Wir sind frei!

Liebe Gemeinde!

Am Freitag haben wir mit Jugendlichen aus unserer Konfirmandengruppe über den Tod gesprochen. Dabei haben wir eine Gedankenreise gemacht. Die Jugendlichen sollten in Gedanken einen Weg gehen. Dieser Weg führte über Wiesen, Wälder, Hügel schließlich zu einer großen Mauer. Unüberwindbar erschien sie. Und sie erstreckte sich von Horizont zu Horizont. Schließlich gelangte man zu einer Tür, ganz verwittert, ohne Klinke. Nur ein Schlüsselloch war sichtbar. Und eine kaum mehr lesbare Schrift: Da stand in alten Buchstaben: hier kannst du sehen, wie es nach dem Tod aussieht.

Im Anschluss an diese Gedankenreise haben alle Jugendlichen ein Bild gemalt, von dem, was sie da durch das „Schlüsselloch“ gesehen hatten. Was kommt nach dem Tod? Die Bilder der Jugendlichen zeigen Phantasielandschaften, Strände, grüne Wiesen, Wolken und Himmelstüren, Farben. Auch ein fast leeres Bild war mit dabei und ein Bild von der Hölle mit einem Teufel, der die Menschen quält.

Niemand weiß, wie es nach dem Tod aussieht. Auch all jene Berichte von Nahtoderfahrungen sind ja kein Beweis für das, was nach dem Tod kommt. Da beschreiben Menschen in oft ähnlicher Weise wie sie sich von ihrem Körper lösen und immer sehen sie ein Licht und fühlen Wärme und Geborgenheit. Beweisen aber tut das nichts.

Für mich haben solche Vorstellungen über das, was nach dem Tod kommt, mehr zu tun mit dem, was mich im innersten umtreibt. Da sprechen aus den Bildern der Jugendlichen Sehnsüchte, Hoffnungen, Befürchtungen – genauso wie aus den Berichten von Menschen, die klinisch schon tot waren, und wieder „zurückgekehrt“ sind. Der Tod ist eine Grenze, an der alles Verstehen und Beweisen Halt macht. Wir sind es hier in der westlichen Welt gewöhnt, dass wir ziemlich viel beherrschen und verstehen können. Und manchmal wird aus der Freude über die moderne Medizin und Technik so etwas wie ein Glaube daran, dass letztlich alles beherrschbar ist, alles regelbar – der Glaube daran, dass der Mensch keine Grenze hat.

Ich habe oft bei jenen Nahtoderfahrungen den Eindruck, dass sie auch deshalb so populär sind, weil sie als ein Beweis erscheinen, dass der Mensch auch über den Tod hinaus schauen kann. Ein Beweis dafür, dass auch die letzte Grenze gefallen ist. Und es mag ja sein: jene Menschen haben vielleicht wirklich gesehen, was nach dem Tod kommt: das Licht, die Wärme, Geborgenheit, Schwerelosigkeit.

Die entscheidende Frage aber ist: ist das ein Trost? Wenn ja, ist es gut. Aber wenn nicht, ist es eine nutzlose Information über die Erfahrung eines einzelnen Menschen. Wir Menschen brauchen Trost wie die Luft zum Atmen. Irgendetwas, wo wir uns während unseres Lebens dran festhalten können. Auch der christliche Glaube und die christliche Tradition hat in ihrer Mitte die Botschaft davon, dass Jesus den Tod besiegt hat. Dass er auferstanden ist als erster Mensch . und alle anderen werden nachfolgen. „Herabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten…“ – so heißt es im apostolischen Glaubensbekenntnis.

