Abschiedlich leben

<i>[Das angesprochene Bild ist aus der "Werkstatt für Liturgie und Predigt" zu diesem Sonntag.]</i>

Liebe Gemeinde,

sie haben am Eingang ein Bild bekommen. Gemalt um 1400, dargestellt ist der Lieblingsjünger Jesu, der trauernde Johannes. 600 Jahre alt und doch ist so ein trauerndes Gesicht zu allen Zeiten gleich. Trauernde haben einen „schweren“ Kopf, niedergedrückt von den Erlebnissen. Johannes hat ihn auf seine Hand gestützt, wie um ihn zu halten. Trauernde haben einen seltsam abwesenden Gesichtsausdruck, sie schauen „vor sich hin“. Auch Johannes Augen scheinen gar kein richtiges Ziel zu haben. Wahrscheinlich, weil auch er nach innen, in sich hinein, schaut und Halt sucht. Tränen sehen wir bei ihm keine – vielleicht kann er ja schon nicht mehr weinen; vielleicht weil er tief in sich drinnen weint. Trauernde verstehen die Welt nicht mehr, auch wenn sie den Verlust haben kommen sehen. Johannes hat keinen Antrieb, keine Zuversicht; er droht sich zu verlieren in der Welt, die sich um ihn herum weiterdreht. Sein Gesicht wirkt fast zeitlos. Trauernde Gesichter sehen auch heute noch so aus, 2000 Jahre nach dem Tod Jesus und der Trauer von Johannes, 600 Jahre nachdem das Bild gemalt wurde.

Nur Tage vor dieser Momentaufnahme von seiner Trauer sitzt er auf dem Ölberg in Jerusalem – mit herrlichem Blick auf die Altstadt und den alles überragenden Tempel. Sie sitzen im engen Kreis zusammen: Jesus und die vier Jünger, die er zuerst gefunden hat: Andreas, Jakobus, Petrus, der Menschenfischer und er selbst, Johannes. Ein paar Tage später wird Jesus gekreuzigt werden. Jetzt gibt Jesus seinen Jüngern noch ein paar letzte Dinge mit auf den Weg. Keine Durchhalteparolen und auch kein billiger Trost nach dem Motto: „Kopf hoch, das wird schon wieder!“ oder „Reißt euch zusammen, das Leben geht weiter“. Keine Hoffnung auf ein schnelles Wiedersehen. Er gibt seinen Jüngern etwas Haltbareres mit, ein Licht für ihren Weg. Er spannt einen Horizont auf, der weiter ist als sein nahender Tod, er sagt, was wirklich helfen kann.

Für uns heute nachzulesen im Markusevangelium, in Kapitel 13 in den Versen 31 bis 37 – unser heutiger Predigttext:

[TEXT]

Keine lange Predigt, keine ausgefeilten theologischen Sätze. Jesus weiß, dass das jetzt vor dem nahendem Abschied und seinem Sterben für seine Jünger zuviel wäre. Er weiß, dass jetzt Bilder am besten tragen, dass sie mehr ausdrücken können als viele Worte.

Und so erzählt Jesus ein Gleichnis: Es ist wie bei einem Menschen, der längere Zeit fort sein wird. Er verteilt die anfallenden Aufgaben auf seine Knechte und sagt dem an der Türe, dass er aufpassen soll. Die Zurückgebliebenen wissen nicht, wann er wieder kommen wird. Sie wissen nur, dass er ganz sicher wieder kommen wird. Und dann will er sie nicht schlafend vorfinden, sondern sie sollen sich um ihre Aufgaben kümmern.

Liebe Gemeinde, die Christen damals in der Gemeinde von Markus, sie haben tagtäglich damit gerechnet, dass Jesus wiederkommen würde. Alle Arbeit ruhte, keiner dachte mehr an die Aufgaben, die zu erledigen waren. Es wurde gewartet. Aber so wird es nicht sein, sagt ihnen Markus. Plötzlich wird er kommen. Dann wird das Reich Gottes hereinbrechen wie der Morgen. Plötzlich wird er wieder da sein – so wie ein Mensch, der lange auf Reisen war. Deshalb: 33 Seht euch vor, wachet! denn ihr wißt nicht, wann die Zeit da ist. 32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

All die Spekulationen, wann es sein wird und wie, das bringt nichts. Wir wissen es nicht. Immer wieder gab es in der Geschichte der Kirche Menschen, die versuchten, diesen Tag und die Stunde vorherzusagen und zu berechnen. Auch ein renommierter Württemberger wie Johann Albrecht Bengel (1687-1752) hat das getan. 1836 sollte Christus wiederkommen. Seine Erwartungen schienen sich auch zu erfüllen: Durch Missernten wurde das Land im beginnenden 19. Jahrhundert in eine schwere Krise gestützt. Viele zogen in Richtung Palästina – dem wiederkommenden Herrn entgegen. Sie wurden alle bitter enttäuscht.

