Steh auf und nimm dein Bett

<b>Liturg (vom Altar):</b> Noch einmal werden wir heute mit einem, eigentlich nicht nur einem, sondern unzähligen Kranken konfrontiert. Der heutige Predigttext führt uns mitten hinein in ein antikes Krankenhaus, die Zusammenballung unsäglichen Elends. Ein Ort, der auch für so manche Elendsorte unserer Zeit stehen kann.

Ich lese aus dem Johannesevangelium, Kapitel 5, die Verse 1-9:

[TEXT]

<b>Predigerin von der Kanzel (aus dem Erleben der Schwester):</b> Ich habe das irgendwann nicht mehr ausgehalten: Tag für Tag, Jahr um Jahr, immer dasselbe Elend mit meinem kleinen Bruder. Er kam und kam nicht auf die eigenen Beine. Ob das bei ihm von Geburt an so war? Ich weiß es gar nicht, ich erinnere mich an ihn jedenfalls nur so: Tag für Tag, Jahr um Jahr lahm und bewegungslos auf seiner Matte. 38 endlose Jahre! – so lang wie unsere Vorfahren in der Wüste warteten und warteten, dass die Freiheit, die sie sich nach dem Gebundensein in Ägypten ersehnten, endlich Wirklichkeit würde. Können Sie sich das vorstellen!?

– 38 Jahre Warten

– 38 Jahre seinem Schicksal ohnmächtig ausgeliefert

– 38 Jahre ohnmächtig zuschauen

Die Ärzte wussten auch nicht mehr weiter.

Ich geb’ zu, ich konnte es oft nicht mehr ertragen: nicht schon wieder über sein Leiden reden, nicht schon wieder seine Enttäuschung sehen, wenn eine neue Therapie nicht angeschlagen hat, nicht schon wieder seine Depression oder auch Aggression aushalten müssen. Ich wollte einfach auch unbeschwert leben, mein Leben – ohne ständig mit diesem Elend konfrontiert sein, und mich dabei auch oft schuldig fühlen, weil’s mir doch anscheinend so viel besser geht.

Da war ich wirklich froh, dass wir ihn jeden Tag dort rausbringen konnten. „Bethesda“ – „Ort der Barmherzigkeit“ – so sagte der Volksmund, für mich schon ein Hohn ballte sich doch dort alles Elend der Welt zusammen kein Leid, keine Not, die man dort nicht antreffen konnte, ein Kranker neben dem anderen. Tag für Tag, Jahr um Jahr – immer dasselbe Elend. Manchmal, ja, da war plötzlich ein Platz leer, „wieder ein anderer zuerst drangekommen“, so las ich dann abends im leeren Blick meines Bruders. „Nach gelungener Operation entlassen“, „wie durch ein Wunder wieder gesund“, Tja, selbst unter den Elendsten der Elenden immer noch der ständige Kampf um den ersten Platz! Selbst unter den Letzten der Gesellschaft immer noch das Motto: „wer zu spät kommt, bestraft das Leben!“ Ich kann nur ahnen, welch zusätzlichen Stress das für die Kranken bedeutet, ständig auf der Lauer sein zu müssen, wenigstens noch etwas vom Kuchen der Krankenversorgung abzubekommen.

Und mein kleiner Bruder? Ob er überhaupt noch Hoffnung hatte, dass er es einmal schaffen würde? Ich weiß nicht – aber manchmal flackerte so ein Licht in seinen Augen, als ob er die letzte Chance auf Veränderung noch nicht ganz aufgegeben hätte. Jedenfalls war’s ihm immer noch wichtig, dort zu sein – selbst nach dieser unendlichen Zeit des Wartens, nach diesen unzähligen Enttäuschungen.

Aber vielleicht war es ja auch das, dass er dort wenigstens unter Leuten war, die ihn verstehen konnten. Hier wussten die anderen wovon er sprach, wenn er über seine Ohnmacht, seine Hilflosigkeit, seine Wut und Verzweiflung klagte. Hier kamen seine Themen wenigstens vor.

Und ich war froh drüber, denn so konnten wir unser eigenes Leben weiterleben, ohne immer die andere Seite des Lebens vor Augen zu haben, ohne immer wieder darauf gestoßen zu sein, dass das ja auch ich sein könnte, die dort so liegt.

Aber deshalb war ich dann auch für jede Ausrede dankbar, die ich vorbringen konnte, um nicht dorthin zu müssen. Dort hielt ich es noch weniger aus, diese Ansammlung von Leid, diese geballte Ladung von Ohnmacht, und nichts machen können! Und ich weiß von anderen Angehörigen, denen ging es oft nicht anders – und die, die dann doch dort blieben, kämpften immer mehr mit dem immensen Druck, bei dieser Menge doch eigentlich keinem gerecht werden zu können.

