Lieben heißt wissen, was dem anderen weh tut

Liebe Gemeinde,

in seinem Gedicht: „Diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war“ (Hanser, 1985), schreibt Botho Strauß über die Freundschaft:

 

„Freundschaft ist immer erzählen und fragen,

ist ohne Begierde, ohne erkennbaren Vorteil, ohne Erklärung

einander versprochen sein aus tausend Gesprächen.

Ist: mutig, jeder an freier Stelle, sein Amt erkennen,

weil Verstandensein ihm Vernunft eingibt

und Klarheit schafft, wo das Gestöber der Gegner beginnt. 

Ist: sein Besuch in der Nacht und langsam

das Geständnis hören:

Ich muss mein Haus verlassen,

nimm mich auf!

und mit einem Teil des Lebens

noch einmal von vorn beginnen –

Anwesend sein und es bemerken,

wenn sich ein Rätsel löst und ein Mann klug

wird durch Treue, die er erfuhr, und nicht mehr

der Zwietracht bedarf, um seinen Scharfsinn zu prüfen.“ (S.38)

Schön, nicht?, wie da einer in die gleiche Richtung denkt, wie der Jesus von Nazareth, in dessen Mund wir das Wort Freundschaft ganz selten finden. Schwestern und Brüder haben sich die Jünger schon in der alten Kirche lieber genannt. Und die Kirchengeschichte beweist auf vielfältige Weise, dass Geschwister nicht immer Freunde sein müssen und das familiäre Gerede in der Kirche nicht mehr, sondern leider oft weniger als Freundschaft bedeutet. 

Und darum spitzen wir die Ohren, mit einer gehörigen Portion Sehnsucht im Herzen, wenn das Wort Freundschaft fällt. Denn ach, wir wissen es alle aus eigener Erfahrung: Nicht überall wo Freundschaft draufsteht, ist auch Freundschaft drin. 

Die Parteifreunde haben ein wachsames Auge auf ihren eigenen Vorteil und brauchen die Zwietracht um ihren Scharfsinn unter Beweis zu stellen. Vergessen wir auch die Freunde, die der verlorene Sohn hatte, als sein Geldbeutel noch voll war und bevor er bei den Schweinen landete: Die Freundschaft der Erfolgreichen, Gesunden und Schönen, in der die wenigsten alt werden. Freunde, die kondolieren, wenn man pleite, die Ehe kaputt ist und die Krebsoperation bevorsteht. Die siehst du nicht wieder. Für die bist du schon gestorben. Oder die alten Schulfreunde, die sich alle heilige Zeit einmal treffen, um sich ihr Auto, ihr Haus und ihre Familie zu zeigen und wie gut sie sich doch gehalten haben im Ansturm der Jahre. 

Wie schwer ist es einen wahren Freund zu finden und wie schwer ist es ein wahrer Freund zu sein? Groucho von den Marx Brothers hat einmal gesagt: „Es würde mir nicht im Traum einfallen, einem Club beizutreten, der bereit wäre, jemanden wie mich aufzunehmen.“ Tja, einen wahren Freund finden ist eine Sache. Geliebt zu werden ist nicht weniger mysteriös. 

Aber genau dieses Mysterium mutet uns Jesus zu. Die Wahl der Freunde, die nimmt er uns ab: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt, sagt er ohne wenn und aber. Für die Freundschaft Gottes kann man nichts vorweisen. Man kann sie sich nur gefallen lassen. Und das fällt Leuten, wie Groucho schwer, die ihrem eigenen Urteil über sich selbst mehr zutrauen, als dem Urteil anderer über sie. Ich bin dein Freund, sagt der Christus, weil ich für dich sogar mein Leben gegeben habe. Mehr Freundschaft geht nicht. Denk nach, was du sagt, wenn du sagst, Gott wäre für dich gestorben, wegen dem Leid in der Welt und dem Terror und dem Hunger und dem Krieg. Ja eben, du alter atheistischer Gottesbekenner! Diese Welt leidet, weil sie keine Freunde hat. Schaut her, hier ist er: Der Gott, der ein Freund der Welt ist. 

