Engel, der Licht in die Gräber trägt

<i>[Das der Meditation zugrunde liegende Bild von Christian Rohlfs stammt aus dem Materialdienst für Gottesdienste des Gottesdienst-Instituts der ELKB: <a href="https://www.gottesdienstinstitut.org/katalog/images/engelderlichtingraebertraegt.jpg" target="_blank">https://www.gottesdienstinstitut.org/…</a>]</i>

Liebe Gemeinde!

Ewigkeitssonntag ist heute. Manche von uns sagen auch Totensonntag dazu. Und drücken damit aus, was an diesem Tag ihr Herz am meisten bewegt: es ist der Tag im Jahr, an dem wir besonders an die Menschen denken, die uns nahe standen und verstorben sind. Ihr Tod bringt uns an Grenzen: Ohnmacht, wenn wir zusehen müssen, wie jemand an einer schweren Krankheit stirbt, ohne helfen zu können; Gelähmtheit vor Schock, wenn jemand plötzlich – „grundlos“ vielleicht sogar – stirbt; Angst, wie das Leben weitergehen soll ohne den Ehemann,/ die Ehefrau; den Vater/ die Mutter; die Geschwister; den Freund/ die Freundin; den Kollegen/ die Kollegin …; Angst aber auch vor dem eigenen Tod.

Zu den Grenzen kommt der Schmerz, einen geliebten Menschen für den Rest meines Lebens verloren zu haben. Zu wissen, dies ist das letzte Mal, dass ich jemanden (lebend) sehe; zu wissen, das was jetzt nicht gesagt ist, wird nie mehr gesagt werden können. Zu wissen, gemeinsam Erlebtes findet nun keine Wiederholung mehr – mit anderen Menschen ist sogar dieselbe Tätigkeit doch etwas anderes. Ein erstaunlicher, unfassbarer, kostbarer Schatz, ein jedes Menschenleben. Und – obgleich wir das gerne verdrängen und das Gefühl haben, es sei eine Selbstverständlichkeit, gesund und tatkräftig zu sein – doch ist das Leben so zerbrechlich: Wenn jemand stirbt, ist das Leben wie ausgelöscht/ wie ein zarter Hauch, der weggeweht wurde. Wir spüren deutlich: wir haben das Leben – auch unser eigenes – nicht in der Hand. Sehr treffend hat auch Paulus das einmal geschrieben, und zwar in Röm 14, 7-9: (Denn) keiner von uns lebt sich selbst, und keiner stirbt sich selbst; denn sei es, dass wir leben (dann) leben wir dem Herrn; sei es, dass wir sterben, (dann) sterben wir dem Herrn. Sei es also, dass wir leben/ sei es, dass wir sterben – wir gehören dem Herrn! Dazu nämlich ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er sowohl über Tote als auch über Lebende herrsche.

Keiner von uns lebt sich selbst: mit dieser Einschränkung schon für unser/ für mein Leben beginnt Paulus – d.h. unsere persönliche Freiheit, das, was wir auch Selbstverwirklichung nennen, hat Grenzen, vor allem eine Grenze: Gott! Was Paulus sagen will, ist, dass wir im ganzen Leben umfasst und gehalten sind von Gott. Was wir tun, tun wir nicht einfach für uns selbst; es ist auch nicht sinnlos, sondern dient letztlich Gott. Paulus nimmt hier das Dreifachgebot der Liebe ernst: Du sollst Gott lieben – als erstes – und deinen Nächsten wie dich selbst! Das heißt für mich: Wir dürfen uns selbst verwirklichen, unsere Fähigkeiten und Gaben (weiter-)entwickeln, eben weil jeder Mensch einzigartig ist.

Und weil jeder Mensch einzigartig ist, ist auch die Beziehung, die wir zu einem Menschen haben, immer einzigartig, unwiederholbar: Ob es die Beziehung ist, die eine Mutter oder ein Vater zu jedem einzelnen Kind hat; oder die Beziehungen unter Geschwistern; die Beziehung zu Oma oder Opa; Freundschaften – eine jegliche Beziehung ist etwas besonderes, unwiederholbar, unverwechselbar – und eben auch unwiederbringlich verloren, wenn ein Mensch stirbt.

