Wachet – suchet – findet die Spuren Gottes im Leben

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht mit welchen Gehfühlen Sie heute Vormittag in diesen Gottesdienst gekommen sind.

Viele von Ihnen haben im letzten Jahr einen Familienangehörigen verloren. Sie spüren eine Lücke in ihrem Leben, die nun einfach da ist und die man merkt. Man kann nicht so tun als ließe einen der Verlust eines Menschen kalt. Man soll und will es auch nicht tun. Der heutige Tag an dem wir uns unserer Verstorbenen erinnern, hat so auch seine ganz positive Seite. Trauer kann und ich denke muss man auch öffentlich machen. Trauer kann nur sinnvoll geschehen, wenn man sie mit anderen teilt. Alleine zu trauern, seine Gefühle nie loswerden zu können, seine Tränen immer verbergen zu müssen, seine Einsamkeit nie aussprechen zu können. Das macht einen fertig, kann einen in eine depressive Stimmung, ja in eine Depression führen. Deshalb finde ich es gut, dass es diesen Tag gibt. Nicht um alte Wunden aufzurühren, sondern um bewusst nach einer vorausgegangenen Zeit der Trauer noch einmal im Gottesdienst den Verstorbenen und sich selbst in die Hände Gottes zu legen.

Dabei denken Sie vielleicht auch an etwas, was Bestand haben soll im Leben. Das Leben hier auf der Erde- es hat offensichtlich keinen Bestand. Es endet, dann wenn wir Menschen sterben. Aber, als Christ hat man ja diese unendliche Hoffnung, die Hoffnung dass das Leben nicht zu Ende ist mit dem Tod, sondern eine Fortsetzung findet bei Gott. Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen, heißt es dazu im Markusevangelium in dem Bibeltext, den ich ihnen jetzt vorlesen möchte.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, wenn Sie diese Worte hören, dann geht es ihnen vielleicht wie mir.

Ich höre sofort eine doppelte Dimension.

Ich höre auf der einen Seite meine persönliche Ebene, das Vergehen und Sterben von Menschen. Die Zeit die uns gegeben ist – und ich sage mir: „Du musst die Zeit deines Lebens auskosten, denn so vieles kannst du und sollst du mit anderen Menschen erleben. Vielleicht kannst du anderen sogar ein wenig helfen in ihrem Leben. Das wäre schon viel.“

Und auf der anderen Seite höre ich sofort die, theologisch gesprochen, eschatologische Dimension. Also, die Frage wie es denn weitergehen wird mit unserer Welt. Was bleibt eigentlich bestehen in der Welt, wie geht es weiter und wie wird das Ende sein und was ist meine Rolle in dem Ganzen.

Viele Fragen. Nähern wir uns doch beiden Bereichen einmal etwas an.

1. Die persönliche Dimension des Lebensendes.

Da fällt mir der zweite Vers ins Auge, wo es heißt, dass niemand die Stunde kennt, nicht die Engel im Himmel und nicht der Sohn, nur der Vater. Ja, wer kennt die Stunde des Todes? Der Tod kommt eigentlich immer zur falschen Zeit.

Ich denke an einen jungen Menschen, der noch viel vorhatte in seinem Leben. Jemand der Freunde hatte, der fest im Leben stand. Er hatte sich gerade aufgemacht zu leben. Er war so lebensfroh. Und dann ganz plötzlich- Krankheit- eine kurze Zeit später- Tod. Auch ich als Pfarrer stehe daneben und frage mich was ist da eigentlich passiert? Dieser Tod erscheint mir ungerecht, er erscheint mir einfach nicht passend. Ich frage mich nach dem Sinn.

