Liebe ist …

Liebe Gemeinde,

Jesus redet mit seinen Freunden. Johannes überliefert ein langes Gespräch. In dem gibt Jesus den Freunden seine Gedanken weiter. Er bereitet sie vor auf später – wenn die Zeit vorbei ist, wo sie täglich mit ihm zusammen sein können. Später werden sie eine Gemeinde sein. Da ist etwas, das Jesus für so wichtig hält, dass er es seinen Freunden zum Abschied unbedingt mitgeben will. Die Rede steht im 15. Kapitel. Unsere Verse sprechen von der Liebe.

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<b>1. Liebe ist …</b>

Kennen Sie auch noch diesen Satzanfang, Liebe ist …? Er war auf Briefpapier, Bettwäsche, Tassen und so weiter. Das ist schon ein paar Jahre her. Natürlich ging der Satz auch weiter, viele Variationen gab’s. Ich hab’ mal ausprobiert, ein bisschen unter uns herumzufragen, was da heutiger Meinung nach stehen sollte.

Liebe ist …

– wenn man sich ohne Worte versteht

– Leidenschaft

– Teilen

– Vertrauen

– Selbst das leckerste Stück Kuchen zu teilen

– Mit ihr shoppen zu gehen

– Nichts sagen zu müssen vor der ersten Tasse Kaffee.

Was bedeutet für Sie „Liebe“? Viele Menschen, vielleicht die meisten, halten Liebe für unentbehrlich. Lieder und Gedichte sprechen von Liebe und von der Sehnsucht, durch Liebe das Glück zu finden. Doch es gibt auch nicht wenige, die vor dem großen Wort kapitulieren. Liebe ist auch schwer, manchmal zu schwer. Bert Brecht sagt: „Liebe ist gut. Doch Liebe ist schwer. Liebhaben von Mensch zu Mensch – das ist vielleicht das schwerste, was uns aufgegeben ist.“ Sieht Bert Brecht die Sache klarer als die verträumten Romantiker, denen Liebesgefühle einfach so zufallen? Ich glaube auch, dass Liebe schwer sein kann. Wir können wohl nicht davon ausgehen, dass Liebe einfach jedem zugänglich ist, zum Beispiel wie eine Ware im Kaufhaus. Sobald sie eine käufliche Sache wird, ist sie ja keine Liebe mehr. Liebe einfach üben – geht das, lieben, einfach aus freiem Willen oder gar aus Pflichtgefühl? Wie entsteht Liebe? Wie wird man selbst fähig zu lieben?

Was hat denn Jesus gesagt nach dem Johannesevangelium und welchen Weg hat er seinen Freunden und Freundinnen beigebracht?

Ist es nicht eigenartig, dass Jesus ein Gebot gibt? – „Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.“ Liebe kann man doch nicht befehlen, oder?

<b>2. Liebe kann man doch nicht befehlen</b>

Die Liebe – ein Gebot? Sollen wir das hören und uns einschärfen, unserem Gewissen beibringen, es aufschreiben, lernen, wissen und tun … Ist so etwas machbar? Kann man Liebe befehlen? Wie „du sollst nicht lügen, nicht stehlen, nicht töten…“? Ist das nicht, wie wenn einem befohlen wird einzuschlafen? Gerade dann stellt sich der Schlaf bestimmt nicht ein. Der Schlaf lässt auf sich warten, er kommt spontan oder eben auch nicht. Liebe ist genauso spontan und nicht frei verfügbar. Nein, über den Weg zur Liebe erfahren wir an dieser Bibelstelle nichts. Dass hier Liebe zum Gebot wird, wirft eher noch mehr Fragen auf.

Und wen sollen wir lieben? Das Wörtchen „untereinander“ mag bei den Freunden Jesu ein kleines Grüppchen gemeint haben, die paar Jünger und Jüngerinnen. Heute sind das viele. Heute geht es bei dem „untereinander“ um nichts Geringeres als die Kirche. Liebe deine Kirche wie dich selbst – kann ich das, will ich das? Das ist es aber, was Jesus im Grunde hier verlangt. Jesus gibt dieses Gebot, „dass ihr euch untereinander liebt“. Die Jüngerinnen und Jünger meint er und weiter gedacht, die Gemeinde, ja die Kirche im Ganzen.

Von alters her hat die Kirche diese Worte aus dem Johannesevangelium sogar am Pfingstmontag, dem Fest des Heiligen Geistes und der Kirche gepredigt. Zum Nachdenken über die Kirche werden wir auch jetzt wieder kommen. In dieser Woche feiern die lutherischen Kirchen in der Welt das Reformationsfest.

So wenig selbstverständlich es ist, auf Jesu Gebot hin, zur Liebe fähig zu werden, so wenig einleuchtend ist es, fürchte ich, ein so unförmiges, wenig liebenswertes Gebilde wie die Kirche zu lieben. Es klingt sogar ein wenig unevangelisch, betonen wir doch sonst gerne, wie wichtig der und die Einzelne sind.

<b>3. Liebe mit Leidenschaft</b>

Begeben wir uns also auf Spurensuche. Gesucht ist eine aufrichtige spontane, vielleicht sogar leidenschaftliche Liebe zur Kirche. Vielleicht ist Martin Luther selbst jemand, der seine Kirche liebte. Er wurde nicht von ihr wieder geliebt. Wie ist es mit den Pfarrern und Pfarrerinnen, die praktisch ihr ganzes Leben auf den Dienst an der Kirche ausgerichtet haben? Von manchen sagt man ja, die sind mit der Kirche verheiratet. Für die anderen, die Laien und Ehrenamtlichen kann das nicht unbedingt als Vorbild dienen. So wie wir sind, Frauen und Männer, lieben wir unsere Ehepartner, unsere Kinder und Freunde und bestimmt auch einige materielle Dinge, dazu die Arbeit und den Ort, wo wir leben, unsere Heimat … Gut, dass wir das alles lieben können. Ein Gebot muss uns dazu in der Regel nicht auffordern. Wir können es einfach. Wir können lieben.

