In aller menschlicher Gebrochenheit

Liebe Gemeinde,

es herrscht eine nicht geringe Verwirrung um diesen Tag, den wir heute zusammen begehen. Im Bewusstsein der meisten Menschen ist der Tag heute als Volkstrauertag erinnert.

Der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“, kurz VDK genannt hatte diesen Tag 1919 als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des ersten Weltkrieges vorgeschlagen. 1922 fand dann tatsächlich die erste Gedenkstunde im Reichstag statt. Noch war er nicht gelegt auf das Ende des Kirchenjahres, sondern wurde fünf Sonntage vor Ostern begangen. Die Nationalsozialisten haben, wie vieles andere auch, diesen Tag umgedeutet. Mit 1934 heißt er dann Heldengedenktag. Nicht mehr der Toten sollte gedacht werden, sondern des heldenhaften Soldaten, der sein Leben gerne gibt für die Ziele der Partei. Erst mit 1950, umgesetzt dann 1952 wurde dieser Tag wieder zum Volkstrauertag, diesmal aber bewusst gelegt auf das Ende des Kirchenjahres, wo wir ihn heute auch finden: am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres. Lässt sich darin eine Nähe zu den Gedanken finden, die am Ende des Kirchenjahres eine Rolle spielen? Dort finden wir die Ausrichtung auf das Gericht, von dem wir heute nochmals gehört haben in der Lesung aus Mt 25. Ausführlich haben wir dieses biblische Wort ja erst am Diakoniesonntag bedacht. Und mit der Ausrichtung auf das Gericht finden wir die Selbsterkenntnis, dass wir nicht vollkommen sind. Dass wir Fehler haben, die uns allen das Leben erschweren. Und dass wir deswegen eine Ausrichtung auf die höhere Macht Gottes brauchen.

Sie merken es selbst, liebe Gemeinde, beides – Volkstrauertag, Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr – lässt sich nicht eins zu eins zusammenbringen. Genauso wenig, wie sich die Darstellungen zum Thema Krieg, die Sie in unserer Kirche finden, eins zu eins zusammen bringen lassen. Sehen Sie sich das Glasfenster zu meiner Linken an: „Ich habe den guten Kampf gekämpft.“ Das Zitat aus dem 1. Timotheusbrief bezieht sich eigentlich auf die Haltung des Glaubens. Hier sehen Sie es über einem Soldaten angebracht, der – der damaligen weit verbreiteten Ideologie folgend – in den Krieg gezogen ist, dessen Waffen die Kirche gesegnet hatte: „Gott mit uns“, stand auf den Gürtelschnallen. So geht es nicht, liebe Gemeinde. Das kann nicht der Beitrag der Kirche sein. Dieser wird anders lauten müssen. Er muss die Opfer der Kriege in den Blick nehmen – 120 Millionen waren es zusammen die letzten beiden Weltkriege. 120 Millionen Menschen sind gestorben. Und die Kirche wird grundlegend auf den Menschen verweisen müssen. Auf seine Neigung zur Bosheit und den Weg, der zur Überwindung dieser Bosheit – Sünde genannt – führt: Jesus Christus allein. Hören wir also einen der tiefste Ankläger des menschlichen Unvermögens, den wir in der Heiligen Schrift finden können. Es ist der Prophet Jeremia, der im achten Kapitel, in den Versen vier bis sieben folgendes schreibt:

[TEXT]