Auch dafür gibt es keinen Beweis. Es gibt das leere Grab. Es gibt Zeugenaussagen, die den auferstandenen Jesus gesehen haben wollen. Aber keinen Beweis. Kein Foto oder Tondokument. Ich glaube auch nicht, dass all die Berichte in der Bibel beweisen sollen, dass Jesus wirklich auferstanden ist. Diese Berichte haben für mich auch nicht mit der Frage zu tun: wie sieht es nach dem Tod aus – fahren wir alle in den Himmel – so wie es auf den traditionellen Bildern von der Auferstehung zu sehen ist: Jesus, in einem Lichtstrahl steigt da auf wie eine Rakete. Wird es so sein? Ist es so?

Für mich beantworten all diese Berichte von der Aufstehung vielmehr die Frage: wer ist Gott? Und wenn das stimmt, wenn das wirklich die Frage ist, dann lautet die Antwort: die Beziehung zu Gott hört nicht mit dem Tod auf. Der Tod ist dann zwar immer noch die Grenze für uns Menschen; für das, was wir wahrnehmen, sehen, schmecken, fühlen können. Aber nicht für unsere Beziehung zu Gott. Gott ist treu. Und das kann ein Trost sein mitten im Leben. Denn der Tod macht Menschen Angst. Oder zumindest: das Sterben macht Menschen Angst. Und wo Menschen Angst haben vor dem Sterben, versuchen sie, das Leben festzuhalten, versuchen sich festzuklammern.

All jene Dinge wie das Versprechen der ewigen Jugend, die Rede von den “jungen Alten“, Cremes, Sport, Fitness, Wellness – all das kann die Lebensqualität verbessern, ohne Zweifel. Und es ist gut, Sport zu machen, sich gesund zu ernähren, gute Beziehungen zu pflegen. Aber Menschen fallen leicht auf falsche Versprechen herein, wenn versucht wird, mit der Angst vor dem Tod, mit der Angst vor dem Sterben Geschäfte zu machen. Das ist eine haarscharfe Grenze, wo ich etwas tue, weil es mir gut tut, oder eben, weil ich Angst habe – Angst vor der Krankheit, Angst vor dem Alter, Angst vor dem Sterben.

Wenn aber Gott den Tod besiegt hat, dann brauchen wir keine Angst mehr zu haben. All die Geschichten von der Auferstehung – für mich rufen sie uns Menschen zu: Habt doch keine Angst! Das ist nicht so einfach, denn die Angst spielt ja mit uns, mit unserem Bedürfnis nach Gesundheit, nach Anerkennung, nach Wohlergehen, nach Freundschaft, nach Nähe, nach Sicherheit. Wer aber aus Angst versucht, all das zu erhalten, der wird es letztlich verlieren. Denn die Angst ist der natürliche Feind von dem Wichtigsten in unserm Leben:

dem Vertrauen.

Gerade wer einen Menschen an den Tod verloren hat, der weiß, wie sehr der Tod das Vertrauen erschüttert. Vertrauen in das Leben allgemein. In den Zusammenhang. Vertrauen dahin, dass letztlich alles gut wird. Wer jemanden verloren hat, den er sehr geliebt hat, der muss erst wieder Fuß fassen im Leben. Langsam, Schritt für Schritt. Und ist in dieser Zeit besonders dünnhäutig und anfällig für die Angst. Die Angst davor, dass auch der Rest des Lebens einfach auseinander fällt.

Wer jemanden verloren hat, mit dem Konflikte auszustehen waren, auch der muss erst einmal wieder Fuß fassen. Alles, was ungeklärt und bitter geblieben ist, kann einem langsam die Seele auffressen. Und auch dann ist man anfällig für die Angst. Die Angst vor neuer Schuld, die Angst, wieder ausgenutzt zu werden, die Angst, wieder nicht gut für sich zu sorgen. Und es ist eben auch leicht gesagt: lass diese Angst nicht herrschen. Leicht gesagt, und schwer getan. Da zeigt sich für mich, welche Macht der Tod hat. Und wie schwer Gott es hat, uns Menschen zuzurufen: Vertraut doch!

