Kein hoffnungsloser Fall

Liebe Gemeinde,

gehen Sie gern in ein Krankenhaus? Ich meine nicht, als Patient – da geht man ganz sicher nie gern. Ich meine, als Besucher. Da hört man, da ist jemand krank oder es hat jemanden aus der Familie getroffen. Ich gebe zu, gern gehe ich nicht hin. Es erinnert einen ja daran, dass man das selber sein könnte. Und es macht hilflos. Was sage ich da am Krankenbett? Gute Besserung? Ist das nicht manchmal wie Hohn? Ich habe einmal einen Jugendlichen in Dresden auf der Krebsstation besucht. Das Bild vergesse ich nie. Die Station für Kinder war voll belegt und da laufen sie umher und schieben das Stativ mit der Infusion vor sich hin. Wie viele davon werden keine gute Besserung erlebt haben? Ich war froh, als ich wieder gehen konnte. Nein, gern gehe ich nicht in ein Krankenhaus.

In der Geschichte heute geht Jesus an einen Ort, an dem es von Kranken wimmelt. Der Teich Bethesda stand in dem Ruf, Heilung zu bringen, wenn man rechtzeitig in das Wasser steigt, wenn es sich bewegt. Man hoffte auf Barmherzigkeit. Schlimm muss es da ausgesehen haben. Jesus geht da hin. Und er sieht einen Menschen, der in unserer Sprache unrettbar verloren ist. 38 Jahre liegt er fest und das Wasser hat ihm bis jetzt nichts gebracht. Und dann fragt Jesus noch: willst du gesund werden. Er hat wohl schon lange aufgegeben, gesund werden zu wollen. Er hat sich wohl schon aufgegeben. Wie soll ich denn gesund werden, ich komme ja nicht bis zum Wasser. Es ist ja niemand da, der mich hin trägt. Eine schlimme Klage – 38 Jahre niemand da für mich. Würden wir die Geschichte nicht kennen, würden wir vielleicht sagen: na, nun kommt der Jesus und trägt ihn hin. Die Jünger müssen mit anfassen. Und alles wird gut. Aber Jesus weiß, wer sich aufgegeben hat, braucht erst mal eine ganz andere Kraft. Muss selber nämlich wollen. Darum die Frage, willst du gesund werden. Jesus weiß um den Zusammenhang zwischen unserer Seele, unserer inneren Hoffnung und der Krankheit. Und dann kommt dieser Befehl: Steh auf, nimm deine Matte und geh. Das Wasser braucht er anscheinend gar nicht, denn er steht auf und kann gehen. Nach 38 Jahren. Ein unheilbar Kranker. Was muss Jesus für eine Ausstrahlung gehabt haben, dass der andere es tut. Wer er ist, so erfahren wir etwas später, hat der Kranke gar nicht gewusst und er hat es wohl nie erfahren. Er hat einfach eine Chance bekommen, neu zu leben. Später trifft er Jesus noch einmal im Tempel. Und es ist mehr als ein guter Rat, wenn er sagt: tue kein Unrecht mehr, damit es dir nicht schlecht ergeht. Das verstehe ich so: dein Körper ist jetzt gesund. Halte ihn gesund, indem du so lebst, wie Gott es will. Damit entschwindet Jesus von dieser Geschichte und lässt uns damit zurück. Was haben wir eben erlebt? Und warum haben wir sie gehört? Weil da einer geheilt wird? Um zu staunen, was der Jesus kann?

Und da fallen mir die vielen Kranken ein, im Krankenhaus, um mich herum. Die, denen man es manchmal gar nicht ansieht und die vielleicht auch schon ein halbes Leben leiden. An sich leiden, an Verhältnissen leiden, die sich zurück gezogen haben, es wird sowieso nichts. Und die merken, zu mir kommt auch keiner mehr.

Für Jesus waren 38 Jahre kein hoffnungsloser Fall. Und ich lese in der Geschichte auch, dass solche Fälle die Zuwendung und die Anrede brauchen. Die Frage: willst du wirklich hier raus? Was kann ich für dich tun und was willst du selbst für dich tun? Manchmal höre ich, etwa bei Trauerfällen, da kann ich doch jetzt nicht hingehen. Wer weiß, ob die nicht ihre Ruhe haben wollen. Da kommt die übliche Karte mit dem Herzlichen Beileid und wir sind die Sache los. Aus der Geschichte höre ich: geh hin. Vielleicht sagen die auch: in den schlimmsten Tagen kam niemand zu mir. Ich war wie gelähmt und konnte keinen Schritt gehen. Aus der Geschichte mit Jesus lerne ich: Geh hin, auch zu den hoffnungslosen Fällen. Sei einfach da, höre zu. Es kann sogar ein Wunder geschehen. Ich würde mir nicht trauen zu sagen: nun steh endlich auf. Aber es ist einfach ein großes Beispiel, was uns Johannes hier erzählt. Eine Einzelgeschichte um ein Einzelschicksal. Jesus ist nicht an den See gegangen und hat rundum Heilung ausgeteilt. Fast hartherzig scheint es mir, dass die anderen keine Rolle spielen. Vielleicht einfach, dass wir deutlich vor Augen bekommen, dass das Hingehen und Zuhören Folgen hat, wundervolle Folgen hat. Gehen Sie gern zu Kranken? Vielleicht darf man die Frage gar nicht stellen. Wir sollten einfach gehen.

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