Das eine Wort, das alles sagt

Kann es eigentlich das eine Wort geben, dass alles sagt? Das eine Wort, das ein ganzes Leben mit seinen Höhen und Tiefen in sich birgt, dass Freude ausdrückt und Schmerz zur Sprache bringt? Kann es das eine Wort geben, dass klagt und zugleich Trost spendet und Hoffnung anzeigt?

Gerade heute warten viele auf dieses eine Wort. Sie, die sie im vergangenen Jahr oder in den Jahren davor einen Menschen verloren haben und die sie heute noch den Schmerz und die Trauer spüren, in die der Tod uns hineinstürzt. Sie sind heute morgen auch gekommen, weil sie die Hoffnung auf solch ein Wort noch nicht aufgegeben haben. Es muss doch eine Antwort geben auf die Fragen, die uns umtreiben. Es muss doch eine Antwort geben auf die letzte Frage, die sich spätestens im Angesicht des Todes stellt.

„Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.“ Kann das solch ein Wort sein? Himmel und Erde vergehen – im ganz privaten intimen Bereich ist das genau die Umschreibung unserer Situation. Mit jedem Menschen, um den wir trauern fällt uns der Himmel auf den Kopf und verlieren wir den Boden, die Erde unter unseren Füßen. Mit jedem Menschen, um den wir weinen, bricht für uns eine Welt zusammen.

Das Sterben eines Angehörigen oder eines Freundes begleiten zu müssen, auf den Tod nicht vorbereitet zu sein und keine Gelegenheit gehabt zu haben, sich zu verabschieden, seine eigenen Kinder oder den Weggefährten, die Partnerin los zulassen – das ist für einen Moment das Ende der Welt und der Zeit! Da mag weiterhin am Morgen die Sonne aufgehen und am Abend mag sie untergehen. Da mögen Frühling, Sommer, Herbst und Winter einander abwechseln und an Gottes großes Versprechen erinnern, dass diese Welt dem Menschen zum Trotz Bestand haben soll, unsere Welt ist für diesen Augenblick vergangen. Und wer dies miterlebt, mit anschaut wird stumm. Denn ehe wir nicht die richtigen Worte finden, sagen wir lieber gar nichts und vertrauen auf den stillen Händedruck oder den mitfühlenden Blick oder weichen aus.

Da ist Jesus ganz anders. Er traut seinen Worten viel zu. Das sie anders als der Himmel bleiben und Bestand haben, alle Zeiten und Katastrophen überdauern, das sie stärker sind als alle zerstörerischen Todesmächte. Denn seine Worte sind nicht einfach daher geredet, wie es in unserer von Talks bestimmten Zeit so oft verschwenderisch geschieht und wir deshalb die wichtigen Worte oft gar nicht zu hören vermögen.

Seine Worte, wie sie der Predigttext bewahrt, sind erst einmal gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Wir sind Ohrenzeugen eines Gespräches mit vieren seine engen Vertrauten. Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas haben ihn nach den Zeichen für das Ende gefragt . Und Jesus hat von Unruhe und Glaubensabfall, von Verfolgungen erzählt, lehnt aber alle sektiererischen Spekulationen über das Ende der Welt ab.

Wie ein Dieb in der Nacht kommt das Ende, wenn keiner damit rechnet. Nur die Wachsamen haben eine Chance. Das klingt ganz ähnlich wie das Gleichnis von den zehn Jungfrauen. Auch dort sind nur fünf wirklich wachsam und vorbereitet als der Bräutigam kam. Ich höre das als Mahnung, achtsam mit der uns anvertrauten Zeit umzugehen.

Es gibt ja eben nicht nur die Erfahrung, dass Zeit immer schneller vergeht, je älter man wird, es gibt auch das Gefühl alle Zeit der Welt zu haben. Und mit vielem, was ich im Überfluss habe, gehe ich verschwenderisch und leichtsinnig um. Es ist gut sich die Leichtigkeit im Umgang mit der Zeit zu bewahren.. Ich sollte Lebenszeit nicht damit verschwenden, ständig auf die Lebensuhr zu schauen. Aber achtsamer Umgang mit der Zeit ist ja auch bewusstes Erleben der Zeit. Den Augenblick genießen hilft mir später diesen geschenkten Augenblick wieder ins Gedächtnis zu rufen. Die Erinnerung ist ein Ort, an dem ich vieles aufbewahren kann, was mir im Laufe meines Lebens verloren gegangen ist. Aber ich erinnere mich nur, wo ich bewusst und aufmerksam gelebt und erlebt habe.

