Bei der Stange bleiben …

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich,… haben wir, liebe Gemeinde, vorhin gesungen. – Einem George W. Bush wird hierzulande ähnliches wohl kaum gesungen worden sein. Denn, wenn der zu uns kommt, dann werden ja eher die Türen verschlossen, dann dürfen wir nicht so ohne weiteres direkt an der Straße stehen und ihm zujubeln – ganz anders als im Evangelium, wie wir eben gehört haben.

Dagegen, als 1963 John F. Kennedy auf Deutschlandbesuch bei uns war, da wurden wir Schüler in Bonn und Bad Godesberg mit Fähnchen ausgerüstet auf die Straße geführt – wie übrigens bei jedem großen Staatsbesuch – und hatten dem amerikanischen Präsidenten zuzujubeln. Und im selben Jahr stand auch ich zusammen mit Tausenden von Menschen auf dem Marktplatz vor dem Bonner Rathaus. Wir alle warteten dort auf Bundeskanzler Konrad Adenauer und seinen Staatsgast, den französischen Präsidenten Charles de Gaulle, der sich in das goldene Buch der Stadt Bonn eintrug. Als beide Staatsmänner nach langem Warten auf den Balkon des Rathauses traten, um von dort aus die Besiegelung der deutsch-französischen Freundschaft zu verkünden, wurden sie mit frenetischem Beifall begrüßt. Das lange Warten und Herumstehen hatte sich gelohnt. Und mir als 17jährigem Schüler war damals völlig klar, bei einem historischen Augenblick dabei gewesen zu sein.

Ja, lange haben wir immer am Straßenrand gestanden und gewartet – bei jedem Staatsbesuch. Nie wußte man, wann genau dieser vorbeikommen würde. Und Weggehen war auch verboten, das galt dann als Schuleschwänzen. Also nahmen wir in unseren Schultaschen ausreichend Butterbrote und zu trinken mit; denn oft sind wir erst irgendwann am Nachmittag wieder zuhause gewesen.

Wie lange wohl mögen die Menschen damals vor rund 2000 Jahren in Jerusalem an der Straße gestanden haben, um den sehnsüchtig erwarteten Messias zu begrüßen? Und als er dann endlich in die Stadt einritt, da kannte ihr Jubel keine Grenzen mehr. Wir haben es ja vorhin aus dem Evangelium gehört: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des HERRN! Hosianna in der Höhe!

Ganz bestimmt wird kaum jemand vorher weggegangen sein, bis nicht der sehnlichst erwartete Messias vorbeigekommen war, bis ER in Jerusalem eingezogen war, bis ER, der Heiland, der Nachkomme aus der Familie des David, im Namen des HERRN bei ihnen angekommen war. Jeder damals wird etwas von der Bedeutung jener Stunde zumindest geahnt haben.

Seit altersher, liebe Schwestern und Brüder, scheint es offensichtlich üblich zu sein, den Herrschern dieser Welt nicht nur mit besonderer Ehrerbietung entgegen zu gehen, sondern für ihren Empfang auch gut ausgerüstet zu sein, sich optimal auf diesen einzustellen. Erst recht gilt dies für uns Christen, für uns alle, die wir das Kommen Christi, des Herrn der Kirche, erwarten, damit ER hier auf Erden seine Gottesherrschaft antrete. Darauf sollen und müssen wir als seine Kirche vorbereitet sein. Wir müssen es auch eingeübt, es verinnerlicht haben. Dazu lesen wir im

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Liebe Schwestern, liebe Brüder! Ich hatte es bereits anklingen lassen: Das Warten auf jemand, erst recht, wenn es sich um eine besondere, um eine hochgestellte Persönlichkeit handelt, kann sich lange, sehr lange hinziehen. Dann steigen Gedanken in einem auf, wie: „Wann kommt er denn endlich?“ „Der hätte schon längst hier sein müssen!“ „Wo bleibt der nur?“ „Wer weiß, ob der überhaupt noch kommt?“ Wer von uns kennt sie nicht, diese in uns aufsteigenden Zweifel, wenn wir sehnsüchtig auf jemand warten und es dann dauert und dauert. Und trotzdem: Wir harren aus und warten weiter – Stunde um Stunde, ja manchmal Tage, Wochen, oder sogar Jahre, manchmal auch ein ganzes Leben lang.

