Gegenwart Gottes in der Welt zu glauben. Advent bedeutet dann nicht er kommt, sondern der schon in der Welt gegenwärtige Gott kommt wieder neu auf uns zu.

Oder eigentlich noch besser gesagt, wir machen uns auf, ihm entgegen zu gehen, wir kommen auf ihn zu, Gott ist schon immer da in unserem Leben und in unserer Welt.

Und dass Gott da ist in unserer Welt, das ist das „Bekenntnis der Hoffnung“, so wie es auch ein Adventslied mit den Worten ausdrückt: „Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil“.

Doch das „Bekenntnis zur Hoffnung“ darf nicht zum Lippenbekenntnis werden, zur Worthülse und so folgt in unserem Predigtwort auf das Bekenntnis, die Mahnung:

„Und lasst uns einander Wahrnehmen und zur Liebe und guten Werken anleiten. Lasst uns nicht unsre Versammlungen im Stich lassen, wie einige es tun, sondern einander ermutigen.“

Liebe Gemeinde, es geht in diesen Worten um Gemeinschaft und um den Wert der Gemeinschaft. Christliche Gemeinschaft lebt davon, dass wir einander wahrnehmen. Das bedeutet mehr als zur Kenntnis nehmen.

Wahrnehmen setzt im Herzen an und nicht im Kopf.

Wie geht es dem Menschen, den ich hier immer wieder im Gottesdienst sehe, der vielleicht neben mir oder in meiner Nähe sitzt. Was bewegt ihn, was freut ihn oder macht ihm Sorgen.Haben wir als Gemeinde ein Gespür für das, was den Andern oder die Andere bewegt.

Ein besonderes Kennzeichen des Lebens Jesu war, wie er mit den unterschiedlichsten Menschen Gemeinschaft hatte, wie er sich ihnen zuwandte und auch bei ihnen einkehrte. Manche Menschen wurden in der Begegnung überhaupt erst von anderen wahrgenommen wurden.

Der Mensch ist nicht als Einsiedler, als Steppenwolf geboren, sondern als Gemeinschaftswesen. „Sie waren täglich beieinander“ so lesen wir in der Apostelgeschichte und können förmlich die mut- und hoffnungsstiftende Kraft der Gemeinschaft spüren. „Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil“.

Und eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig stützt und hilft, die strahlt aus und kann etwas verändern.

Und so kommt in diesem Bibelwort nicht nur die christliche Gemeinde, sondern die ganze Welt in den Blick. „lasst uns einander zur Liebe und guten Werken anleiten“. „Dies sollten wir umso mehr, als ihr seht, dass der Tag naht.

Ich kann mich noch sehr gut an eine Bibelarbeit auf dem Kirchentag 2005 in Hannover erinnern in der ein jüdischer Rabbi sagte: „Der Messias kommt dann wieder, wenn wir alle seine Gebote halten“. Sein Gesprächpartner, ein evangelischer Pfarrer sagte daraufhin, dann bräuchten wir ihn ja gar nicht mehr. „Genau darum geht es, antwortete der Rabbi.

Liebe Gemeinde, mit jeder Tat der Liebe und jedem guten Werk, kommt Gott zum Menschen und der Mensch zu Gott und so wird unsere Welt licht und hell.

Dann ist Advent nicht nur im Dezember, sondern an jedem Tag des Jahres.

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