Tag der Erinnerung und der Nachdenklichkeit

Volkstrauertag, ein staatlicher Gedenktag, so wird der heutige Sonntag, der vorletzte Sonntag im Kirchenjahr, genannt. Heute gedenken wir der Toten der beiden Weltkriege und der Verfolgung im Nationalsozialismus. An Denkmälern werden wie in jedem Jahr an diesem Tage Kränze niedergelegt. Es wird dann daran erinnert, zu welchem Wahnsinn Menschen fähig sind.

Dieses Erinnern stößt bei vielen von uns oft auf taube Ohren. Ich kenne sehr viele Menschen, die sagen, dass man das alte Geschehen ruhen lassen soll. Und die Jugend, die solle man damit nicht belasten und wir sollten endlich unter der Vergangenheit einen Schlussstrich ziehen.

Volkstrauertag, so wird dieser heutige Tag in der bürgerlichen Gemeinde genannt. Welches Volk trauert? Haben wir das Recht zu sagen, dass nur wir Deutschen trauern? Ich denke, nein. Es gibt viele Völker, die unter den Folgen der Weltkriege gelitten haben. Und in unseren Tagen gibt es noch viele Völker, die den Krieg direkt erleben.

Denken wir an den Krieg im Irak oder in Afghanistan. Und wem von uns Afghanistan oder Irak, oder der Terror in Kurdistan, oder die blutige Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina, oder die Selbstmordattentate der Islamisten zu weit weg sind, der schaue sich einmal in seinem eigenen Leben um. Und dann frage sich eine jede und ein jeder von uns nach seiner eigenen Friedensfähigkeit ─ bin ich bereit meinen Nächsten die Hand zur Versöhnung zu reichen?

Wir müssen uns bewusst sein, dass uns die Erfahrungen der Vergangenheit miteinander verbinden und uns wieder zusammen führen können. Und wenn wir uns unserer Trauer bewusst sind, dann können wir das Leiden unserer Nächsten in Europa und der Welt verstehen.

Ist nicht der heutige Tag, der Volkstrauertag, auch ein Tag der Erinnerung und der Nachdenklichkeit?

Wer sich von uns nicht erinnert, der bringt sich um eine bessere Zukunft. Und wer nicht mehr fragt, wie es zu solch einer grausamen Geschichte des 20. Jahrhunderts kommen konnte, der bringt die Gegenwart und die Zukunft in Gefahr.

Kann ein Volk auch dann noch über die Schrecken des Krieges trauern, Schuld bekennen, wenn es schon in der dritten Generation in relativ stabiler Sicherheit und ohne Krieg lebt?

Können wir das Entsetzen, die Ohnmacht und das Wissen um Schuld nachempfinden, welche durch Bombenterror, Vertreibung oder durch unmenschliche Grausamkeit gegenüber Wehrlosen ausgelöst wurde und noch wird?

Unser Predigttext zeugt von ähnlichen Fragen des Volkes Israel im babylonischen Exil.

[TEXT]

Was sind das für Worte, die uns hier gesagt werden? Will Gott uns tadeln, will er uns vor Gericht stellen? Oder geht es in eine ganz andere Richtung?

Was Gott hier beklagt, ist nicht unser Vergehen bez. unserer Glaubens- und Lebensfragen. Nein, damals wie heute geht es um die Fehlentwicklung unserer Beziehung zu unserem Gott.

Aus unserem Predigttext höre ich weniger Tadel und Verurteilung, sondern ich höre eine tiefe Enttäuschung Gottes. Die Worte, die Gott hier zum Propheten Jeremia spricht, hinterlassen bei mir den Eindruck eines resignierenden Gott.

Für mich klingen diese Worte nicht wie eine Anklage sondern für mich steckt hinter diesen Worten eine enttäuschte Liebe zu uns Menschen.

