Abrechnung

Liebe Gemeinde,

für viele Träumer, Idealisten, Gutmenschen und Berufschristen ist es fast eine Ehrensache das Himmelreich auf Erden anzustreben. Mit der Bergpredigt als Grundgesetz und mit Jesus als Oberhaupt dieses Reiches. Diese Menschen sind überzeugt, dass Gott das für uns so haben will – denn, falls dieses Reich errichtet würde, bedeute das das Ende all unserer Sorgen. Und tatsächlich, was wäre schöner, als ein Reich, in dem wir uns alle lieb haben, wo wir vom Gedanken geleitet werden, Milde vor Recht walten zu lassen, Vergebung vor Strafe. Irgendwann, so die Schlussfolgerung dieses Denkens, werden alle Übeltäter und alle Sünder aufhören Böses zu tun – wenn sie nur konsequent genug von Güte und Barmherzigkeit umgarnt werden …

Und genau so scheinen diese Menschen auch das Gleichnis Jesu über das Himmelreich in der Erzählung über den Schalksknecht zu interpretieren… Aber – stimmt das auch wirklich?

Hören wir uns an was im 18. Kapitel des Matthäusevangeliums über Gnade und Vergebung steht:

[TEXT]

Liebe Gemeinde,

stimmt das auch wirklich, dass, wenn sich alle wie der König im gerade vorgelesenem Gleichnis verhalten würden, und wenn alle Menschen auf Erden sich als Brüder betrachteten und sich gegenseitig siebzigmal siebenmal vergeben würden- stimmt das, dass wir dann das Himmelreich auf Erden hätten?

Ich mache es kurz und klar: nein, das stimmt nicht, und es ist auch nicht möglich.

Menschlich nicht und auch theologisch nicht.

Menschlich nicht, weil wir auch schon kulturell bedingt völlig unterschiedliche Auffassungen habe, was richtig ist und was falsch. Grundsätzlich stimmen wir überein, dass das Töten ein Verbrechen ist, aber in manchen Länder ist die Todesstrafe erlaubt und sogar mehr: in China und Iran z.B. werden viele dieser Hinrichtungen öffentlich vollzogen und ganze Schulklassen erhalten Einladungen dazu in der ersten Reihe.

Das Lügen grundsätzlich nicht richtig sein kann, darüber sind wir uns einig- aber wie Lüge definiert wird- da streiten sich die Geister. Eine Notlüge hier, eine Zurückhaltung von Informationen da, gelegentlich eine ‚Interpretation’ der Wahrheit – das kommt immer wieder vor.

Und so geht es weiter- alle Gebote der Bibel können interpretiert werden- zwischen Liberalen bis zu den Fundamentalisten liegen Welten. Und wer mit der Bibel nichts zu tun hat, sondern sich am Koran oder andere religiöse Schriften orientiert, oder vielleicht nur an menschlichen Gesetzbüchern, der findet immer eine Untermauerung seiner Haltung: anderer Glaube, anderer Kulturkreis, andere Werte…

Und da ich schon die Bibel erwähnte- auch theologisch ist das Himmelreich auf Erden ausgeschlossen und nur in den wirren Köpfen mancher Apocalyptiker zu erwarten. Denn Jesus war in diesem Punkt klar als er sagte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Was also ist in unserem Gleichnis mit der Aussage gemeint: Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte …

Denn bei all den Worten Jesu über die siebzigmal siebenfache Vergebung der Sünde, am Ende der Geschichte wird der uneinsichtige Knecht, der unfähig ist, die erfahrene Gnade auf andere zu übertragen, bitter bestraft:

Hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war.

Wie gesagt, von der siebzigmal siebenmaligen Vergebung erkenne ich beim König nicht viel. Irgendwie scheint diese Geschichte einen Widerspruch in sich zu beinhalten, denn das, was Jesus von Petrus und so auch von uns erwartet, wird in der Geschichte nicht bestätigt! Und es ist auch gut so, denn wir sind nicht der König, sondern für uns steht in dieser Geschichte der Knecht als Identifikationsfigur.