Welch bittere Anklage gegen die menschliche Natur, liebe Gemeinde! Jeder, der hinfällt, so vergleicht es Jeremia, hat doch wohl das Bestreben, wieder aufzustehen. Und jeder, der sich verlaufen hat, wird doch wohl die Absicht haben, wieder den richtigen Weg zu finden. Aber im Bezug auf die Weisungen und Gebote Gottes trifft dies wohl nicht, ruft der Prophet fast schon resignierend aus! Vielmehr scheint der Mensch mit Freude in seiner Verbohrtheit stehen bleiben zu wollen und mit aller Macht darauf zu pochen, dass es so richtig ist, wie er es macht. Wie kann man sich das vorstellen? Was treibt den Menschen dazu an? Wir haben ja ein naheliegendes Beispiel vor Augen – wir nennen es die Ewig-Gestrigen. Weil in Gräfenberg am letzten Sonntag die Kranzniederlegung nicht möglich war, war eine Abordnung der rechten Kreise hier bei uns am Kriegerdenkmal, um ihre Kränze abzulegen. Ich sehe es mit Schrecken, liebe Gemeinde, vielleicht bleibt es nicht bei Gräfenberg, sondern kommt uns immer näher, so dass wir schließlich nicht umhin können, uns dringlicher und eindeutiger damit zu befassen. Wer auf die Seiten im Internet blickt, die von diesen Kreisen betrieben werden, wird vom Heldengedenktag lesen müssen. Er wird davon lesen müssen, dass die „Waffen-SS = die erste wirkliche Armee mit europäischem Gemeinschaftsgeist“ gewesen ist. Er wird davon lesen müssen, dass „der deutsche Landser … in seinem Wesen“ ein Vorbild für die heutige Jugend sein kann im Blick auf seinen Heldenmut und seine Tapferkeit.

Vielleicht ist es die Sorge um mangelnde Anerkennung, die vor allem junge Menschen dazu bringt, sich solchen Meinungen anzuschließen. Vielleicht ist es der Mangel an Erfahrung von echter Liebe, die Menschen dazu treibt, sich mit Hassparolen gegen die Wirklichkeit zu stützen und nur in der Verachtung von anderen Menschen so etwas wie ein eigenes Hochgefühl empfinden zu können. Für die, die das Leid des Krieges erleben mussten, dürfte es genauso unverständlich bleiben, wie für Jeremia, wenn er ausruft: „Warum wollen sie denn unbedingt am falschen Weg festhalten?“ „Warum ist für sie der Irrweg der einzige Weg, den sie gehen wollen?“

Jeremia sieht die Hand Gottes, die er den Menschen in Liebe hinreicht, um sie zu retten. Und er kann nicht verstehen, wie die Menschen dieses Angebot ausschlagen. Er kann nicht begreifen, wie man auf diese Liebe nicht antworten will oder auch nicht kann.

Jeremia jedenfalls verzweifelt daran, zusehen zu müssen, wie die Menschen kaputt gehen, obwohl die Hilfe doch vor ihren Augen stehen müsste. Ich weiß noch gut, liebe Gemeinde, wie ich vor sechs Jahren über dieses biblische Wort gepredigt habe. Dort war mir ein Vergleich vor Augen, den ich damals in einer Zeitschrift gelesen hatte. Es berichtete von einem Raucher, der Krebs bekommen hatte. Er ließ sich einen Lungenflügel entfernen. Alles scheint geheilt zu sein. Das Rauchen aber, das er selbst als Ursache für sein Leiden beschrieb, wollte er aber nicht lassen. Er hat festgehalten an dem, was ihn zerstörte. Nicht berichtet war die Reaktion seiner Familie oder vielleicht des Arztes. Vielleicht ging es ihnen wie Jeremia: „Wie kann man nur festhalten an diesem Irrweg?“

Jeremia kann das Verhalten des auserwählten Volkes nicht begreifen. Selbst die Tiere, so meint er, sind einsichtiger als das Volk, das Gott sein Eigen genannt hat. Die Störche wissen, wann sie fliegen müssen, ebenso Taube, Kranich und die Schwalbe, aber der Mensch kennt kein Maß und kein Ziel.

Wie gut ist es, dass Gott es ist, der sich um uns sorgt und nicht nur Jeremia. Der Aufruf des Propheten müsste in Resignation stecken bleiben: das Volk kann nicht gerettet werden! Wir wissen es heute anders: Gott lässt nicht nach, er lässt nicht locker, uns Hilfe anzubieten. In seinem Sohn Christus Jesus hat er alle Barrieren beseitigt, die uns hindern könnten, zu ihm zu kommen.