Da hat es mich völlig umgeworfen, als ich eines Tages, an dem mich nicht drücken konnte -, dort neben meinem Bruder einen Fremden stehen sah. Da gab es einen, der keinen Bogen um diesen Elendsort machte, der nicht vor der Begegnung mit all dieser Not zurückschreckte, der sich vielmehr in seinem eigenen Leben unterbrechen ließ, obwohl er doch eigentlich gar nichts mit diesen Menschen zu tun hatte! Das hat mich geradezu beschämt, die ich doch viel mehr Grund gehabt hätte, hier zu sein.

Aber nicht nur dass da jemand bei da war, sondern wie er bei ihm war, hat mich tief berührt. Obwohl ich spürte, dass auch er diese Unzahl von Kranken wahrnahm, schien er sich von dem ganzen Elend nicht überwältigen zu lassen. Aber er rannte nicht hektisch von einem zum anderen. Er schien zu wissen, dass er nicht allen helfen kann – und dennoch: auf den einen vor seinen Füßen hat er sich eingelassen – meinen Bruder. Und in der Art, wie er sich zu ihm beugte, spürte ich: er war ganz – ganz bei ihm, sicher waren die anderen ihm nicht egal, aber jetzt war eben dieser eine für ihn wichtig.

Und dabei schaute er ihn an, als ob er seine ganze Ohnmacht, seinen verzweifelten Kampf um eine letzte Chance, aber auch seine tiefe Depression und Resignation kennen würde.

Umso mehr nahm mir dann sein erstes Wort fast den Atem. „Willst du gesund werden?“ Ja, was stellt der sich denn vor? Was sollte mein Bruder anderes wollen, als endlich, endlich wieder richtig am Leben teilnehmen zu können? Davon kann man doch selbstverständlich ausgehen, oder etwa nicht?!

Anscheinend nicht! – Das hab ich schnell gemerkt. Anscheinend ist ein klares JA gar nicht so selbstverständlich für jemand, der soo lang nichts anderes kennt, als ein gebremstes, behindertes, ohnmächtiges Dasein. Vielleicht weiß er ja gar nicht, oder gar nicht mehr, was das ist: gesund sein, was es bedeutet: auf eigenen Füßen zu stehen, für sich selbst sorgen und Verantwortung zu übernehmen. Und warum sollte er auch jetzt noch gesund werden? War doch sein Leben eigentlich schon gelaufen? 38 Jahre – futsch und vorbei. Was sollte jetzt noch kommen können?

Trotzdem: ich war schockiert, als mein Bruder nur jammernd vorbracht: „Ich hab’ keinen Menschen, der mich hinträgt…!“ Ist ja wirklich unerhört! Hat er etwa vergessen, dass wir ihn jeden Tag hierher bringen und abholen, nimmt er gar nicht wahr, dass wir alles Nötige für ihn tun und erledigen. Ist das etwa nicht genug? Was erwartet der noch mehr von uns?

Erst hab ich gehofft, dass dieser Fremde ihn so richtig schüttelt. Aber seine Reaktion war offensichtlich viel hilfreicher: gut, er ihn nicht hart zurecht gewiesen, wie ich das am liebsten getan hätte ihm aufgezeigt, was alles andere Menschen für ihn tun, aber er hat ihn auch nicht in seinem Jammern einfühlsam bestärkt, so in etwa „das ist ja auch ganz furchtbar…, was du so alles ertragen musst…“, Er hat ihm aber drittens auch nicht seine offensichtliche Erwartung erfüllt: „okay, bei der nächsten Welle, trag ich dich hin!“ Nein, von allen diesen möglichen Reaktionen, die ich ja selber ganz gut kenne, hat er keine gewählt.

Was statt dessen geschah, hat mir regelrecht den Atem genommen: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“, so reagiert dieser Fremde. Heute weiß ich: es war Jesus, Jeshuah – Gott hilft. Und ich hab durch ihn ganz neu gelernt, wie Gottes Hilfe aussehen kann. Ich hab es mir doch oft ganz ähnlich wie mein Bruder gewünscht. Nämlich dass einfach so ein Engel kommt, und für mich mein Leben wieder in Ordnung bringt.

Aber an meinem Bruder hat Jesus gezeigt, dass Gottes Hilfe anders aussieht „Steh auf! – Pack dein Krankenlager zusammen! Und tu eigene Schritte!“

Unglaublich! Der, der so lange passiv war und sein musste, soll wieder aktiv werden. Wie soll der das denn können? Ist das nicht eine unbarmherzige Erwartung? Ist Heilung denn etwas was Menschen machen können?

Doch das für mich unvorstellbare geschieht dann: Mein Bruder stand auf, nahm sein Bett und ging einfach weg!

Für mich war klar – und ich hab das irgendwie gleich gespürt, ich konnte es nur nicht so schnell fassen: In diesem „Steh auf!“ war eine Kraft verborgen, die weit mehr war, als was mir bisher begegnete. Es war als ob Jesus mit seiner Aufforderung ihm auch seine eigene Kraft – eben die göttliche Kraft – zur Verfügung stellte. Irgendwie kam mir die Schöpfungsgeschichte in den Sinn, wo es heißt: Und Gott sprach: „ es werde…“ und es war…“

Nach so manchen Gesprächen noch mit meinem Bruder, hab ich nach und nach vieles genauer begriffen, Wir können wirklich nicht das Gesund Werden machen, wie wir überhaupt heilvolle Entwicklungsprozesse in unserem Leben nicht machen können. Aber wir können gesund werden wollen. Und – wir können einverstanden sein, dass dabei nicht nur an uns etwas geschieht, sondern wir selbst ganz gefordert, und wir aktiv mitmachen.

