Wollen wir gesund werden?

Es sind schon einige Jahre her, da besuchte ich in einer unserer Nachbar-Verbandsgemeinden ein älteres Ehepaar. Der Mann, er lag bestimmt schon weit über ein halbes Jahr im Wohnzimmer auf dem Sofa, denn er war, bedingt durch einen Schlaganfall, von Kopf bis Fuß gelähmt. Sich verbal mitzuteilen war für ihn unmöglich.

Der einzige Kontakt, der ihm möglich war, das waren seine Augen. Und damit der Mann nicht gänzlich vereinsamte, hatte ihn seine Frau mit dem Blick in Richtung Fenster gelegt. So konnte er wenigstens aus dem Fenster schauen. Und er konnte die vorbeifahrenden Autos sehen und das Lachen der vorübergehenden Menschen hören. Dinge unseres Lebens, an denen er nicht mehr teilhaben konnte.

Heute frage ich mich, was er wohl gedacht hat, wenn er immer wieder durch das Fenster auf die Straße und in das Firmament geschaut hat.

Das Schicksal des alten Mannes kann uns alle treffen. Die Krankheit ist dann nicht nur körperliches Leiden, nein, sie führt uns dann in die Einsamkeit und somit in die soziale Isolation. Dann brauchen wir Menschen, die uns in solchen Situationen Mut zusprechen. Echtes Mitleid, liebe Gemeinde, das vermissen viele Kranke.

Da stand ich nun in der Wohnzimmertüre. Der alte Mann, er konnte mich noch nicht sehen. Wie sollte ich ihm Mut zusprechen? Was sollte ich ihm sagen?

Seine Frau, die ihn pflegte, äußerte, dass das Schicksal ihnen hart mitgespielt hat und dennoch müssen wir uns fügen. Wir können nichts daran ändern. Aber Gott wird uns schon weiterhelfen. Darauf kann ich mich verlassen, dass er uns in all unseren Leiden uns nicht alleine lässt und uns immer wieder neue Kraft schenkt.

Liebe Gemeinde, da ist die Hoffnung einer einsamen Frau, einmal einen Menschen zu finden, der sich um ihren kranken Ehemann kümmert. Da ist die Hoffnung Verständnis und einen neuen gemeinsamen Anfang zu finden. Ja, das ist die Hoffnung von uns allen, auf Anerkennung und Liebe unserer Mitmenschen.

Auch unser heutiger Predigttext handelt von dieser Hoffnung und ihrer Erfüllung.

[TEXT]

Da liegen also unzählige Kranke in den fünf Hallen am Ort des Erbarmens, am Teich Bethesda. Alle warten auf das Wunder, das von oben kommt. Denn ein Engel ist es, der von Zeit zu Zeit das Wasser bewegt.

Wir können uns vorstellen, was geschieht wenn die Wellen schlagen: Von Erbarmen keine Spur. Dann beginnt das große Rennen zu dem Wasser des Teiches. Eine egoistische Jagd beginnt der eigenen Gesundung wegen. Und jeder ist sich selbst der Nächste. Alle, die laufen können stürzen zum Wasser. Gehbehinderte und Lahme schaffen es nicht, da andere schneller sind.

Ein Gelähmter, wartet schon seit 38 Jahren. Seine Chance, das Wasser zu erreichen ist äußerst gering. Und doch hat er nach 38 Jahren die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Vielleicht wird das Wunder einmal wahr. Vielleicht bringt ihn einer seiner Nächsten einmal nur zum Wasser, denn allein ist er hilflos.

Einer muss ihn zum Wasser tragen. Für ihn kann nur ein anderer das Wunder möglich machen. Auf diesen Moment wartet und hofft er seit 38 Jahren. Warten, liebe Gemeinde, das ist ein Zeichen von Hoffnung, ja, es ist ein Lebenszeichen. Wenn wir nichts mehr zu erwarten haben, dann sterben wir, dann haben wir keinen Grund mehr zum Leben.

Liebe Gemeinde, lässt sich das Bild von den unzähligen Kranken am Teich Bethesda, nicht auch in unsere heutige Zeit übertragen?

So unglaublich traurig und auch bitter für mich diese Geschichte von dem Mann ist, so denke ich, dass auch heute in vielen Dingen unseres Lebens dieses Warten auf den großen Augenblick, der mein Leben verändern wird an der Tagesordnung ist.

Wenn ich mal im Lotto gewinne, dann ändert sich mein ganzes Leben radikal. Diese Erwartungshaltung, diese Anspannung, das große Glück aus dem Jackpot zu ziehen, da legen viele von uns ihre Lebenshoffnung hinein. Ein bisschen Glück und Geschick reichen, mit ein paar hunderttausenden Euro in der Tasche, das eigene Leben zu verändern. Würden sie das nicht auch gerne mal versuchen?

Da liegen sie also, die unzähligen Kranken in den fünf Hallen am Ort des Erbarmens, am Teich Bethesda. Alle warten auf das Wunder, das von oben kommt. Und wenn die anderen feierten, dann konnten sie nicht dabei sein, die Blinden und die Lahmen. Oft warteten sie vergeblich auf ihre Heilung.

Aber bei allem Festtrubel in Jerusalem hat Jesus noch ein Auge für die Not dieser Menschen. Nicht den Festen dieser Welt, an denen Jesus mit Sicherheit auch gerne teilgenommen hat, sondern unseren Problemen und unseren Nöten schenkt Jesus seine ganze Aufmerksamkeit.

Und er wendet sich dem zu, für den Barmherzigkeit nur noch ein Fremdwort war. Ja, er wendet sich dem zu, der alle Hoffnung aufgegeben hat. Jesus gibt ihm das, auf das er 38 Jahre vergeblich gehofft hatte: Heilung.

Jesu Worte, liebe Gemeinde, sind keine kraftlosen Phrasen oder gar ohnmächtige Parolen, nein, das sind sie nicht. Sie erweisen sich voll von göttlicher Kraft. Ja, Gottes Wort schafft Leben und bringt Heilung für uns alle. Dieses Beispiel Jesu ist für uns alle hier eine Herausforderung. Denn die Barmherzigkeit, die wir von ihm erfahren haben, die sollen wir unseren Nächsten weiter geben.

Haben wir einen Blick für die Nöte und Sorgen unserer Nächsten? Kann Jesus heute auch noch so handeln? Kann er in mein Leben hinein, in unser Leben hinein genauso seine Wunder tun?

Bei Gott ist nichts unmöglich, hat Jesus gesagt. Das Unmögliche wird dort möglich, wo wir uns trauen, ihm unser Leben zu öffnen und wenn er uns fragt: Willst du gesund werden, oder: Was willst du, das ich dir tun soll?

Gottes Möglichkeiten übersteigen bei weitem unsere Phantasie. Aber er gibt uns Möglichkeiten, als Christen heilend zu wirken. Und wo wir, liebe Gemeinde, unter der Berufung auf Jesus Christus füreinander Zeit haben, uns einander zuwenden, da geschehen solche Heilungen.

Gott, er sieht die Hand dessen, der aufhilft, Jesus, der uns Kraft schenkt und uns zum Glauben und auch zum Leben ermutigt. Gott macht unser Leben und das Leben unserer Nächsten reich.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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