Die Zeit des Kennenlernens, die ersten gemeinsamen Unternehmungen, die Kinder, als sie klein waren, ihre ersten Schritte und ihre ersten Worte, die Schule, die Ausbildung, der Beruf, die gemeinsamen Pläne und viele Freunde und Wegbegleiter. Woran erinnern wir uns aus der vergangenen Zeit unseres Lebens?

Wie wichtig es ist, wachsam zu sein, wird uns erst dann schmerzhaft bewusst, wenn plötzlich und unerwartet der Tod jemanden aus unserer Mitte reißt. Dann kann ich vieles nicht mehr so aussprechen, dass es meine Mitmenschen erreicht. Klärende und versöhnende Worte können nicht mehr gesagt werden. Und wenn es mich unvorbereitet trifft, bleibt auch offen, was ich eigentlich noch klären wollte.

Deshalb erinnern uns die Worte der Schrift an Wachsamkeit und Achtsamkeit im eigenen und im gemeinsamen Leben. Für Jesus beginnt nach diesem Gespräch, das viel tiefer geht, als es oberflächlich den Anschein hat, der Leidensweg nach Jerusalem. Sein Weg führt ihn an das Kreuz. Wir wissen nicht, wohin unsere Wege gehen. Alle unsere Planungen stehen unter dem großen Vorbehalt „so Gott will und wir leben..“

Aber wenn wir vom Weg Jesu hören, dann hören wir natürlich gleich mit, dass die Geschichte mit dem Kreuz noch nicht zu Ende war. Die Nachricht und die Erfahrung der Auferstehung überwindet am Ende alle Ratlosigkeit und Verzweiflung der trauernden Jünger. Mit einem Mal können sie den Weg Jesu ganz anders verstehen. Mit einem Mal spricht dieser Lebensweg ganz anders zu ihnen. Es ist als ob Gott deutlich machen will: das ist mein Plan, den ich mit euch und für euch habe. Das euer Weg nicht in den Tod, sondern durch den Tod hindurch zu neuem Leben führt.

Jesus selbst wird so das Wort Gottes an sie.

Vielleicht beginnt deshalb der Evangelist Johannes sein Evangelium mit dem Satz: Und das Wort ward Fleisch und wohne unter uns. Und seitdem wird es weitererzählt und weitergesagt bis in die letzten Verse der Bibel hinein, die bewusst am Ewigkeitssonntag im Gottesdienst als Epistel erklingen, für mich sind das die schönsten und tröstensten Worte in der Bibel überhaupt. Ein Blick in Gottes Herz hinein. Da finden alle unsere Sehnsüchte und alle Hoffnungen ihren schönsten Ausdruck.

Wenn alles vergeht, wenn alles zusammenbricht, wenn ich die Welt verliere, dann schenkt Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde. Da muss nicht mehr gefragt und geklagt werden. Da schreien Menschen nicht mehr in ihrer Verzweiflung nach Gott, weil er mitten unter den Menschen ist, weil in seiner Gegenwart nur noch Licht und nicht mehr Dunkelheit, nur noch Leben und nicht mehr Tod sein kann. Gott wird dann abwischen alle Tränen.

Wenn die Trauer zu groß wird und der Schmerz nicht mehr auszuhalten ist, wenn die Sehnsucht nach unseren verlorenen Angehörigen uns immer noch fesselt, dann will ich mir diese Worte immer wieder sagen und vorhalten: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein“ Es gibt das eine Wort, das alles sagt, allen Schmerz und alle Hoffnung ausdrückt und wirklich tröstet. Gott hat mit seinem Sohn Jesus Christus zu uns gesprochen und Leben verheißen. Darauf dürfen wir uns verlassen im Leben und im Sterben.

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