Wachsamkeit

Wachet auf ruft uns die Stimme – Damit ist nicht nur ein Weckerklingeln gemeint, sondern ein Weckruf der besonderen Art. Menschen sollen aufwachen aus ihrem Alltagstrott, weil sie die Botschaft hören, dass ihr Leben mehr ist, als nur funktionieren, mehr wert ist als das, was Naturwissenschaftler als Materialwert des Menschen berechnen, mehr auch als ein nur im Rahmen der Evolution funktionierendes Geschöpf.

Der Mensch wurde von Gott geschaffen um die Welt zu bebauen und zu bewahren – so erzählt die Bibel. Und dieser Gott sandte seinen ohne in die Welt, damit er die Menschen besucht. Damit beweist Gott seine Liebe zu den Menschen und verheißt, dass er wiederkommen wird, die Welt zu retten. Das meint Jesus, wenn er von Zukunft, seinem Advent spricht:

[TEXT]

Die Wachsamkeit bildet den Kern des Textes. Ich kenne das – Erinnerungen kommen hoch. Heute besonders die Erinnerungen an Menschen, die gewacht haben, weil ein geliebter Mensch im Sterben lag genauso wie die Erinnerung an Menschen, die darunter leiden, dass es nicht gelungen ist, wach zu sein, als der Tod kam. Das kann einem schon zu schaffen machen – aber wohl nicht die Vorwürfe Jesu auf sich ziehen.

Jesus weiß ganz genau um die Härte des Lebens, das unmögliches von uns erwartet – und so ist das Beispiel des Türhüters, der immerzu warten soll auch ein Beispiel der Unbarmherzigkeit von Menschen, die Macht haben.

Aber es ist zugleich eine Ermutigung: Ihr dürft warten. Ihr könnt wachsam bleiben und den Zeitpunkt seines Kommens beruhigt in die Hände des Vaters legen. Denn Euer Vater im Himmel ist ein barmherziger Herr, der Euch so sehr liebt, dass er Euch seinen Sohn sendet.

Wenn Jesus hier wird deutlich: ‘Was ich sage hat Bestand gegen alles Vergehen, durch alle Untergänge.’, dann meint er seine Zusage: ‚Siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende.’ Unger dieser Überschrift lädt er uns ein: Wartet in allen menschlichen Katastrophen, in allem, was euch kaputt machen kann. Ich gebe euch die Verantwortung.

Wir dürfen mitwirken am Werk des Herrn. Wir sind eingeladen zu wachen und zu beten. Mehr können wir oft auch am Bett eines schwerkranken Menschen nicht tun – aber das dürfen wir. Er droht nicht mit dem Ende, er lockt zum hoffnungsvollen Beten und Leben gerade auch angesichts des Bewusstseins, dass wir sterben müssen.

Nur ja nicht einschlafen, das ist die Maxime der Knechte und Mägde – das gilt auch heute für uns. Nur nicht einschlafen angesichts von Tod und Leid, angesichts von Elend und Verarmung. ‚Schlafen’ meint: Gott und die Menschen vergessen, heißt das Leben Jesu nicht ernst zu nehmen, heißt seine Nachfolge zu verlassen und die Armen und Elenden im Stich zu lassen, heißt die neue Eiszeit der Gefühlskälte zuzulassen. Heißt in letzter Konsequenz auch den Advent zu verpassen – die Hoffnung auf Gottes Reich, das uns verheißen ist.

Wir haben eine großartige Verheißung, die uns helfen will auch angesichts von Leiden und Tod nicht zu verzweifeln, auch wenn es kaum auszuhalten ist, der Tod eines Kindes oder der Tod eine Ehepartners nach langer guter Gemeinschaft oder der Tod seiner Eltern, denen man so viel verdankt. Dann hat man manchmal den Eindruck, dass Himmel und Erde vergehen.

Himmel und Erde werden vergehen, sagt Jesus – aber meine Worte nicht, ist Kernaussage. Wachsamkeit ist angesagt – sie gehört inhaltlich zum Liebesgebot und zielt auf die Erwartung: Auf ihn ist Verlass!

Die Lesung vom neuen Himmel und der neuen Erde haben wir gehört. Sie will uns erinnern, dass wir von Gott mehr erwarten dürfen als unsere Zukunftsforscher ausrechnen können. Zugleich ermahnt sie uns diese Erde als Geschenk Gottes ernst zu nehmen und zu bewahren.

Wir dürfen warten auf das Reich Gottes, und wir dürfen unsere Verantwortung wahr nehmen im Hier und Jetzt.

Wir dürfen leben mit den Menschen, die Gott uns anvertraut und Warten. Warten heißt ja nicht, untätig im Schaukelstuhl sitzen und Däumchen drehen. Warten wie der Türhüter in unserer Geschichte heißt, dass ich meine Verantwortung wahrnehme und das Meine tue, dass diese Welt ein Ort des Lebens ist für die Menschen. Wenn ich so warte, nehme ich das Leiden von Menschen ernst und gehe Wege mit ihnen und halte Leid mit ihnen aus und verkünde zugleich, dass das Leid nicht das letzte Wort Gottes für die Menschen ist.

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