Trauer, Enttäuschung und Resignation, dies sind Worte, die bei uns Menschen Situationen beschreiben, die mit sehr viel Nähe und Zuneigung zu unseren Nächsten verbunden sind. Enttäuscht sind wir, liebe Gemeinde, wenn Menschen, von denen wir etwas erhofft haben, unsere Hoffnungen nicht erfüllen.

Dann steigt Trauer in uns auf, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt wurden; ja, dann resignieren wir, weil unsere Nächsten es nicht geschafft haben, das was wir ihnen zugetraut haben, uns nahe zu bringen. Das ist, so denke ich, enttäuschte Liebe.

Von unseren Nächsten, die uns nichts bedeuten, von denen erwarten wir nichts. Bei ihnen empfinden wir normalerweise keine Enttäuschung oder Trauer.

Liebe Gemeinde, Gottes Liebe zu uns Menschen und Gottes Hoffnung zu uns, sowie Gottes Erwartungen für ein menschliches Leben in dieser, seiner Welt sind sehr enttäuscht worden.

Das Volk, es läuft auf einem Irrweg und merkt es nicht einmal. Und wo es hingefallen ist, wo es sich verirrt hat, da bleibt es liegen, oder es geht weiter, ohne den Blick einmal in eine andere Richtung zu wenden.

Jeder Vogel weiß doch, wann es Zeit ist, die Richtung zu ändern, weil das Klima sich verändert. Aber das Volk hat dafür jeden Blick verloren.

Gottes Worte sind nicht Worte der Klage oder der Anklage, nein, es sind Worte einer enttäuschten Liebe zu uns Menschen. Gottes Sehnsucht, die kann ich verstehen, der bei uns eine Zeit sucht, in der Enttäuschungen ausbleiben.

Jedes Jahr am Volkstrauertag beten wir um Frieden. Wir erinnern uns der Kriegstoten und an die Opfer von Gewalt, Vertreibung und Flucht. Ja, jedes Jahr hoffen wir, dass im kommenden Jahr nicht die negativen Ereignisse unser Leben prägen; sondern, wir hoffen auf friedliche Gedanken der Trauer und der Umkehr.

Momentan leben wir in Europa ohne Krieg. Aber, liebe Gemeinde, leben wir tatsächlich in Frieden? Ich denke nicht, denn um in Frieden leben zu können, dazu reicht es bei uns immer noch nicht. Gewalt herrscht bei uns in vielen Lebensbereichen, in den Familien, auf den Schulhöfen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf den Autobahnen.

Von der Fremdenfeindlichkeit über den brutalen Konkurrenzkampf, von der sozialen Ausgrenzung bis hin zu der immensen Armut zahlreicher Arbeitslosen, dies alles hinterlässt in unserer Gesellschaft ein breite Spur der Disharmonie in unserem Land.

Die Schuld unseres Lebens, die lasst uns suchen. Ja, lasst uns das Böse unserer Zeit ansprechen und gut machen. Lasst uns ein Ende setzen mit dem Betrug und der Selbsttäuschung.

Vielleicht ist da ein kleiner Hoffnungsschimmer, der ein wenig Licht in das Dunkel unserer Gedanken bringt, wenn wir wissen, dass Gott uns nicht auf dem Boden der Erkenntnis unserer Schuld liegen lassen will.

Darum geht es, liebe Gemeinde, nicht nur am Volkstrauertag seine Schuld zu erkennen, sie annehmen und bereuen und zu sagen, dass es mir leid tut, was ich getan habe, sondern jeden Tag. Hier ist der Schlüssel zu den Worten des Propheten, der Schlüssel zu den Bildern, die er vor uns malt, der Schlüssel zur rechten Trauer.

Gott, er richtet uns auf und sagt uns: Ich verzeihe dir, du bist mein liebes Kind. Gott, er demütigt uns nicht, er zieht uns wieder zu sich herauf. Du kannst den richtigen Weg beschreiten, du kannst zurechtkommen, du kannst aufstehen und aufrecht vor mich treten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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