Was für eine Glücksgänsehaut muss man kriegen, über einen unverhofft entdeckten Freund, der seine Freundschaft durch dick und dünn bewiesen und beschlossen hat, bevor man irgendetwas davon wusste: Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden. (EG 37/2)

Aber vielleicht kommt nicht nur Groucho ins Grübeln über jedes unverhofft strahlende Lächeln, jede Geste der Freundschaft, jeder Berührung der Liebe. Wo ist der Haken? Was ist der Preis? Und er wird vielleicht schnell fündig in unserem Predigttext: Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe. Aha, sagt der Skeptiker, sei lieb!, das sagt meine Frau auch manchmal und sie meint damit, das ich jetzt machen soll, was sie will. Lieb ist, wer ihren Willen erfüllt. Und dann kann sie auch ganz furchtbar lieb sein. Eine Hand wäscht die andere.

 

Ich bin auf eine kleine chassidische Geschichte gestoßen. Der Rabbi erzählte seinem Schüler: „Die Erkenntnis wahrer Nächstenliebe verdanke ich einem Gespräch zweier Dorfleute, denen ich zuhörte.

Erster: Sage mir Freund Iwan, liebst du mich?

Zweiter: Ich liebe dich sehr.

Erster: Weißt du, Freund, auch, was mir wehtut?

Zweiter: Wie kann ich denn wissen, was dir weh tut?

Erster: Wenn du nicht weißt, was mir weh tut, wie darfst du auch nur sagen, dass du mich liebst?

Verstehst du“, führte der Rabbi aus, „lieben, wirklich lieben, heißt wissen, was dem anderen weh tut.“ („So soll man Geschichten erzählen“, Herder, 1985, S.40)

Wissen, was dem anderen weh tut …. so wie in der Freundschaft, die der Schriftsteller beschreibt, wo der eine in der Nacht kommt, und ein Obdach braucht. So wie der Christus, der gekommen ist, um zu suchen und nach Hause zu bringen, was verloren ist, koste es, was es wolle. Der die Gebote seines Vaters hält aus der Liebe heraus, die weiß, was Gott weh tut. Und was wären das für Freunde der Schöpfung, die nicht wissen, was der Schöpfung weh tut?

Wissen, was dem anderen weh tut, das ist Freundschaft, die aufhört der Knecht fremder oder eigener Vorteile und Zwecke zu sein. Das ist aufgeklärte Freundschaft, die in der Kategorie der Freiheit handelt: Freundschaft, die klug macht, durch Treue, die man erfuhr. Freundschaft, die Achtsamkeit lernt, weil sie um den anderen weiß: Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan. Die Dreieinigkeit Gottes als Urbild aller Freundschaft? Warum nicht! Jesus zeigt seinen Jüngern, wie diese Freundschaft hinausfließt und andere zu Freunden macht. Und vielleicht ist die Freundschaft unter Christenmenschen um so dürftiger, je weniger wir der Freundschaft Gottes zu seiner Welt trauen.

Lassen wir den Dichter noch einmal zu Wort kommen: 

„Soviel und weit Besseres ließe sich sagen

über die Freundschaft jetzt schon. Doch weiß

ich erst, wie viel mehr sie ist, wenn ich dereinst

der Worte, sie zu rühmen, nicht mehr mächtig sein werde,

und selbst der Erinnerung nicht. Wenn dann meiner Stummheit

vieldeutiges Taumeln die anderen ratlos macht und

meine ungeschickte Anlehnung ihnen zur Last wird,

die sie lächelnd ertragen.“ (a.a.O. S.39)

Auch das wird ein Stück unseres Lebens sein. Und wohl dem, dem sich auch dann noch wahre Freunde offenbaren. Und Gott selbst als wahrer Freund, in dessen Hand wir uns lehnen, um mit dem Leben noch einmal von vorn zu beginnen …

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