Welche Stunde hat uns geschlagen?

Trübe Novembertage, gedrückte Stimmung. Die Kälte und Feuchtigkeit dieser Tage geht unter die Haut, dringt noch durch die kleinste Ritze. Es will gar nicht hell werden. Die Gedanken kreisen, die Erinnerung an das Licht und die Wärme des Sommers verblassen.

Was sind die Zeichen der Zeit?

Welche Stunde hat uns geschlagen?

Am Ende des Kirchenjahres rückt uns die Einsicht unbarmherzig nahe, dass jedes Leben sein Ende findet. Die Vergänglichkeit wird uns von der Natur wie ein Spiegel vorgehalten. Unweigerlich führen uns unsere Schritte zu den Gräbern, die wir schmücken und die uns daran erinnern, was wir verloren haben.

Alles wird ein Ende haben. Ein Zeichen der Zeit!

Unsere Gedanken sind in Gefahr gefangen genommen zu werden, wenn all den Bedrohungen, die uns umgeben.

Klimaveränderung: trockene Sommer, Stürme im Herbst, Abschmelzen der Polkappen und der Gletscher: alles Zeichen der Zeit für ein sich veränderndes Klima!

Aber werden die Zeichen der Zeit wirklich wahrgenommen und dann ernst genommen?

Vom Klimagipfel in Heiligendamm war die Rede, von der Kyoto-Nachfolgekonferenz auf Bali, von Selbstverpflichtung und konsequenter Klimaschutzpolitik.

Wir sehen die Zeichen am Himmel und dann?

Mitten in der Friedensdekade wird heute der Volkstrauertag begangen, der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in den großen Weltkriegen und bis in die Gegenwart hinein wird gedacht. Ergriffene Reden, auch mehr als 60 Jahre nach Kriegsende noch schmerzende Erinnerung an Leid, das aus Krieg erwächst, wird diesen Tag prägen und zugleich gehen die Kriege an den Krisenschauplätzen der Welt weiter. Irak, Afghanistan, Pakistan, Palästina, Georgien, Sudan und viele Orte und Gegenden, die keine Meldung in den großen Nachrichtensendungen wert sind.

Haben wir die Zeichen der Zeit erkannt und die Lehren aus der Vergangenheit gezogen?

„Krieg darf um Gottes willen nicht sein“ haben die Kirchen einmal bekannt, selbst wenn die alten Bekenntnisschriften an manchen Stellen auch vom gerechten Krieg reden.

„Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ lautet der Titel der EKD-Friedensdenkschrift, mit der sich die Kirchen in die Diskussion um Frieden und Sicherheit einmischen in dieser spätestens seit dem 11.September 2001 überall gefühlten Bedrohung. :„Die Kirche tritt für den Frieden der Welt ein, indem sie zuallererst den Frieden Gottes bezeugt. Gottes Wirken ist zu allen Zeiten geleitet von »Gedanken des Friedens« (Jer 29,11). Dieser Friede umfasst den ganzen Menschen; in ihm kommt der Leib zu seinem Recht, die sozialen Beziehungen sind auf gegenseitige Zuwendung ausgerichtet, und in Dankbarkeit gegenüber Gott kann Lebensfreude wachsen“ Satz 37

Aber: die Zeichen der Zeit sprechen stärker die Sprache der Gewalt als des Ausgleichs und der Versöhnung und des Friedens.

Hoffnungslosigkeit macht sich breit.

Viele junge Menschen sehen keine Zukunft in unseren Landstrichen, fragen, was sie über haupt von ihrem Leben zu erwarten haben. Lohnt es sich, aufzubrechen und die Herausforderungen anzupacken? Sind das die Zeichen der Zeit oder doch eher die Jugendlichen, die auf dem Kirchplatz auf das Motto der diesjährigen Friedensdekade aufmerksam machen: „Andere Achten“ – ein doppeldeutiges Motto, das aber zugleich deutlich macht, dass Frieden nur eine Chance hat, wenn Menschen sich achten und achtsam miteinander umgehen.