Gut ist es, wenn man nicht alleine so warten muß. Wenn die anderen um einen herum genauso warten. Dann redet man miteinander, vertreibt sich gemeinsam die lange Zeit und muntert sich gegenseitig immer wieder auf.

So entsteht zwischen den Wartenden Gemeinschaft. Und eine Gemeinschaft verläßt man nicht so ohne weiteres! Doch immer wieder kann es mir geschehen, wenn ich warte und warte und es geschieht nichts, daß ich dann mit einem Blick auf die Uhr feststelle: „So, jetzt reicht’s. Jetzt kann ich nicht mehr (oder sollte ich vielleicht besser sagen: Jetzt will ich nicht mehr) länger warten! Jetzt muß ich aber gehen!“ – Wenn ich dann schließlich gegangen bin, dann habe ich immer wieder einmal gesagt bekommen: „Hättest ruhig noch die fünf / zehn Minuten warten können; dann war er nämlich gekommen.“

Ja, wäre ich nur geduldiger im Warten gewesen, dann wäre auch ich dabei gewesen, hätte mit den anderen zusammen teilgehabt an dem Erlebnis, an der Begegnung. So aber …

Wie sehr mußten damals vor nahezu 2000 Jahren die ersten Christen in den Gemeinden frustriert gewesen sein. Tagtäglich erwarteten sie das Kommen des Heilandes, Christi Wiederkunft; aber sie blieb aus! Inzwischen waren bereits viele der Gläubigen gestorben, ohne je die verheißenen Wiederkehr erlebt zu haben. Da konnte man schon ins Grübeln, ins Zweifeln kommen. Uns geht es heute ja auch nicht anders!

„Aber“, so schreibt der Verfasser des Hebräerbriefes ein paar Zeilen weiter: „wir sind nicht von denen, die zurückweichen und verdammt werden, sondern von denen, die glauben und die Seele erretten.“ (Heb 1039) Wir verzagen also nicht, wir verlieren nicht unseren Mut, unsere Zuversicht, sondern harren aus – gemeinsam mit den anderen. Wir bleiben beieinander und gehen nicht resigniert weg; denn wir glauben – glauben an Jesus Christus, glauben die Rechtfertigung vor Gott durch seinen Sohn.

Was aber macht nun unseren Glauben so stark, daß wir ihn eben nicht verlieren – trotz all der Widrigkeiten, denen wir ständig ausgesetzt sind, trotz allen Unglücks und Unheils, das uns immer wieder heimsucht? Unser Briefschreiber sagt es uns klipp und klar: Laßt uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat …

Was hat das nun mit unserem Glauben zu tun? In seinem Brief an die Gemeinde in Rom erklärt der Apostel Paulus, daß Gott uns so akzeptiert, wie wir sind, und bei sich aufnehmen wird am Ende unserer Tage, sofern wir aus vollem Herzen und ohne jeden Abstrich an seine Gnade glauben, also an die Rettung unserer Seele durch Tod und Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus. Daraus erwächst uns hier in unserem zeitlich begrenzten, kreatürlichem Leben die Hoffnung, die über unseren leiblichen Tod hinaus weist. Dieser Glaube ist eben nicht Privatsache eines jeden Einzelnen von uns. Dieser Glaube ist uns allen hier gemeinsam. Er verbindet uns. Er macht uns zur Kirche.

Und was bedeutet das nun für uns? Zunächst einmal. Unser schönes Wort „Kirche“ ist eigentlich kein deutsches Wort sondern ein Fremdwort. Es geht zurück auf das griechische Wort kyrios, Herr – und meint: „dem HERRN gehörend“. Wir alle gehören also zu Christus! Deshalb reden wir von uns ja auch als von der „Gemeinde Jesu Christi“. Dazu gehört dann auch, daß wir uns nach außen hin auch zu Gott dem Vater und dem Sohn, zu seiner Heilstat an uns bekennen. Und genau das meint der Verfasser des Hebräerbriefes mit „Bekenntnis der Hoffnung“, an dem wir festhalten sollen in unbedingter Treue, ohne zu wanken.