Lasst deshalb solche Spekulationen rät uns der Text, der Termin ist offen – das weiß tatsächlich allein der Herr, allein der Vater. Also bleibt realistisch. Aber dass Jesus wiederkommen wird, dass steht fest. Und dann wird sich alles ändern und das Reich Gottes wird sich durchsetzten und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein (Apk 21,4). Aber bleibt jetzt realistisch. Noch ist es nicht so weit.

Heute sind Menschen unter uns, die das am eigenen Leib erfahren haben. Noch hat sich Gottes Reich nicht durchgesetzt. Noch sind wir mitten im Leben vom Tod umgeben. Einige von uns haben im letzten Jahr erfahren wie es ist, wenn der Tod plötzlich ins Leben bricht. Wenn er alles durcheinander bringt, Pläne und Hoffnungen über den Haufen wirft. Wenn er uns zurücklässt mit einem Gemisch aus Trauer, Wut, Schmerz, Dankbarkeit und Erinnerungen. Das ist auch dann so, wenn wir mit Sterben und Tod rechnen, weil sich der Krankheitsverlauf abzeichnet oder Menschen alt geworden sind. Und doch kommt der Tod plötzlich, ungeplant, ungebeten.

Er gehört zur tiefen Wirklichkeit unserer Welt und unseres Lebens dazu. Auch wenn wir versuchen, uns möglichst nicht damit zu befassen und unser Sterben und den eigenen Tod auszublenden. Auch, wenn wir versuchen mit medizinischen Möglichkeiten das Äußerste aus einem Leben herauszupressen, so bleibt der Tod letztlich doch eine Wirklichkeit, die uns alle begleitet.

Eine Wirklichkeit, die uns begleitet und auch die Jünger damals begleitet hat. Doch Jesus sagt: „Habt keine Angst!“ 31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. „Auch wenn für euch die Welt zusammenbricht, weil eine Lücke in eurem Leben entstanden ist. Auch wenn Himmel und Erde vergehen werden. Das, was ich euch gesagt und versprochen habe – das bleibt und es wird sich erfüllen: Gott kommt, um euch und seine ganze Schöpfung ans Ziel zu bringen. Aber noch ist es eben nicht soweit.“

Eine Folge davon ist, wachsam zu bleiben. 4 mal wird das im Text angemahnt: „Wachet“. Rechnet mit dem Tod, aber auch mit dem Wiederkommen Jesu. Und richtet euer Leben darauf aus.

Modern gesprochen ist das also die Forderung: „Lebt abschiedlich.“ Also, sucht euch Orientierungspunkte im Leben, die Bestand haben und die der Wirklichkeit des Todes standhalten. Denn neben der Vergänglichkeit unserer Welt, die wir alle immer wieder spüren mit ihrem Schmerz und ihrem Schrecken, da gibt es anderes. Da gibt es eine Sehnsucht nach einer guten Zukunft. Eine Sehnsucht nach einer Verwandlung, nach einer Welt, die nicht gezeichnet ist von Gewalt und Tod. Eine Sehnsucht nach das Gottes Reich und seiner Ewigkeit. Das können für uns Haltepunkte sein, Hoffnungspunkte.

Abschiedlich leben, das kann bedeuten, sich solche Haltepunkte, solche Hoffnungspunkte zu suchen. Und es kann auch bedeuten, die Prioritäten im Leben zu klären. Was ist mir wirklich wichtig? Von was werde ich getrieben? Wofür will ich meine Lebenszeit einsetzen?