Die Gefühlslage ist sicher subjektiv und jahreszeitabhängig. Es ist eben November und der Ort im Kirchenjahr nicht zufällig. Diese Gefühle überwältigen uns in diesen Wochen ehe wir mit den Kerzen der Adventszeit das Licht der Hoffnung nicht verlöschen lassen.

Was wollten wohl die Pharisäer und Schriftgelehrten für ein Zeichen von Jesus sehen?

Vielleicht ein mächtiges Wunder, einen machtvollen Beweis seiner Autorität, dabei hätten sie erleben können, wie überall dort, wo Jesus hinkam Stumme redeten, Verkrüppelte gesund wurden, Gelähmte gingen und Blinde sahen, Hungrige satt wurden.

Was also wollten die Pharisäer und Schriftgelehrten sehen, wenn sie denn diese Zeichen der Zeit nicht erkannten?

Viele erwarteten den Untergang.

Es war Endzeitstimmung in den Tagen Jesu. Die Zeichen standen auf Sturm und dann erwarteten sie Gottes Macht. Eine Macht die vernichtet und zerstört, zumindest all das was gottesfeindlich schien und jetzt erschien eine Macht unter ihnen, die verband die Verletzten und heilte die Kranken und versöhnte mit Gott die Verlorengegangenen. So hatten sie es nicht verstanden und gemeint.

Und es zeigt sich das große Missverständnis, das den Weg Jesu begleitete, dass Macht eben nicht Zerstörung und Gewalt bedeutet, sondern Frieden und Versöhnung wirken kann.

Der Grund dafür, dass Jesus den gewaltsamen Tod am Kreuz sterben musste, liegt in diesem Missverständnis. Seine Macht war letztlich nicht auszuhalten, aber auch nicht aufzuhalten.

Das Zeichen des Jona ist das Zeichen einer alles verschlingenden Todesmacht. Ja, sie umgibt uns alle und ist überall gegenwärtig.

Wir spüren sie, wenn wir an die Toten der Kriege erinnern, wenn wir gegen Gewaltherschaft protestieren, wenn wir um unsere Angehörigen trauern, wenn wir dem eigenen Älterwerden na chspüren. Das Kreuz ist das Zeichen des Todes, weil an ihm Jesus den Tod gefunden hat durch Gewalt, durch Menschenhand.

Aber Jona blieb nicht im Bauch des Fisches, so erzählt diese weise alte Geschichte, die Finsternis setzte sich nicht durch, Jona erblickte wieder das Licht dieser Welt.

Jesus sprengte die Fesseln des Todes, überwand die Endgültigkeit des Grabes, überließ der Gewalt und dem Tod nicht das letzte Wort. Das Kreuz wird zu einem Lebenszeichen und zu einem Hoffnungszeichen, dass die Zeichen dieser Zeit am Ende trügen.

Nicht Gewalt und Krieg und Untergang sind unser Los oder Gottes Plan, sondern Leben und Zukunft will Gott den Menschen schenken.

Sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit stellt er uns vor Augen und will uns die Zeichen dieses Reiches zeigen.

Erkennen wir also diese Zeichen der Zeit.

Da leben heute in Europa Nationen friedlich nebeneinander, die noch vor Jahrzehnten erbitterte Gegner waren.

Da fallen Grenzen, werden Brücken geschlagen, wo vorher kein Raum für Begegnungen war.

Da gründen sich Initiativen, die wollen, dass Menschen von den landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die sie anbauen, auch leben können, weil sie fair gehandelt werden.

Da üben sich Menschen in Strategien gewaltfreier Konfliktbewältigung.

Da wird „Brot für die Welt“ geteilt, weil wir nicht in drei oder vier Welten, sondern in einer Welt leben.

Da werden Brunnen gebaut, damit Wasser des Lebens buchstäblich für viele zur Verfügung steht.

Es gibt Zeichen des Todes und Zeichen des Lebens.

Es gibt Zeichen des Krieges und Zeichen des Friedens und des Lebens. Es liegt an uns, welche wir wahrnehmen.

Das Zeichen des Kreuzes ist ein Zeichen des Lebens, das die Gewalt am Ende überwindet. Deutlich erkennbar für den, der glaubt. Keine Garantie, kein Beweis, aber eine Zusage und Anlass dem Leben zu trauen und so für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten.

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