Ich denke an eine alte Dame. Sie hat viele Jahre ihres Lebens gut gelebt. Sie hat sich das geschaffen, was ihr viel wert war. Sie hatte das, was sie zum Leben brauchte und sie tat genau das, was sie wollte. Nicht dass sie mich falsch verstehen. Sie gehörte nicht zu denen, die auf Kosten anderer lebten. Ganz und gar nicht. Aber sie lebte so wie es zu ihr passte, dabei war soziales Engagement für sie eine absolute Selbstverständlichkeit. Sie stirbt in hohem Alter. Auch sie hinterlässt eine Lücke, genau wie der junge Mann und ich denke mir, sie hat ihr Leben gelebt, sie hat es genutzt, ein erfülltes Leben. Ich danke Gott, dass sie so in Ruhe sterben konnte.

Zwei ganz unterschiedliche Lebenssituationen stehen vor uns. Vielleicht sehen sie ihren Verstorbenen ein wenig in einem dieser beiden Leben. Vielleicht ist es bei ihnen auch noch einmal ganz anders gewesen.

Aber immer ist es gleich: Das Lebensende wurde nicht bewusst gesetzt. Niemand kannte es. Niemand kennt die Zeit die ihm gegeben ist und niemand kann seinem Leben eine Spanne dazusetzen. „Wacht, denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist“, so Jesus beim Evangelisten Markus.

Für uns Hinterbliebene ist ein Tod immer eine Aufgabe der Rückschau. Ich betrachte mich und das Leben des Verstorbenen. Was hat er mir gegeben, was habe ich ihm gegeben? Schöne, freudige Erlebnisse fallen mir ein, kleine Episoden, Schicksalsschläge die man zusammen durchgestanden hat. Und man erkennt: wir haben die Zeit genutzt, manchmal auch, dass wir die Zeit noch intensiver hätten nutzen können.

Diese Rückschau, liebe Gemeinde ist das eine. Dabei darf man nicht hängen bleiben- es macht einen fertig. Ziehen sie für sich doch einmal Bilanz. Überlegen Sie wie gehe ich denn mit denen um, die noch leben. Koste ich die Zeit, die wir füreinander haben aus? Sie sollten es tun. Das Leben ist eigentlich zu kurz um sich mit Streitigkeiten, mit Familienzwist und mit viel Ärger herumschlagen zu müssen. Ich weiß, dass dies nicht ausbleibt. Aber das Ziel sollte es doch sein miteinander auszukommen, positiv die Zukunft zu gestalten, denn vielleicht ist morgen jemand von uns hier schon tot.

Wir kennen Zeit und Stunde nicht. Jesus mahnt dazu zu wachen, denn das Ende kann jederzeit kommen. Freilich- unter Druck wollen wir uns nicht setzen lassen. Gezwungene Freude ist gar keine Freude. Aber Freude entsteht doch da, wo man sich gegenseitig Fehler eingesteht und gemeinsame Planung und Lebensentwürfe vorantreibt. Dazu denke ich soll dieser Tag auch stehen. Nicht in der Rückschau stehen bleiben. Sich gemeinsame Ziele für die Zukunft setzen. Das wäre wichtig.

2. Die endzeitliche Dimension.

Ich habe schon von der Zukunft gesprochen. Von der persönlichen und familiären Zukunft. Jetzt gehen wir aber noch einen Schritt weiter. Wir reden von der Zukunft der Welt.

Bei Markus in seinem Evangeliumstext geht es darum, dass Knechte das Haus ihres Herrn ganz verantwortungsvoll bestellen. Während der Abwesenheit des Hausherrn. Deswegen wird sogar eigens ein Türhüter aufgestellt, damit die Knechte nur ja nichts verschlafen, verpassen.

Dieses Thema, liebe Gemeinde, wird in den Überlegungen von Theologie und auch in unseren persönlichen Überlegungen oft ausgeblendet. Schließlich warten die Christen ja schon seit 2000 Jahren auf das Ende der Welt und die Wiederkunft Christi. Und- man schämt sich- denn der Gedanke an das Weltende- irgendwie hat man Angst als dumm und sektiererisch angesehen zu werden. Schließlich haben Sekten immer wieder den Weltuntergang vorausgesagt, aber sie dreht sich ja noch immer, unsere Welt.

