Hinter der Tür

Liebe Gemeinde,

wir feiern Buß- und Bettag in einem Abendgottesdienst. Der Abend ist eine besondere Zeit. Wenn wir am Morgen noch von Tatendrang erfüllt den Tag in Angriff nehmen, und nach außen gewandt leben, so ist der Abend eher eine Zeit, in der wir uns nach innen wenden. Wir haben besseren Zugang zu dem, was in unserem Herzen geschieht und auch zu dem, was tief in uns verborgen liegt.

Am Buß- und Bettag geht es wie der Name schon sagt um büßen und beten. Unter beten können sich hier alle etwas vorstellen: Wir wenden uns nach innen und kommen mit Gott ins Gespräch. Aber Büßen ist ein Wort, das wir eigentlich nur noch vom Bußgeldbescheid her kennen. Oder vielleicht sagt einigen von uns die Redewendung: „Das wirst Du mir büßen!“ noch etwas. Und wenn wir die Sprache für etwas verlieren, dann sind wir leicht in der Gefahr auch die Sache selbst zu verlieren. Das wäre schade, denn Buße ist etwas wichtiges und keineswegs wie der Bußgeldbescheid nahe legt etwas nur unangenehmes oder ärgerliches. Das Wort in der Bibel, was wir mit Buße übersetzen, heißt eigentlich Umkehr oder im heutigen Deutsch Neuorientierung. Wenn wir uns neu orientieren, dann hat das eine unangenehme Seite: Wir müssen altes zurücklassen, wir müssen Überkommenes aufgeben. Das kann schmerzhaft sein. Aber es hat doch auch eine gute Seite: Die Zukunft öffnet sich, wir sind in dem Alten auch nicht mehr gefangen. Wir schauen erwartungsvoll dem entgegen, was auf uns zukommt.

Zu einer solchen Neuorientierung will uns der Predigttext des heutigen Abends anregen. Er steht in Lukas 13,23-20:

[TEXT]

Hm … könnten Sie jetzt denken nachdem Sie diesen Text gehört haben. Jetzt hat sie uns etwas Positives versprochen und was höre ich: Heulen und Zähneklappern, Die Drohung ausgeschlossen zu werden und draußen im Regen stehen zu bleiben. Und wenn ich das unbedingt vermeiden will, dann muss ich kämpfen um mich durch eine enge Tür zu quetschen. Das klingt alles andere als verlockend. Dieser Text hat nicht nur einen drohenden Unterton. Er enthält eine offene Drohung. Er sagt: Es gibt ein erhebliches Risiko nicht gerettet zu werden. Wir müssen uns durch eine enge Tür kämpfen, um ins Warme und Helle zu kommen und es ist nicht gesagt, dass wir das schaffen. Was hindert uns daran, durch eine enge Tür zu kommen?

Da gibt es verschiedenes: Mein Mann wird Ihnen das jetzt zeigen:

(Er läuft gegen das Türmodell, die Tür ist zu niedrig für seine Größe, das kann man statt es praktisch zu zeigen auch die Leute sich vorstellen lassen)

Er läuft gegen die Tür und kommt nicht hindurch, weil er sich weigert sich zu bücken. Starrheit und Stolz hindern uns durch die Tür zum Leben zu gehen. Wenn wir nicht zugeben wollen, dass wir etwas falsch gemacht haben und darauf bestehen: Nein bei mir liegt der Fehler nicht. Dann können wir nicht durch diese Tür gehen.

(Er hält sich ein Brett vor den Kopf und läuft deshalb gegen die Tür)

Ein Brett vorm Kopf ist sicher hinderlich dabei durch eine enge Tür zu kommen. Manchmal sind wir wie vernagelt. Es fällt uns einfach nicht ein, was wir anders machen könnten, damit unser Leben besser wird.

(Er läuft neben der Tür gegen die Wand)

Wenn wir in den anderen Raum wollen, dann sollten wir die Tür auch benutzen. Zu versuchen mit dem Kopf durch die Wand zu kommen, wird uns überwiegend Beulen und blaue Flecken bescheren aber nicht das was wir wollen.

(Ich versuche durch die Tür gehen, passe aber nicht durch, weil ich zu dick bin).

Tja und ich passe nicht durch diese Tür, denn ich bin schlicht und ergreifend zu dick. Es hat sich zuviel Ballast um meine Körpermitte angesammelt. Ich habe in der Vergangenheit mehr gegessen als mir gut tut. Um durch die Tür zu kommen, muss ich das Alte, das mein Leben bisher bestimmt hat und sich in meinem Körper abgelagert hat loswerden. Ich muss die alten Verletzungen hinter mir lassen. Ich muss mich abwenden von der Gier immer alles haben zu wollen und es festzuhalten. Ich muss auch meine alten Fehler loslassen.

Diese Tür sieht aus wie eine unbarmherzige Einrichtung. Aber das ist sie nicht. Im Gegenteil, sie ist eine sehr barmherzige Einrichtung. Denn diese enge Tür macht uns klar, was falsch läuft in unserem Leben. Wir bekommen kein gutes und glückliches Leben, wenn wir zu stolz sind um ab und zu nachzugeben, wenn wir wie vernagelt sind, mit dem Kopf durch die Wand wollen und nicht bereit sind die alten Verletzungen und das selbstzerstörerische Verhalten der Vergangenheit zurückzulassen.