Ich finde es schade, dass die Entscheidung von Franz Müntefering so sehr zum Thema geworden ist. Ich finde es schade, dass die Entscheidung für seine Priorität, für seine Frau und die Familie, offensichtlich so ungewöhnlich ist, dass sie tagelang die Medien beschäftigt und über die Maßen gelobt wird. Schade, denn eigentlich sollte das doch selbstverständlich sein. Und nun sollte die Politik jetzt nach diesem ehrfürchtigen Loben zum Nachdenken kommen. Allen Menschen, nicht nur den finanziell Abgesicherten, sollte solch eine Entscheidung für ihre Prioritäten möglich sein.

Mit der Wirklichkeit des Todes leben, abschiedlich zu leben, das bedeutet eben: Dem größtmöglichen Raum zu geben, was ich persönlich als das Wichtigste empfinde. Und das sollte ermöglicht werden.

Eindrücklich schärft Jesus seinen Jüngern zum Schluss noch ein mal ein: 37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet! Rechnet mit dem Tod, aber rechnet noch vielmehr mit dem Einbrechen vom Gottes Reich und hofft darauf. Denn auch noch 2000 Jahre später hat sich daran nichts geändert – ich werde wiederkommen, ganz sicher.

Liebe Gemeinde, und bis dahin gibt es einiges zu tun. Der verreisende Mensch im Gleichnis, der hat allen im Haus eine Aufgabe zugedacht. Und auch wir haben ja alle unsere Aufgaben: Bis zu seiner Rückkehr können wir die Geschichten, die Menschen mit ihm gemeinsam erlebt haben, lebendig halten und weitererzählen. Bis zu seiner Rückkehr können wir uns wie er einsetzen für die Schwachen und Kranken und Ausgestoßenen und eine Heimat werden. Bis zu seiner Rückkehr können wir seine Zeugen sein. Zeugen für sein Reich, das schon jetzt mitten unter uns wächst. So können wir voller Hoffnung wachsam bleiben und warten – ein bisschen vielleicht so wie Kinder, bevor die Glocke läutet und man in das Weihnachtszimmer gehen darf.

Aber was ist, liebe Gemeinde, wenn wir doch mal einnicken? Auch die vier Jünger sind nur wenig später im Garten Gethsemane eingeschlafen (Mk 14, 32-42). Auch wir vergessen ja manchmal die Aufgaben, die wir haben. Manchmal vergessen wir sogar den, der uns die Aufgaben gegeben hat, Gott selbst. Wir sind völlig fixiert auf das Hier und Jetzt und lassen uns treiben vom Leben. Wir wundern uns, dass wir im Überfluss leben und doch manchmal nicht zufrieden sind. Wir spüren tief in uns eine Leere, die mit keinem Gut dieser Welt zu füllen wäre. Wir sind eingeschlafen, statt wach zu bleiben.

Aber genau das gehört zu jedem Leben dazu. Wir können nicht immer wach bleiben. Wir alle haben Lebenschancen verpasst, haben Stunden vergeudet und sind gescheitert. Auch den vier Jüngern damals ging es nichts anders. Alle haben sie Jesus verlassen. Und auch Petrus, der Fels, scheitert und verleugnet seinen Herrn. Sich das einzugestehen, auch das gehört zu einem abschiedlichen Leben.

Was also machen wir mit unserem Text heute am Ewigkeitssonntag und mit seiner eindringlichen Mahnung: 33 Seht euch vor, wachet! denn ihr wißt nicht, wann die Zeit da ist.?

Für mich bedeutet das: Lasst euch nicht zu sehr vom Tod einschüchtern. Lasst euch von seinem Schrecken und von seiner Endgültigkeit nicht zu sehr einschüchtern. Gerade heute am Ewigkeitssonntag nicht.

Denn auch 2007 ist noch klar: Jesus wird wiederkommen und das Reich Gottes wird sich durchsetzen. Und deshalb hat der Tod für uns als Christinnen und Christen immer auch noch eine andere Seite: Mitten im Tode sind wir mit dem Leben und der Liebe Gottes umfangen. Wir alle werden niemals tiefer fallen als in Gottes Hand.

Für Trauernde wie für Johannes auf dem Bild, den Kopf schwer auf seine Hand gestützt, war das sicherlich ein Halt. Das, was Jesus damals zu auf dem Ölberg gesagt hat, war wie ein Licht auf ihrem Weg. 31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. Also: 33 Seht euch vor, wachet! denn ihr wißt nicht, wann die Zeit da ist.

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