Liebe Mitchristen, ja ich glaube, dass Christus wiederkommt. Wann er kommt ist mir dabei nicht so wichtig. Allein die Tatsache dass er wiederkommt macht mir Mut. Macht mir Mut, dass es mit dieser Welt dann doch auch noch Gerechtigkeit geben wird bei all dem Krieg und bei der Verzweiflung, dem Hungertod von Menschen, der mich, sie sicherlich auch, manchmal mehr, manchmal weniger bedrückt.

Etwas anderes wird mir aber wichtig. Ja es springt mich förmlich an in diesem Bibelabschnitt. Das ist das Wörtchen „wachet“. Wachet, passt auf!

Es wird mir zur Mahnung. Ich lebe in den Tag hinein. Ja- gut- es ist nichts dagegen zu sagen. Aber ich stehe als Mensch in der großen Gefahr mich nur um mich selbst zu drehen. Die Türhüter können das nicht. Sie müssen wachen, müssen aufpassen um bereit zu sein, wenn der Hausherr kommt. Wachen heißt deshalb für mich persönlich in diesem Zusammenhang: Sich im Glauben und im Vertrauen vorzubereiten auf Jesus Christus. Ein gemeinsames Leben mit ihm zu führen. Und ich weiß- es wird Schicksalsschläge geben dabei. Ich werde manches mal aus der Lebensbahn geworfen werden. Ich werde vieles nicht verstehen in meinem Leben. Ich werde vielleicht der Verzweiflung nahe sein und weinen und fast am Ende sein.

Aber – und das weiß ich genauso: Von irgendwo her kam in solchen Lebenssituationen wieder ein Lichtblick, ein wenig Kraft, ein Hoffnungsschimmer. Ich habe gespürt in solchen Momenten: „Jetzt ist mir Gott nahe“ oder anders ausgedrückt: „Jetzt bin ich Gott nahe.“ Liebe Gemeinde, das ist die eschatologische, die endzeitlich Dimension. Gott kommt uns Menschen nahe. Wir können es spüren, wenn wir wachsam sind, wenn wir nicht auf uns alleine setzen, sondern diese Kraft wirklich erkennen als etwas, was uns zugeteilt wird. Und das passiert nicht erst am Ende aller Zeiten, sondern jetzt in unserem Leben. Endzeit für uns ist unsere Lebenszeit.

Diese Perspektive ist eine Glaubensperspektive: Man kann genauso gut oft im Leben sagen: „Die Ärzte haben mir geholfen, ein Freund war bei mir uns gab mir Kraft, ich habe meine Selbstheilungskräfte aktiviert usw.“ das können sie tun, wenn sie nicht glauben wollen. Wer glaubt wird nicht umhin kommen zu sagen: Gott du warst mir nahe.

Und dieser Mensch wird von nun an dankbar durchs Leben gehen und sich freuen, dass er für sich weiß, dass es einen Gott gibt. Er wird sein wie der eine der zehn Aussätzigen, der von Jesus geheilt wurde und zurückkam und sich bei ihm für seine Heilung bedankt hat. Ein neuer Mensch wurde dieser Aussätzige und er wusste wer es getan hat.

Liebe Gemeinde am Ewigkeitssonntag. Dieser Tag ist nicht leicht. „Es ist alles nicht so einfach“, sagen mir Menschen immer wieder und „früher als mein Sohn, als mein Mann noch lebte war alles viel leichter.“ Das stimmt, aber halt nur zur Hälfte.

Es wird vieles wieder einfacher, wenn man die Zukunft vor Augen hat. Es wird einfacher, wenn man sieht und fühlt und schmeckt, was das Leben einem noch zu bieten hat. Es wird einfacher, wenn der Lebensmut ganz nah und greifbar wird und wenn man sich selbst im Beziehungsgeflecht anderer Menschen wahrnimmt.

„Wachet“, heißt es. Ja zu wachen heißt für mich die Spuren Gottes im eigenen Leben zu entdecken. Wenn sie danach suchen, dann finden Sie diese Spuren.

Liebe Gemeinde das ist kein Theologengeschwätz und das ist keine schöne Kanzelrede. Es ist meine tiefe Glaubenserfahrung.

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