Niemand weiß wann

Liebe Gemeinde,

das Beispiel des Gutsbesitzers, der eine Reise unternimmt, seinen Knechten den Auftrag gibt, sein Haus und sein Gut zu verwalten, besitzt eine einfache und unmißverständliche Botschaft: Niemand weiß, wann dieser Reisende zurückkehren wird. Der Zeitpunkt seiner Rückkehr wird für alle Bediensteten überraschend eintreten.

Wir können uns leicht vorstellen, wie unterschiedlich die Bediensteten mit dieser Vorgabe umgehen könnten. Der eine, zuständig für die Gartenarbeit, könnte sagen: Ach, es wird noch mindestens ein Jahr dauern, bis mein Herr zurückkehrt. Im Augenblick lasse ich es im Garten erst einmal wachsen, wie es halt wächst, im Herbst dann nehme ich mir den Garten richtig vor, damit er bei der Rückkehr meines Herrn gepflegt aussieht. Der andere, zuständig für die Betreuung der Schafe, Ziegen, Kühe und anderer Tiere könnte sagen: Bei meinem Herrn weiß man eigentlich nie was er tun wird. Besser ist es, wenn ich die Tiere jederzeit so betreue als wären es meine eigenen. Der dritte, Türhüter, könnte sagen: Ach, ich mußte bisher vor allem Nachts das Haus hüten und durfte nicht einschlafen, jetzt aber hüte ichs am Tag und schlafe des Nachts, wie es sich für jeden Menschen gehört.

Und dann kehrt der Gutsbesitzer bereits nach 2 Monaten zurück! „Niemand weiß wann…“ das will Jesus seinen Zuhörern ins Stammbuch schreiben.

Es ist eine doppelte Perspektive über die dieser wichtige Satz gestellt ist: Niemand weiß, wann „Himmel und Erde vergehen werden“ und niemand weiß, wann „der Tod an die Tür des Lebens klopft“.

Wann „Himmel und Erde vergehen“ führt uns auf die universal-geschichtliche Spur. „Himmel und Erde“, die wir im Alltag für unendlich fest und unvergänglich halten, werden eben doch einmal ein Ende finden. Über das Ende der Welt und über das Ende aller Dinge haben die Menschen schon immer nachgedacht, viele haben es erwartet, andere versuchten abzuschätzen, wann es eintreten wird.

Am Silvesterabend des Jahres 999 hielt der Papst eine Mitternachtsmesse im Petersdom zu Rom, wo viele Gläubigen, in Sack und Asche gehüllt zitterten und weinten. Draußen liefen die Menschen aufgeregt auf den Straßen. Die Kirchenglocken läuteten ein, was nach Ansicht vieler Menschen damals das Ende der Welt bedeuten würde: Der Eintritt des Jahres 1000! In ganz Europa hatten sich die Menschen auf das Ende Welt vorbereitet – durch gute Taten und auf viele andere Weisen. Im damaligen Jerusalem drängten sich unzählige Pilger und suchten den Ort an der sie erwarteten, das Jesus herabsteigen würde. Das Ende der Welt aber trat nicht ein.

Und dennoch weiß heute jeder, dass unsere Erde, wie sie einen Anfang genommen hat, einmal auch ein Ende finden wird. Ich habe vor kurzem gelesen, dass die Kraft unserer Sonne in etwa 1 Milliarde Jahren so stark sein wird, dass Leben dann auf unserer Erde dann kaum mehr möglich ist. In etwa 5-7 Milliarden Jahren soll dann das endgültige Aus für unsere Erde kommen. „Himmel und Erde werden vergehen“ – nichts ist so eindeutig.