Was mir jetzt fehlt, ist ein lebendigerer Begriff von Liebe zur Kirche. Ich will die Spurensuche fortsetzen, zurück zur Bibel. Da gibt es ein ganzes biblisches Buch, das überraschenderweise als Liebesgespräch zwischen der Kirche und Gott aufgefasst wurde – das Hohelied der Liebe. Zu hören ist da Liebespoetik vom Allerfeinsten. Die Geliebte schwärmt von der Schönheit ihres Freundes, er findet wunderbare Worte, um seine Freundin für sich zu gewinnen. Ihre Liebe füreinander ist aufrichtig, unmittelbar, tief und frei von Berechnung. Die beiden sind voneinander hingerissen, sind füreinander bestimmt.

Die Freundin spricht: „Mein Freund ist mein und ich bin sein. … Meinem Freund gehöre ich und nach mir steht sein Verlangen.“ Und der Freund wundert sich: „Wer ist sie, die hervorbricht wie Morgenröte, schön wie der Mond, klar wie die Sonne, gewaltig wie ein Heer? … Wer ist sie, die heraufsteigt von der Wüste und lehnt sich auf ihren Freund? … Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn so dass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können.“

<b>4. In Gottes Liebe leben – mit seiner Liebe lieben</b>

So, meint die Tradition, ist die Liebe Gottes und seine Freundschaft mit der Kirche und die der Kirche mit Gott. Eine starke feurige Liebe geht von Gott aus und weckt Leidenschaft in dem Paar. Luther sagt, ein Backofen voller Liebe ist unser Gott. Bei Gott also nimmt alle Liebe ihren Anfang. Die seine zu uns ist unmäßig, unfassbar unmittelbar. Ohne Gottes Liebe wäre in der Welt keine Liebe. Sie ist schöpferisch und gibt uns Leben, sie ist erfinderisch und rettet Verlorene. Sie fordert uns heraus, uns mit ihm zu verbünden. Wenn Gott liebt – mich, die anderen, die Kirche und die Welt, dann soll ich eine mit ihm Verbündete sein, mit seiner Liebe mitlieben – mich, die anderen, die Kirche und die Welt. Wenn das überhaupt ein Gebot sein kann, dann ist das das einzige. Kein weiteres Gesetz ist da mehr notwendig. Dann ist das die Wirklichkeit, von der Menschen schon immer träumten. Aristoteles hatte diese Hoffnung, ohne dass er von Christus etwas gewusst hat: „Wenn auf der Erde die Liebe herrschte, wären alle Gesetze entbehrlich.“

Der Jesus im Johannesevangelium gibt tatsächlich keine Gesetze. Er gibt nur ein einziges Gebot: „dass ihr euch untereinander liebt.“ Erklärt es sich nicht fast von selbst, wie das zu schaffen ist? Liebe ist nicht machbar, sagten wir. Man kann sie nicht befehlen. Doch eine mit Gott Verbündete, ein Mensch, eine, die sich in Gottes Liebe hineinziehen lässt, wird durch diese Gottesliebe selbst lieben können. Die Liebe ist kein Werk und keine Leistung. Die Liebe geht nicht von mir selbst aus. Sie entsteht im Geflecht der Beziehung von Gott in ihm selbst und zur Welt. Gott, der dreieinige liebt in sich selbst: „Wie mich der Vater liebt“, sagt Jesus. „So liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!“ „Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“

<b>5. Das Hohelied der Kirchenliebe</b>

Das Hohelied der Liebe gibt es auch im Neuen Testament. Paulus dichtet im 1 Korinther, Kap. 13 ein Loblied auf die Macht der Liebe unter Christen. Ich möchte es Paulus nachmachen. Mein Gedicht spricht von der Hoffnung auf eine Kirche, die in der Liebe bleibt:

Wenn ich mit guten Argumenten und hoher Rhetorik für die Kirche streite und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein chinesischer Gong am Ende der Welt oder ein High-Hat in der Rockband.

Wenn ich politisch wirklich viel Ahnung hätte und mir die politischen Denkschriften der Kirche sorgfältig durchlesen würde und dazu so fromm wäre, wie die Frömmsten hier im Lande und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts und niemand.

Und wenn ich all mein Geld für Projekte gegen die Armut in Afrika einsetzen würde und die Umwelt durch viele Verzichtleistungen schonen und hätte die Liebe nicht, so würde mir das nichts nützen.

Die Liebe ist geduldig und freundlich, sie hört anderen zu und blickt auf sie mit ehrlichem Interesse. Die Liebe hält nicht das Eigene für besser, sie sucht im Anderen nicht ihren Vorteil. Die Liebe trägt erlebte Ungerechtigkeiten nicht nach, sie überwindet Enttäuschung und Verletzungen.

Die Liebe hört niemals auf. Kirchenamtliches hört auf mit seinen Personalplänen und den Finanzstrategien. Kirchliche Meinungen zur Tagespolitik sind vergänglich. Die Theologie der Hochschulprofessoren bleibt nicht bestehen.

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

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