Animal Farm

Liebe Gemeinde

Es ist das Jahr 1945. Indessen der schreckliche Krieg zu Ende geht, geht in England ein Buch in Druck, das in der Folge Weltruhm erlangen wird. George Orwell schreibt „Animal Farm“, „Farm der Tiere“. – Um was es geht? Auf einem Bauernhof vertreiben die Tiere den Bauern und errichten ihre eigene Herrschaft. An einer Leiter nageln sie ein Schild fest „Alle Tiere sind gleich“ – große Freude unter den befreiten Tieren. Endlich, endlich können sie über sich selbst bestimmen, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Doch die Freude endet im Schrecken, als die Schweine die Herrschaft übernehmen. Alle Tiere sind gleich – aber einige sind gleicher. Zwei Eber stehen sich im offenen Kampf gegenüber und der, dem die Idee der gemeinsamen Haushalterschaft über dem Hof an nächsten steht, muss fliehen – aus der Herrschaft der Menschen ist eine Herrschaft der Schweine geworden. Unter deren Knute müssen sich alle Tiere bücken und klein machen. Eine Gewalt- und Terrorherrschaft beginnt.

Als Orwell seinen Roman schrieb, da war das eine Parabel und eine Allegorie und eine Abrechnung mit der Oktoberrevolution in Russland und Stalins Herrschaft. Und sicher war ein Seitenblick für das Dritte Reich dabei, das gerade seinem Ende entgegen ging. – Und die Frage: War denn der Herr – auf dem Hof der Bauer – wirklich so schlecht, dass ein Leben ohne ihn besser ist?

Diese Animal Farm. Sie geht mir durch den Kopf, wenn ich das Bibelwort für den Buß- und Bettag lese: Alle sind schuldig geworden. Alle. Ausnahmslos. Auch so eine Geschichte wie die von der Farm der Tiere, eine Geschichte, deren Anfänge weit, weit zurück geht.

Da ist Gott, da ist der frische Atem der ersten Schöpfungstage – und da sind die beiden, denen seine ganze Liebe gilt: Adam, Eva – denen traut er zu, dass sie seinen Garten pflegen, bewahren. Den Auftrag gibt er ihnen – und sein Vertrauen dazu: Ihr könnt das schon…

Nur: Dann schlängelt sich das Misstrauen zwischen Gott und Mensch. Der Apfel aus der Mitte des Gartens – kein Mundraub, albern allein schon der Gedanke. Vielmehr: Sollte uns Gott am Ende doch nicht alles gönnen? „Sein wie Gott?“ Das wäre nicht schlecht. Und dahinter die Angst – die Angst, im Leben den Kürzeren zu ziehen.

Das Misstrauen trennt – Adam, Eva, wer auch immer danach kommt, wir leben jenseits von Eden. Und wir leben in einer verkehrten Welt, in einer Menschenwelt, in der Gottes Name immer wieder in den Mund genommen und Sein Gebot mit den Füssen getreten.

Erbsünde? Ich zögere. Aber ich sehe, dass aus jedem noch so süßen Baby am Ende immer noch ein handfester Sünder oder eine handfeste Sünderin geworden ist – Sie etwa. Oder ich. Da nehmen wir uns alle nicht viel. Wobei ich es mir heraus nehme, nicht zwischen kleinen und großen Sünden zu unterscheiden – ein bisschen schwanger und eine richtige Schwangerschaft: diese Unterscheidung wäre ebenso unsinnig.

Da sitzen wir also alle im gleichen Boot. Und die Welt wie die Animal Farm von Orwell – wenn’s nach Menschen ginge eine „gottfreie Zone“ in der wir nach bestem Wissen und Gewissen schalten und walten – nach bestem Wissen und Gewissen? Hm. – Meinen Sie? …

Profeten waren da – damals, heute. Menschen, denen Gottes Gebot und Wille etwas zählt, Menschen, die inmitten der völlig anderen Tagesordnung der Welt ohne Gott immer wieder zur Ordnung und zur Umkehr rufen. Kein besonders schöner Beruf, keine besonders freundliche Berufung, Profet zu sein. Amos wurde außer Landes gewiesen, Jeremia brachte viel Zeit im Gefängnis zu, Ezechiel wurde ermordet – und das nur die biblischen Profeten. Andere Folgen – bis in die Gegenwart. Menschen, die an Gott erinnern.

Und die Welt? Dreht sich lustig weiter – im Wesentlichen ohne Gott.

Sicher: Die gab und gibt es dann auch noch, denen Gottes Wort und Sein Wille am Herzen lag und liegt – aber gemessen an der Zahl aller eine eher kleine Minderheit, am Ende auch vom Wesen und Werten dieser Welt, wie sie geworden ist, korrumpiert. Probieren Sies doch selbst aus, als Nagelprobe sozusagen „Dein Reich komme“ beten wir – und wie oft dabei der bange Gedanke „Aber heute brauch’s ja noch nicht sein …“

Eine Menschenwelt ohne Gott. Eine Menschenwelt voller Unrecht. Und wir dabei.

Und uns sagt nun Paulus: Ihr braucht Euch gar nicht über die Schuld der anderen aufzuregen. Die ist da, sicher. Aber glaub doch bloß nicht, dass Du besser bist – anders, ja; aber besser? Wenn Du mit einem Finger auf einen anderen zeigst, dann weisen drei Finger auf Dich zurück. Oder bildest Du Dir im Ernst ein, besser zu sein?

Vom Gericht spricht Paulus. Von Gott, der jede und jeden nach seinem Leben befragen wird. Wir können von Glück sagen, wenn uns das nur ein Tag der vor Scham und Schuld knallroten Ohren wird.

Aber dann wechselt Paulus den Ton: „Was glaubst Du wohl, weshalb sich Gott das alles bieten lässt?“ – und die erstaunliche Wende: „Weil Seine Güte Dich zur Umkehr treiben will“ Genauer: Dich und mit Dir und durch Dich die Vielen. Denn Gott will ja, dass alle gerettet werden – und das ist noch keine ausgemachte Sache – und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen: Das Gott das Beste ist, was uns passieren kann – im täglichen Leben und, behaupte ich, im Gericht.

Wer sich in dieser Menschenweltgeschichte wieder findet, selber vom Wesen der Welt korrumpiert, wer sich mit seiner eigenen Schuld wieder erkennt, die oder der mag sich aber auch da wieder erkennen: Es ist Gottes Güte, die Dich aus dieser Sackgasse Leben herausruft. Es ist Gott, der Dir zusagt: „Es geht auch anders. Ich warte noch – auch Dich. Auf Deine Gemeinde. Auf Deine Kirche. Nun komm doch.“

Und wer sich so wieder erkennt in beiden: Willkommen im Buß- und Bettag und willkommen am Tisch des Herrn. Denn, der letzte Satz des Predigttextes: „Vor Gott sind alle Menschen gleich“ und ich füge an „gleich geliebt“.

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