Diese enge Tür ist keine gemeine Erfindung eines unbarmherzigen Gottes, der seine Freude daran hat, die Menschen von seinem Fest auszuschließen. Im Gegenteil, sie ist eine Tür. Sie ist eine Einladung. Nicht Gott schließt uns von Leben aus, vom Leben hier in dieser Welt und vom Leben in einer zukünftigen. Wir selbst tun es durch unser falsches Verhalten. Es gibt einen Zusammenhang zwischen, dem was wir tun, und dem was mit uns in unserem Leben geschieht. Das ist in der Beziehung zu Gott genauso wie im sonstigen Leben. Im normalen Alltag bestreitet das niemand. Sport zum Beispiel muss man machen, wenn man seine positiven Wirkungen spüren will. Vom Sport im Fernsehen ansehen bekommt man keine Kondition. Mit der Religion ist das genauso, man muss sie praktizieren, wenn man was davon haben will. Und so ist es eben auch mit der Buße oder wie wir es genannt haben Neuorientierung. Wenn man ein besseres Leben haben möchte, dann muss man halt besser leben.

Ja, so ist es erst einmal. Aber Neuorientierung fällt uns nicht leicht. Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir tun ganz viel, weil wir es schon immer so getan haben, und wenn wir etwas in unserem Leben ändern wollen, dann ist das harte Arbeit und es ist Kampf, denn das Alte hält uns mit großer Energie fest. Wenn ich mal eine Minute unaufmerksam bin, dann falle ich in alte Verhaltensweisen zurück. Ich habe erst gewonnen, wenn das Neue selbst zur Gewohnheit geworden ist. Bis dahin kostet es Kraft. Gott bietet uns an uns durch die enge Tür hindurchzukämpfen ins gute Leben, dass als Leben bei Gott auch ewiges Leben ist. Aber das Angebot annehmen müssen wir schon selbst.

Ich fürchte aber, dass der Kampf darum durch diese Türe zu gehen ein Leben lang dauert.

Als mein Mann die Predigt bis hierhin gelesen hatte, meinte er: Du hast doch einen Schatten. In der Kirche werden die Angehörigen von zwei Verstorbenen sitzen und Du predigst hier Hochleistungsreligon. Die Menschen brauchen aber nicht noch mehr Leistungsanforderungen als es sie in unserer Gesellschaft sowieso schon gibt, die meisten sind von ihrem ganz normalen Alltag mehr als genug gefordert. Die Menschen brauchen Trost und Ermutigung und keine Moralpredigten. Und dir tun solche Gedanken auch nicht gut. Ja, aber … habe ich ihm geantwortet: Der Predigttext. Ich sage ja nur, was da drin steht.

Unsinn, meint er: Jeder kann durch diese enge Tür gehen und zwar ohne, dass er oder sie das ganze Leben umkrempeln muss und sich wie ein Heiliger und eine Heilige aufführen muss.

Ja, ja du hast ja recht, meinte ich: Ich werde diese Tür noch einmal von einer anderen Seite betrachten. In der Bibel steht ja nicht nur unser Predigttext mit dem Satz: Viele werden versuchen durch die Tür hineinzukommen und werden es nicht können. Das steht auch der andere Satz: Gott möchte, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Und wie könnte irgendetwas, was Gott will, nicht geschehen? Also wie kann das zusammengehen?

Ich glaube, diese Tür ist wichtig. Wir müssen tatsächlich gegen sie laufen, um zu merken, was uns daran hindert so zu leben, wie wir das gerne wollen: voller Freude und in lebendigen Beziehungen in Harmonie und Freundschaft. Wir dürfen uns tatsächlich nicht mir dem Leben abfinden, das einfach nicht so ist, wie wir es gerne hätten. Nur wenn wir noch irgendetwas anders haben wollen, wenn wir noch mit dem Eingang zu einem besseren Leben kämpfen, sind wir lebendig und haben Freude am Leben und eine Hoffnung für die Zukunft. Es ist wichtig zu versuchen uns durch diese Tür hindurch zu kämpfen. Es nicht zu tun bedeutet Erstarrung und Tod. Aber von alleine werden wir es nicht schaffen durch diese Tür zu gehen. Und wir müssen es auch gar nicht alleine schaffen. Es ist uns nämlich einer vorangegangen, der wird uns durchhelfen. Denn wenn wir an die Tür klopfen, wird er unsere Stimme erkennen und uns öffnen. Denn wir haben zwar Unrecht getan, und zwar wahrscheinlich mehr als wir je erkennen werden. Aber wir müssen uns nicht auf unser eigenes Recht berufen, wir müssen uns nicht auf unsere eigenen guten Taten berufen. Es reicht, wenn wir den kennen, der für uns genug getan hat und uns die Tür öffnen wird und uns eine Form geben wird, dass wir durchpassen. Und wir werden alles Heulen und Zähneklappern hinter uns lassen.

Und wissen Sie was das Gute ist, dies betrifft nicht nur das Leben nach dem Tod, das betrifft es auch. Es betrifft das Leben vor dem Tod: Das gute, das ewige Leben gibt es schon jetzt in der Verbindung zu Jesus Christus, der uns einlädt schon jetzt all das abzulegen, was uns hindert durch die Tür zum guten Leben zu gehen. Wir dürfen sie ablegen: unseren Stolz, unser Brett vorm Kopf, unser mit dem Kopf durch die Wand wollen und unsere alten Verletzungen und falschen Verhaltensweisen. Gleich! Niemand muss das alles noch mit sich herumschleppen. Wir können es stehen lassen wie einen alten Koffer mit Kram, den wir nicht mehr brauchen. Es ist nicht schlimm, wenn dieser Koffer nicht durch die Tür passt. Ohne ihn passen wir durch. Und wir können unbelastet durch die enge Tür gehen auf den zu, der dahinter auf uns wartet und sich schon auf uns freut: Jesus Christus.

Das wollen wir jetzt feiern: Im Abendmahl!

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