Für meinen Bruder stand trotz allem immer fest: Jesus Christus ist der eigentliche Arzt, er ist es, der das Heil und die Heilung bracht. Mit ihm hat sein neues Leben begonnen.

Ich berichte Ihnen also nicht von einer Zauberheilung, aber auch nicht von einer Selbstheilung, und nicht einmal von einer Glaubensheilung.

Es war Jesu schöpferisches Wort, das meinen Bruder erreicht hat. Als es ihn erreicht, hat er ja wie ich selber noch nicht gewusst, wer Jesus ist, noch war für uns nicht klar, dass die Toten auferweckende Kraft Gottes in ihm wirkt.

Und dennoch ist es schon da passiert. Nein, es war nicht die gehorsame Befolgung der Anweisung Jesu, die ihn gesund gemacht hat. Aber ohne die gehorsame Befolgung dieser Aufforderung wäre Jesu Wort fruchtlos geblieben.

Mein Bruder stand auf – und hat erlebt: es geht – er kann gehen.

Nur eins – hätte ich bei meiner Begeisterung fast überhört und übersehen: Jesus sagte: steh auf und nimm dein Bett. Ich hätte das Bett viel lieber weggeschmissen, nichts mehr wollte ich mit all den schlimmen Tage und Jahre zu tun haben. Die Geschichte dieser schrecklichen Ohnmacht, Verzweiflung, Enttäuschungen einfach hinter mir lassen und ganz neu anfangen. Aber, das musste ich lernen – das geht nicht! Das was wir gelebt oder eben auch nicht gelebt haben, es wird auch in Zukunft zu uns gehören. Aber – und das ist ein ganz großer Unterschied: wir liegen nicht mehr auf der Matte, werden nicht mehr von ihr getragen, sondern wir tragen die Matte, wir sind nicht mehr Opfer unserer Geschichte, sondern wir leben mit unserer Geschichte. Bei meinem Bruder jedenfalls habe ich einen gewaltigen Unterschied erlebt! Klar war er gezeichnet von diesen langen Jahren, klar war ein ganz großer Tei, vielleicht sogar das Meiste seines Lebens vorbei, die 38 Jahre waren nicht mehr nachzuholen. Aber jetzt konnte er wieder leben. Er bekam die Chance, als vom Leben Gezeichneter die Regie wieder selbst zu übernehmen. Und diese Chance hatte er voll und ganz ergriffen.

Bei aller Begeisterung, was da mit meinem Bruder geschehen ist, bleibt doch ein scharfer Stachel bei mir hängen, den krieg ich einfach nicht raus: Und was ist mit all den anderen? Warum nur einer, warum nur mein Bruder?! Ist das nicht ungerecht? Da kommt Jesus und mit ihm die heilvolle Kraft Gottes, und so viele, unendlich viele liegen weiterhin in ihrem Elend!

Und auch heute – viele Jahre danach, habe ich noch keine wirkliche Antwort darauf, werde immer wieder sprachlos und auch zornig, wenn ich all das Leid und die Not um mich her sehe.

Aber dann möchte ich mich daran halten: diese Auferstehungs-Erfahrung dieses einen ist ein Zeichen, ein Lichtpunkt, der meine Hoffnung auf Heil und Heilung eine Berechtigung gibt. Es gibt diese Heilskraft – ich habe es ja erlebt. Es gibt sie – auch wenn ich oft nicht verstehe, warum sie scheinbar nicht wirkt.

Und – das nehme ich als Wichtigstes aus dieser Geschichte mit meinem Bruder mit: wenn mich mein Leben krank macht und lähmt, auch wenn es nicht so massiv sein mag wie bei ihm, will ich zumindest alles dafür tun, um meinen Willen zu aktivieren und Jesu Aufforderung auch auf mich beziehen. „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“

Ich will es einfach glauben, dass die Auferstehungskraft Jesu auch mir zur Verfügung steht. Und wenn dann trotz all meinem Willen und Aufstehversuchen, mein Leben sich äußerlich nicht ändern mag, dann werde ich hoffentlich zumindest meine Krankheit innerlich tragen können, mit wie vielen Tränen und Klagen auch immer. Ich will es glauben, dass auch weder Leid, noch Krankheit und auch nicht der Tod diese Auferstehungskraft Christi letztlich nicht durchkreuzen wird. Vor uns liegt immer das Leben – das Auferstehungsleben Jesu Christi.

AMEN

<b>Runter von der Kanzel:</b> Liebe Gemeinde, mit dem Lied „Es gibt bedingungslose Liebe“ mögen wir uns,- wie diese Schwester des Gelähmten uns – ganz neu auf Gottes Liebe und heilvolle Kraft einzulassen.

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