Gott, der Vater, und sein Sohn, Jesus Christus, stehen zu ihrer Verheißung. Sie halten fest daran. Diese Treue Gottes zu seinem Wort, zu seiner Verheißung hat Israel immer wieder erfahren. Die können auch wir immer wieder erfahren – z.B. als Hilfe in großer Not. Wenn wir über uns und unser bisheriges Leben nachdenken, wird jeder für sich feststellen können: In dieser oder jener Situation hat Gott mich nicht alleingelassen, hat ER mir beigestanden! . . . Weil wir auf diese Weise Gottes Treue immer wieder neu an uns erleben können, wir also erkennen dürfen, daß unsere Hoffnung, unser Glaube an Gott und seinen Sohn Jesus Christus nicht auf Sand gebaut ist, nichts ins Leere geht, darum trauen wir uns ja in unseren Gottesdiensten zu beten: Kyrie eleison – Herr, erbarme dich! Christe eleison – Christe, erbarme dich! Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!

Auch wenn wir gestern, heute, morgen – immer wieder in unserem Leben – Gottes Treue an uns erfahren dürfen, so fällt es uns doch auch immer wieder schwer, bei der Stange zu bleiben. Eigentlich geht es uns doch meistens gut. Dagegen haben wir an anderen Tagen hin und wieder das Gefühl, allein und verlassen zu sein. Dann sind wir untröstlich und verzweifeln an allem. Ganz gleich, ob wir nun besonders guter Dinge sind oder tief unglücklich, nach unserem Empfinden ist dann Gott ganz weit weg. Wir meinen nichts von ihm mehr zu erkennen, zu spüren. Dann sehen wir für uns auch keinen Grund mehr, in den Gottesdienst zu gehen oder gar weiterhin der Kirche anzugehören. Wir entfernen uns von der Kirche, wollen von dieser Gemeinschaft nichts mehr wissen.

Aber, wenn es uns gut geht, wir glücklich und zufrieden sind, wir uns in der Gemeinde wohlfühlen, dann sollen wir besonders aufmerksam sein für die Nöte anderer. So werden wir als Einzelne und als Gemeinschaft sensibel und bleiben offen für unsere Mitmenschen und können ihnen mit Rat und Tat beistehen, wenn sie in großen Schwierigkeiten stecken und sich von allem fernhalten. Dann nämlich sind wir gefordert: … laßt uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken …

Wir alle gehören doch zusammen! Der Apostel Paulus spricht von dem einen Leib, dessen Glieder wir sind. Darum dürfen uns die anderen nicht gleichgültig sein! Sie sind uns ans Herz gelegt – genau so, wie wir ihnen auch ans Herz gelegt sind. Wir sind doch selber auch froh, wenn sich jemand um uns sorgt, bei uns ist, uns tröstet, wenn wir traurig sind, uns einen Weg aus unserer Misere zeigen kann.

Liebe Schwestern und Brüder! Ich bin ganz fest davon überzeugt, daß uns in solchen mitmenschlichen Begegnungen Gott selber entgegentritt, daß ER uns auf diese Weise in unserem Diesseits ein Angeld auf unsere Bürgerschaft in seinem ewigen Reich in die Hand gibt. Ich, für mein Teil, möchte diese Erfahrung nicht missen. Dafür lohnt es sich auszuharren, bei der Stange zu bleiben – ein ganzes Leben lang und eben nicht, wie es im Hebräerbrief tadelnd angemerkt wird, die Versammlung, also die Gemeinde, die Kirche zu verlassen.

Liebe Gemeinde! Wir treten wieder, wie jedes Jahr, in die Adventszeit ein, in die Zeit des Wartens auf den Einen, den Christus, den Herrn und Heiland, den Gott zu uns in diese Welt geschickt hat. Darum laßt uns gut ausgerüstet und gestärkt und uns gegenseitig stützend an die Straße unseres Lebens stellen, um so gemeinsam den HERRN, Christus Jesus zu erwarten, der uns heimführen will zu Gott, in sein ewiges Reich.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!

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