Auch die andere Perspektive kann nicht bestritten werden: Das Ende des Lebens jedes Menschen! Noch eindeutiger als bei der universal-geschichtlichen Perspektive gilt für die persönlich-lebensgeschichtliche Seite: Niemand weiß, wann es soweit ist! Am heutigen Ewigkeitssonntag sehen wir in Gedanken und Gefühlen unsere Lieben vor uns, die uns verlassen mußten; wir denken an sie mit Schmerzen und Trauer; wir vermissen sie. Was sie uns bedeutet haben, kann manchmal überhaupt nicht in Worte gefasst werden. Heute ehren auch wir als Kirche ihr Andenken, wir nennen ihre Namen, wir erinnern uns an sie als Mitmenschen und Mitchristen und legen ihr Leben betend in die liebende Händen Gottes.

Doch was ist mit uns selber? Auch wir, jede und jeder von uns, müssen eines Tages gehen. Aber: Niemand von uns weiß wann…, genauso wie das auch bei allen der Fall gewesen ist, die an die wir heute erinnern. Niemand weiß wann…Bedeutet diese Tatsache, das wir damit rechnen können, noch 1 Jahr oder 5 Jahre oder 20/30/40/70 Jahre weiter zu leben? Wenn wir fest damit rechnen könnten, dann könnten wir unseren eigenen Tod für die Zwischenzeit insofern ausblenden, als wir in dieser Zwischenzeit nicht mit ihm rechnen müßten. Doch jeder von uns weiß, dass das eine schwere Täuschung wäre. Wohl kann es sein, dass wir erst in 1 oder 5 oder 70 Jahren sterben müssen, doch wir müssen auch der Tatsache ins Auge blicken, dass wir den Zeitpunkt nicht kennen. Der Tod begleitet uns vielmehr jeden Tag unsichtbar und kann sozusagen an jedem Zeitpunkt bei uns anklopfen. Gerade weil wir nicht wissen können, wann das geschehen wird, ist uns der Tod jederzeit ganz nahe. Es gibt keine noch so nahe Zukunft, die nicht unter der Möglichkeit stände, dass der Tod gerade in jenem Augenblick bei uns anklopft: heute, morgen, in wenigen oder erst in vielen Jahren. Niemand weiß wann…! Das „niemand weiß wann“ steht unveränderlich über unserer eigenen Lebensgeschichte. Es bedeutet: „Ich weiß nicht, wann ich sterbe werde. Das kann jederzeit sein. Deshalb ist es sinnvoll, dass ich mich damit befasse, mein Leben darauf einstelle und mich darauf vorbereite.“ „Memento mori“ so sagte man im alten Rom: „Erkenne, dass du sterblich bist!“

Und es gilt noch etwas zu erkennen. Mit den Worten Paul Gerhards klingt es so: „Kann uns doch kein Tod nicht töten, sondern reißt unsern Geist aus viel tausend Nöten, schließt das Tor der bittern Leiden und macht Bahn, da man kann gehn zu Himmelsfreuden.“ Es gilt zu erkennen, dass unser Leben aus den Händen Gottes im Tode nicht untergeht, sondern transformiert und verwandelt werden wird und deshalb Zukunft hat im ewigen Leben Gottes. Der berühmte Apostel Paulus beschreibt diese Verwandlung mit dem Bild des Samenkorns: „So wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.“ Das Bild vom Samenkorn, das gesät wird führt uns die verwandelnde Kraft des göttlichen Lebens vor Augen: Wie aus einem Samenkorn eine Pflanze wird, die aus dem Samenkorn entstanden ist, so wird auch unser Leben in eine neue Lebensdimension gehoben werden und dennoch den Zusammenhang mit unserm jetztigen Leben nicht verlieren. Wir bleiben wer wir sind und zugleich werden wir doch ein neues Lebensniveau erhalten. Und in Jesus Christus selber dürfen wir die Garantie dafür sehen, dass das so ist.

„Niemand weiß wann…“ das ist die eine Seite. Die andere mit den Worten Paul Gerhards, dessen 400. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern: „Kann uns doch kein Tod nicht töten!“ Wir halten die gewisse Hoffnung auf das ewige Leben fest.

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