Der heiße Draht

Liebe Gemeinde,

Sonntag für Sonntag werden Sie so angeredet. Vielleicht gibt es auch Pfarrer, die sagen: liebe Brüder und Schwestern. Aber in der Regel hat sich die liebe Gemeinde durchgesetzt. Aber so ganz korrekt ist diese Anrede eigentlich nicht. Es könnte nämlich jemand kommen, der sagt: was denn für eine Gemeinde? Ich bin heute etwas pingelig, deswegen sage ich das. Wechseln wir doch einfach mal den Ort. Nach Dresden, ins Dynamo-Stadion. Da wären wir mit vielen Tausend zusammen und als Stadionsprecher würde ich sagen: Hallo, liebe Dynamo-Dresden-Gemeinde. Oder wir fahren in die Stadthalle Chemnitz, da spielen grade Silbermond, die Band aus Bautzen und als Moderator sage ich: Liebe Fan-Gemeinde. In einer Zeitung las ich: demnächst kommt der neue alte Fiat 500 auf den Markt, er ist so kultig, er wird bald seine eigene Gemeinde haben.

Gemeinden sind also Ansammlungen von Menschen, die für eine Sache begeistert sind, durchs Feuer gehen, Lieder singen, feiern und manchmal auch die Sache anbeten. Bis zur Ekstase. Was eigentlich müsste ich zu uns, zu Ihnen sagen?

Liebe Gottes-Gemeinde, liebe christliche Gemeinde?

Was macht die Gemeinde erkenntlich? Dynamo-Fans haben den schwarz-gelben Schal, Silbermond die CDs und Autogrammkarten. Aber sie haben alle eins: sie sind erkenntlich an Liedern, am Jubel, am Kult. Wer im Dynamo-Block für Bayern schreit, kriegt ein Problem.

Beim Propheten Micha war auch die Frage der Menschen damals: wie sieht denn unser Kult aus. Im Konfirmandenunterricht frage ich manchmal: wie lebt eigentlich ein Christ, was macht der da? Was ist der Kult der Christen?

Wie kann ich mich Gott nähern, wie kann ich leben, dass Gott mich annimmt. Wie kann ich ihn erfreuen? Soll ich Opfer bringen, sogar meinen erstgeborenen Sohn opfern – so weit ging man damals.

Der Prophet Micha war richtig verzweifelt. Er hatte etwas gemerkt. Der Kult allein ändert nicht die Welt. Was kommt am Ende bei raus – leben Menschen dann anders miteinander? Kapitel vorher erzählt Micha, wie es zugeht, grausam zugeht. Es reicht also nicht aus, in den Tempel zu kommen, zu opfern, sich nieder zu werfen, seine Kleider zu zerreißen. Das ist noch nicht Gottes Gemeinde.

Und da findet Micha eine Antwort, die so einfach klingt und wohl doch sehr schwierig ist:

Der HERR hat dich wissen lassen, Mensch, was gut ist und was er von dir erwartet: Halte dich an das Recht, sei menschlich zu deinen Mitmenschen und lebe in steter Verbindung mit deinem Gott!

Du müsstest doch wissen, sagt er, was gut und nicht gut ist und was Gott von dir will. Mit Gott leben geht nur, wenn du versuchst, mit seinem Willen überein zu stimmen. Und dann kommen drei Dinge, die wichtig sind: Halte dich an das Recht, sei menschlich und bleibe in Verbindung mit Gott. Die Reihenfolge verstehe ich nicht ganz, denn ich meine, das Letzte müsste das erste sein. Denn wie will ich mich an das Recht halten, wie will ich menschlich bleiben ohne die Verbindung mit Gott. Wie kriege ich denn raus, was das Recht ist, wie schaffe ich es menschlich zu sein. Natürlich gebe ich mir Mühe, aber oft genug habe ich dann meine eigenen Vorstellungen. Das hat auch Israel oft genug erlebt, sie hatten ja die Gebote, sogar mit harten Strafandrohungen, Gott hatte sehr genau definiert, was Recht und Unrecht ist. Es gibt im Alten Testament über 600 Gebote und Gebötlein, die das ganze Leben bis ins Kleinste regeln. Und auch wir Deutschen sind ja ein Land, in dem vieles bis ins Kleinste geregelt ist. Wir könnten phantastisch leben. Und trotzdem ging es immer und immer wieder schief. Es ist wie als brauchten wir einen heißen Draht zu Gott, um das richtige Recht und die richtige Menschlichkeit zu finden.

Was sind wir für eine Gemeinde, was ist der Kult der Christen? Man könnte fast sagen: so wie bei anderen Fans – nämlich so viel wie möglich mit Gott Verbindung zu halten. Nur, dass Gott kein Schlagerstar, kein Club oder Auto ist. Also noch viel besser. Nur ob die Fans manchmal nicht die bessere Gemeinde sind. Ich hab mal in einer Volksmusiksendung im Radio eine Frau gehört, die dort anrief und erzählte, dass sie Woche für Woche den Randfichten hinterher fährt, quer durchs Land und manchmal erst früh zu Hause ist. Das hat mich beeindruckt, auch wenn ich kein Fan der Volksmusik bin.

Aber die Ausdauer, die Zeit, das Geld, ja man muss ja sagen: die Liebe, die manche opfern und einsetzen, nur um ihrer Gruppe nahe zu sein – es geht also. Wäre das nicht ein Modell für uns? Fans von Gott, wäre das nicht eine gute Anrede für uns? So in Klammern jedenfalls? Und Micha sagt dazu: das verändert die Welt. Die Verbindung zu Gott lässt uns so leben, dass es unter uns anders zugeht. Könnten nicht Christen sogar so eine Art Mustergruppe für die Gesellschaft sein? Mir fällt ja auf, dass wir einerseits statistisch weniger werden. Andererseits das Interesse an der Kirche sehr groß ist. Nicht, dass sie in Scharen in den Gottesdienst kommen, aber dass viele Menschen so von außen schauen, wie sind denn die? Wie leben denn die? Und ich hoffe und wünsche es mir, dass sie das an uns erleben, an uns sehen, dass wir Fans von Gott sind, die wissen, wo es lang geht, die Menschlichkeit verbreiten und das alles, weil sie einen heißen Draht zu Gott haben.

drucken