Wissen, was dem anderen weh tut

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de" target="_blank">e-pistel – die aktuelle Predigtmeditation!</a>]</i>

Liebe Gemeinde!

Eine Legende erzählt von einem jungen König, der nach dem Tode seines Vaters die Regentschaft über sein Königreich übernahm. Weil er das Land gut regieren wollte und außerdem sehr wissbegierig war, bat der junge König die Weisen seines Landes: „Tragt alles Wissenswerte über das Leben zusammen.“

Die Gelehrten machten sich fleißig an die Arbeit und legten nach 40 Jahren ihre Studien in tausend Bänden vor. Der König war inzwischen 60 Jahre alt. Er bat die Gelehrten, weil er die tausend Bücher nicht mehr alle lesen könne, das Wichtigste herauszuschreiben. Nach zehn Jahren hatten die Weisen ihre Einsichten in das Leben in hundert Bänden zusammengefasst. Der König sagte: „Das ist noch zu viel. Mit siebzig Jahren kann ich nicht mehr hundert Bände studieren. Schreibt nur das Allerwichtigste!“

Die Gelehrten gingen wieder an die Arbeit und brachten das Allerwichtigste in einem einzigen Buch zusammen. Damit gingen sie zum König. Doch der lag schon im Sterben und wollte nur noch von den Gelehrten das Wichtigste aus ihrer Arbeit erfahren.

Da fassten sie das Wichtigste in einem einzigen Satz zusammen und sagten: „Die Menschen leben, suchen das Glück, leiden und sterben; und was wichtig ist und überlebt, ist die Liebe, die empfangen und geschenkt wird.“

Liebe Gemeinde, was bleibt von dem, was Sie und ich uns einmal alles erträumt und erarbeitet haben? Was bleibt, wenn wir überhaupt einmal aus diesem Leben scheiden müssen?

Antwort: Die Liebe, die wir empfangen und geschenkt haben.

Darum geht es auch in dem Predigttext.

[TEXT]

"Bleibt in meiner Liebe!" Der Evangelist Johannes setzt alles daran, die Gemeindeglieder zum Bleiben zu veranlassen. Er will ihnen klar machen, was sie an Jesus haben. Und er zitiert ihnen Worte Jesu, die ich nur dem Sinn nach wiedergebe: Ich hab‘ euch lieb. Meine Liebe sei eure Bleibe, eure Glaubens- und Handlungsheimat. Christ sein heißt: im Sinne Jesu zu glauben und zu handeln. Aber was heißt das konkret? Die Gemeinde wird an Jesu Gebote erinnert: "Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe." Mit Gottes Geboten sind wohl die 10 Gebote gemeint, aber was ist Jesu Gebot? Hören wir dazu noch einmal Vers 12: "Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe."

Liebe ist ein großes Wort. Wo sie zwischen zwei Menschen besteht, wird die schönste Erfüllung erlebt. Wir alle suchen nach Liebe. Aber sie erscheint oft abgenutzt wie in den Bäumchen-wechsel-dich-Serien des nachmittäglichen Fernsehprogramms: er mit ihr und sie mit einem anderen u.s.w., u.s.f. Um diese Liebe geht es nicht, wenn Jesus von ihr spricht. Aber wie hat er seine Jünger und die Menschen geliebt? Schlagen wir in der Bibel nach, dann finden wir dies: Liebe ohne Ansehen der Person. Jesus schaut weder nach dem Äußeren, nach Schönheit, noch nach gesellschaftlichem Status und Geld, noch nach Ausbildung und Beruf. Er ist zu den Kranken, Traurigen und Einsamen gegangen, zu Menschen aller Altersstufen, zu Heiden und Sündern. Er hat die Menschen so angenommen, wie sie waren. Im Akzeptieren und Mit-ihnen-Umgehen lag und liegt sein Lieben. "Folge mir nach", so hat Jesus zu Zachäus, dem Zöllner, zu Petrus und Andreas und vielen anderen gesagt – und er sagt es bis heute zu uns. Jesu Lieben liegt darin, dass er in je dem Menschen ein Geschöpf Gottes sieht. Dostojewski hat das sehr schön und treffend formuliert: "Einen Menschen lieben, heißt ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat."

Für uns bedeutet das: anerkennen, dass der Mensch neben mir ein Geschöpf Gottes ist, auch wenn seine Nase mich stört und seine Reden mich aus der Fassung geraten lassen. Als Christ oder Christin habe ich den anderen Menschen als Geschöpf Gottes zu sehen. Wer bin ich denn, dass es mir zusteht, dem anderen die Liebe Gottes abzusprechen oder seine Geschaffenheit durch Gott?!!!