Die Endlichkeit eines jeden Lebens – und damit der Tod gehört zum Leben dazu. Ihm können wir nicht ausweichen. Wo mir der Tod begegnet, weil ein Mensch stirbt, der mir nahe steht, wird es kalt und dunkel (auch) in meinem Leben … Trauer fühlt sich jedenfalls für mich so an: kalt und dunkel …

Und da tut es mir gut, den zweiten Teil des Satzes von Paulus zu hören: Keiner stirbt sich selbst! So wie Gott uns im Leben umfängt – und unser Leben begrenzt – umfängt uns Gott auch im Tod. Auf dem einsamen Weg des Sterbens/ auf dem Weg, den jedeR einzelne allein gehen muss (egal, ob jemand die Hand hält oder nicht), ist Gott da! Wo wir Menschen nicht mehr mitkommen, nicht mehr hinkommen, dorthin reicht aber Gott!

Und: Wie dem Leben hat Gott auch dem Tod eine Grenze gesetzt. Auch wenn es so scheint, mit dem Tod hört nicht alles auf. Gott hat den Tod überwunden. Jesu Auferstehung zeigt uns: das Leben hat den Tod besiegt. Gott schenkt uns nach dem Tod neues, ewiges Leben. Die verstorbenen sind nicht einfach verloren …

Der Maler Christian Rohlfs hat dies sehr schön in einem Bild dargestellt. Es trägt schlicht den Titel: Engel, der Licht in die Gräber trägt. Wir sehen eine Gestalt – einen Engel/ einen Boten Gottes – der über den Friedhof geht. Der Friedhof ist dunkel, und dennoch nicht abgrundtief düster – denn die Grundfarbe ist nicht schwarz, sondern dunkelblau. Der Tod liegt im Dunkeln, sein Geheimnis können wir Lebenden nicht enträtseln – und dennoch stellt ihn der Maler nicht feindlich dar. Und der Engel bezeugt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Sein Licht, der Glanz und die Helligkeit seiner Gestalt, bestimmen das Bild. Das Licht ist im Vordergrund. Der Bote Gottes, selbst vom Licht erfüllt, trägt das Licht weiter: Indem er die Grabkreuze berührt, bringt er auch sie zum Leuchten. So macht sein Licht – das Licht Gottes – die Kreuze sichtbar und hebt sie aus dem Dunkel heraus. Gott überlässt die Toten nicht dem Dunkel des Todes. Er holt sie ans Licht, macht sie erkennbar. Und so bleiben die Toten wie die Lebenden in Gott geborgen. Vor Gott geht kein Mensch verloren, jedeR bleibt für Gott unverwechselbar und einzigartig. Auch nach dem Tod bleiben wir bei Gott geborgen. Und schaue ich mir das Bild an, dann ist es, als würde das Leben durch Gott in neuem Licht erstrahlen. Dieser Gedanke macht mir Hoffnung: Wir kommen am Tod nicht vorbei. Wir können nicht ausweichen (wie auch nicht einmal Jesus ausgewichen ist) müssen hindurchgehen. Aber damit ist nicht alles aus. Es erwartet uns ein neues Leben. Wie dieses Leben aussehen wird, wissen wir nicht – aber mit Gottes Zusagen, wie wir sie auch in unserem heutigen Lesungstext gehört haben: „siehe, ich werde abwischen alle Tränen aus ihren Augen“, – hoffe ich darauf, dass es heil macht, was in diesem Leben zerbrochen ist: Im Leben der Verstorbenen und in unserem eigenen Leben, in dem wir trauern um die Menschen, die wir geliebt, aber doch verloren haben.

Weil uns diese Hoffnung tragen soll, die Verheißung, dass Gott uns ewiges Leben schenkt, darum heißt dieser Sonntag eben nicht einfach Totensonntag. Denn das heißt zurückblicken auf das, was war. Sondern er heißt Ewigkeitssonntag, weil wir, die wir leben nach vorne schauen können: weil Gott Herr ist über Tote und Lebendige, über Tod und Leben, und weil in ihm das Leben ewigen Bestand hat. Gott vergisst uns nicht! Gott will uns mit Seinem Licht erfüllen.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie vom Licht Gottes erfüllt werden – gerade auch, wenn Sie um einen lieben Menschen trauern – und dass sie mit und in dem Lichte Gottes auch zuversichtlich in die Zukunft blicken können. Ich wünsche Ihnen, dass die dunklen, unbekannten Wege der Zukunft beleuchtet werden. Und ich wünsche Ihnen, dass das Licht Gottes Ihnen immer auch Fröhlichkeit, Freude und Lachen und Lebensglück beschert!

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