Und was für den Knecht gilt, das muss nicht für den König gelten.

Warum das so ist, das kann bestimmt jeder von uns bestätigen: Wie viele haben nicht eine ganze Menge strengen Lehrern zu verdanken? Wie viele erinnern sich nicht an Machtworte der eigenen Eltern, die wir damals kaum verstanden und bejaht haben, aber jetzt, wo wir eigene Kinder haben, genau so übernommen haben? – Wie sie eben richtig waren! Und so verändert sich die Sicht über manche Bestrafung und Zurechtweisung: wenn sie Gutes bewirkt haben, erscheinen sie uns als leuchtendes Beispiel in unserer eigenen Lebensgeschichte!

Und so sieht jeder von uns ein, dass der König richtig gehandelt hat, als er den uneinsichtigen Schalksknecht bestrafen ließ.

…und doch, am Anfang wollte er Gnade vor Recht walten lassen und hatte Erbarmen mit dem Knecht und ließ ihn frei und die Schuld erließ er ihm auch. War diese Milde vielleicht ein Zeichen der Schwäche? Oder ein Zeichen der Nachsicht? War sie Leichtgläubigkeit oder gar Gleichgültigkeit und Desinteresse? Vielleicht wollte der König so seinen Knecht zu einem bessern Menschen erziehen!

Leider erzählt uns Jesus nichts darüber.

Wie auch immer, der Plan misslang. Der Knecht blieb wie er war: ein hartherziger, fantasieloser und eigensüchtiger Mensch. Und dafür wurde er bestraft. Und eines sollen wir uns merken: Nur ein mal hatte ihm der König eine Chance gegeben, einmal seine Geldschuld –die auch eine Schuld ist- verziehen.

Liebe Gemeinde, wenn das Himmelreich tatsächlich diesem König, der mit seinen Knechten abrechnet gleicht, dann müssen wir uns aber auf etwas gefasst machen, denn warum sollte uns, warum sollte mir Gott verzeihen- und das sogar siebzigmal siebenmal?

Zuerst ein Wort zu dem „siebzigmal siebenmal“. Das ist eine Redewendung und will sagen: „sehr oft, unzählige Male“. Und noch ein zweites: Keineswegs steht in diesem Gleichnis der König für Gott! Denn das würde tatsächlich bedeuten, dass für Gott andere Maßstäbe gelten- und wenn es so wäre, welche Glaubwürdigkeit, welche Bedeutung würde die Tatsache noch für uns haben, dass er zu uns als Mensch gekommen ist um als Jesus Christus zu leiden, zu sterben und uns gleich zu sein?

Jesus sagt uns in diesem Gleichnis, dass wir genau so wie der König handeln sollen! Dass wir uns auf die Bedürfnisse unserer Mitmenschen einlassen müssen aber nicht nur aus reiner Liebe, Nachsicht oder falsch verstandener Schwäche- sondern mit der Absicht, mit Verstand zu helfen, aktiv bei einer Veränderung mitzumachen- um Einsicht und eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Dass das keine leichte Sache ist, macht unser Gleichnis deutlich! Und wie oft wir das tun sollten: Auch hier ist die Antwort deutlich: eben, siebzigmal siebenmal! Denn das tut Gott auch mit uns. Aber nicht unabhängig von meiner Haltung, nicht wenn ich nicht erkannt habe warum er es tut und warum ich gesündigt habe.

Denn das hat immer mit Unglauben zu tun und daraus entsteht Sünde. Die eigene Sünde zu erkennen und daraus eine Entscheidung zu treffen sich zu ändern, ist der Anlass für Gott, immer wieder mit uns neu anzufangen.

Das und nichts anderes, liebe Gemeinde, ist das, was ich unter der Redewendung „Himmelreich auf Erden“ verstehe. Die Art und Weise wie Gott mit uns umgeht als Maßstab, wie wir miteinander umgehen sollten- als Eintrittskarte für das tatsächliche „Reich Gottes“, das für uns alle, so, am Ende der Zeit, offen ist!

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