Vertraut Gott nach dem Tod, vor allem aber während Ihr lebt. Haltet Euch nicht auf mit Scheinfragen, was denn nach dem Tod kommen wird, sondern sucht nach dem, was Euch tröstet und Euch vertrauen gibt. Es gibt dazu eine Geschichte mit Jesus. Da kommen Sadduzäer zu ihm. Das waren jüdische Theologen, die – im Gegensatz zu den Pharisäern – nicht an die Aufstehung nach dem Tod glaubten. Und sie stellen Jesus die Frage: wie sieht das Leben nach dem Tod aus?

[TEXT Mt 22,23-28]

Liebe Gemeinde! Eine gute Frage. Und was antwortet Jesus? Er fragt nach dem Trost im Leben. Was hat denn diese Frau getröstet, die 7mal Witwe wurde. Wo hat sie Halt gefunden? Wodurch konnte sie neu Vertrauen finden? Hören wir die Antwort von Jesus:

[TEXT Mt 22,29-33]

32 »Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs« – das sagt Gott im Alten Testament zu Mose im brennenden Dornbusch. Das sagt Gott, kurz bevor er die Israelitinnen und Israeliten aus Ägypten befreit. Gott sagt zu Mose diese Worte, um ihm deutlich zu mache: „mir kannst Du vertrauen.“ Dieser Gott ist schon mit anderen unterwegs gewesen: mit Abraham nd Sara, mit Isaak und Rebecca, mit Jakob – diese Frauen und Männer haben Gott vertraut – und Mose wird eingeladen, auch zu vertrauen – „Gott ist ein Gott der Lebenden.“ Jesus lädt die Zuhörerinnen und Zuhörer ein, sich in die Reihe von Menschen zu stellen, die diesem Gott vertraut haben. Und dann zu sehen, was weiter passiert. Denn in der alten Geschichte zeigt sich, dass dieses Vertrauen gerechtfertigt ist. Die Israelitinnen und Israeliten werden aus Ägypten befreit.

Ich glaube, Jesus zeigt auf diese alten Geschichten, um zu sagen: „Wenn ihr diesem Gott vertraut, werdet ihr befreit. Die Frauen, Männer und Kinder sind damals aus Ägypten ausgezogen in das gelobte Land. So sollt von der Angst befreit werden. Ihr sollt Euer Leben leben. Wie es nach dem Tod aussieht – das spielt keine Rolle. Alle Bilder, die Ihr Euch davon macht – sie können ein Trost sein. Das Bild vom Himmel, das Bild von einem Paradies, vom weiten Horizont am Meer oder das Bild vom Weg ins Haus. Das ist alles gut und hilfreich. Aber entscheidend ist, dass Ihr jetzt Euer Leben lebt als Menschen, die frei sind; frei von Schuld, frei von Angst, frei von der Angst zu kurz zu kommen, nicht genug zu kriegen.“ – „Gott ist ein Gott der Lebenden“ – Das alles ist kein Beweis, aber ein Hinweis. Wie ein großes Straßenschild Richtung „Vertrauen“. Wo ich all das hinter mir lassen kann, was mir Angst macht. Schritt für Schritt – mit diesem lebendigen Gott, der vor mir, über mir, unter mir und an meiner Seite ist. Und immer da spürbar wird, wo es mir gelingt einfach zu leben. Ohne Hintergedanken, ohne Furcht. Einfach zu atmen und da zu sein. Die Luft, die Kälte und Wärme zu spüren, die Nähe von Menschen, die schönen und die schmerzhaften Erinnerungen. Wo wir einfach sind: in diesem wunderbaren und wunderlichen Leben. „Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.“

Gott ist das Leben und das Leben ist Gott – wir brauchen es nur zu ergreifen, Sekunde für Sekunde, Minute für Minute macht Gott uns unser Leben zum Geschenk. Gott schenkt uns voll ein. Und mit Christus können wir im Angesicht es Todes großzügig bekennen: wir sind frei.

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