Trotzdem gibt es nach wie vor viele, die ihn nicht kennen wollen. Menschen, die sein Wort gering schätzen. Vielleicht auch Menschen, die sich einst bemüht haben, ihn zu finden, aber ihn nicht entdecken konnten. Wo war Gott etwa, als mein Vater starb – wie konnte er solches zulassen? Menschen wenden sich ab von Gott, wenn sie sich darin enttäuscht fühlen. Vielleicht wenden sie sich dann dem zu, das so viel offensichtlicher erscheint: dem Vertrauen auf die eigene Kraft. „Ich habe schon immer geschafft, was ich mir vorgenommen hatte!“ Vielleicht wenden sie sich anderen Heilsversprechern zu, auch den Verblendeten, den Ewig-Gestrigen, wenn sie versprechen, unsere Welt würde wieder besser werden, wenn doch nur endlich alle Ausländer, alle Behinderten, alle Schwulen, alle Linken und alle Freigeistigen daraus verschwunden wären.

Damals musste Jeremia Gottes Wort verkündigen– ich sage dies bewusst. Er hat von Gott keine andere Alternative kommen und er ist tatsächlich in diesem Auftrag zugrunde gegangen. Er hat sich dafür eingesetzt mit Leib und Leben und er konnte trotzdem das Geschick seiner Landsleute nicht herum reißen. Im dem was wir als Menschen vermögen, sind wir ihm gleichgestellt. Wir reden von Gottes Liebe trotz aller Erlebnisse von Leid und Gewalt und Ungerechtigkeit, die die Menschen um uns herum machen müssen. Wir reden von Gottes Hilfe, obwohl wir keinerlei Beweise bringen könnten, die diejenigen, die nicht vertrauen können, überzeugen würden. Kein Wunder durch ein Fingerschnippen, keine Heilung durch ein Handauflegen. Nichts dergleichen. Und dennoch weisen wir auf Gottes Güte hin. Gott selbst wird sein Ziel am Ende der Zeit erreichen und alle Menschen in den Blick bekommen. Deswegen bleibt uns heute, mit der Gewissheit, dass Christus nicht umsonst gestorben ist, anders als Jeremia zweierlei zu tun. Wir dürfen beharrlich Zeugnis geben von der Hoffnung, die in uns ist. Wir dürfen von der Liebe reden, die wir im Vertrauen auf Gott selbst erfahren haben. Wir dürfen von dem Grund reden, der uns gelegt worden ist, damit wir ein Fundament haben, von dem aus wir unser Leben betrachten können. Und das Zweite ist das, was so schön sinnbildlich an unserer Kanzel, auf der ich gerade stehe, abgebildet ist. Dort sehen Sie die Trauben als ein Zeichen, dass wir selbst Frucht bringen sollen, wenn wir dieses Gotteshaus verlassen und wieder in die Welt gehen. Frucht bringen dürfen wir, wenn wir darauf vertrauen, dass Gott allen Menschen Heil widerfahren lassen will. Wir dürfen ein Zeichen sein für das, was er uns geschenkt hat. Wir tun dies in aller menschlichen Gebrochenheit. Mir fällt es manchmal schwer, auf alle mit der gleichen Liebe im Herzen zuzugehen. Aber wir brauchen uns darin auch nicht zu überfordern. Aber in dem Nächsten, wie wir es in der Lesung gehört haben, immer auch Christus zu vermuten, das würde schon ungemein weiter helfen. Darin würden wir dann aufhören, selbst wie ein Hengst, der in die Schlacht stürmt, unseren blinden Lauf zu laufen. Sondern uns wieder ausrichten lassen an dem Wort der Liebe und der Barmherzigkeit, das Gott uns allen geschenkt hat.

Und der Friede Gottes, der uns zu unserem eigenen Heil geschenkt wurde, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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