Zu lieben, in der Liebe zu bleiben, bedeutet im Grunde zu allererst: im Geliebtwerden zu bleiben. Unsere Liebe entsteht, weil wir zuerst geliebt, akzeptiert und für gut befunden worden sind – nicht von irgendjemand, sondern zuallererst von Gott. Dafür, dass wir von Gott für gut befunden worden sind und also von ihm geliebt werden, tragen wir Menschen alle ein sichtbares Zeichen an uns. So erzählt es zumindest eine Geschichte mit einem Augenzwinkern. Dieses Zeichen ist unser Bauchnabel. Und warum? Ganz einfach: Wenn Gott einen Menschen erschafft, betrachtet er hinterher immer sein fertiges Werk. Und wenn er es schließlich für gut befindet, dann streckt er seinen Zeigefinger aus und berührt die Bäuche seiner Geschöpfe. Und dann sagt er zu einem jeden fertigen Werk: Du bist fertig! Du bist fertig! Du bist fertig! Jeder von uns hat seine Stärken und Schwächen und natürlich auch seine Macken. Und trotz allem hat Gott jedem von uns sein Bauchnabel-Gütesiegel verpasst. Paul Gerhardt hat diese Erfahrung in einem seiner Lieder (Ich steh an deiner Krippe hier) so beschrieben: „Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“ (EG 37/2)

Ich glaube, weil Gott uns so geschaffen hat, wie wir eben sind und wir von ihm akzeptiert sind, sollten wir auch den anderen Mitmenschen mit seinem Bauchnabel akzeptieren. Und gerade deshalb brauchen wir uns nicht mit Fragen und Sorgen zu quälen, was andere wohl von uns halten. Gerade deshalb brauchen wir auch keine Bauchnabelschau zu halten. Wir alle sind geliebt von Gott. So entsteht aus dem Geliebtwerden die Liebe zum Nächsten, wie sie Jesus uns gebietet.

Bleibt in meiner Liebe und liebt euch untereinander! Das ist Jesu Gebot und mahnende Erinnerung für uns in den Gemeinden und im Privatleben im Glauben und Handeln. Vielleicht nehmen wir uns an diesem Sonntag vor, unsere Nachbarn so zu sehen, was wir selbst sind, – nämlich Geschöpfe Gottes, die von Gott geliebt werden.

Bleibt in meiner Liebe und liebt euch untereinander!

Eine kleine chassidische Geschichte hat mir einen weiteren Gedanken nahe gebracht.

Der Rabbi erzählte seinem Schüler:

„Die Erkenntnis wahrer Nächstenliebe verdanke ich einem Gespräch zweier Dorfleute, denen ich zuhörte.

Erster: Sage mir Freund Iwan, liebst du mich?

Zweiter: Ich liebe dich sehr.

Erster: Weißt du, Freund, auch, was mir wehtut?

Zweiter: Wie kann ich denn wissen, was dir weh tut?

Erster: Wenn du nicht weißt, was mir weh tut, wie darfst du auch nur sagen, dass du mich liebst?

Verstehst du“, führte der Rabbi aus, „lieben, wirklich lieben, heißt wissen, was dem anderen weh tut.“ („So soll man Geschichten erzählen“, Herder, 1985, S.40)

Wissen, was dem anderen weh tut …, auch das gehört zur Liebe.

So hat Jesus in Wort und Tat gehandelt, um zu suchen und nach Hause zu bringen, was verloren ist, koste es, was es wolle. Darum hat er sein Leben dahingegeben –aus lauter Liebe zu uns Menschen. So haben sich immer wieder Menschen aus Liebe zu ihren Mitmenschen eingesetzt, oft über ihre Kräfte hinaus. Und doch haben sie dabei erfahren, welch unendliche Kraft aus dem Bleiben in der Liebe zufließt. Ein Mehrwert den der Liederdichter Philipp Spitta so beschreibt:

Bei dir, Jesu, will ich bleiben,

stets in deinem Dienste stehn;

nichts soll mich von dir vertreiben,

will auf deinen Wegen gehn.

Du bist meines Lebens Leben,

meiner Seele Trieb und Kraft,

wie der Weinstock seinen Reben

zuströmt Kraft und Lebenssaft.

(EG 406,1)

Noch einmal: ein Leben in Liebe macht Freude und hat Ewigkeitswert. Darum endet Jesus mit der eindringlichen Bitte: „Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.“

drucken