Ich glaub‘ zweimal an Gott

Liebe Gemeinde,

eine Familie mit zwei Kindern machte Sommerurlaub in Österreich. Während einer Wanderung kamen sie an einer alten katholischen Barockkirche vorbei. Sie entschlossen, eine kleine Rast einzulegen und die Kirche auch von innen zu besichtigen. Als die Mutter mit ihrem etwa fünfjährigen Sohn nach einiger Zeit wieder aus der Kirche ins Sonnenlicht trat, sagte der Sohn zu seiner Mutter: „Also ich, ich glaub‘ zweimal an Gott: Einmal beim ‚reingehen in die Kirche, und einmal beim ‚rausgehen!“

Diese Aussage des kleinen Jungen hat mich schmunzeln lassen und ich blieb in Gedanken daran hängen. Das war nicht einfach so dahingesagt, nein, der Junge hatte etwas Wesentliches erkannt: Es sind die Schwellen in unserem Leben, an denen wir im Besonderen an Gott glauben. Bei dem kleinen Jungen war es auf der Türschwelle der Kirche, auf der er beim Hinein- und Hinausgehen in besonderer Weise von einem religiösen Gefühl ergriffen wurde und das er mit Gott in Verbindung brachte. Es war für die kleine Kinderseele die Schwelle zwischen zwei Welten: Draußen sonnig, warm und voller Geräusche, drinnen dämmrig, kühl und still. Auch bei mir ist das Hineingehen in und das Hinausgehen aus einer Kirche von einem besonderen Gefühl begleitet. In Gedanken gehe ich die vielen verschiedenen alten und neuen Kirchen durch, in die ich schon hinein und aus denen ich schon herausgegangen bin. Mir fällt auf – das Portal der Kirchen ist eigentlich immer ganz besonders gestaltet: kunstvolle Türen, ein Spruch über dem Türstock, schwarze Bretter. Häufig steht auch der Taufstein im Eingangsbereich oder – wie hier in der Kirche – Gebetskerzen zum Entzünden. In der katholischen Kirche gibt es Weihwasser an der Tür, womit man sich bekreuzigen kann – eine Tradition, die ich unter diesem Aspekt noch einmal in ganz anderem Licht sehe.

Das, was für die Türschwellen an Kirchen gilt, gilt auch für die verschiedenen Schwellen unseres Lebens. Die Übertritte von der einen in die nächste Welt finden allerdings nur in eine Richtung statt. Von der Kinder- in die Erwachsenenwelt, von der Schul- in die Berufswelt, von der Single- in die Partnerwelt oder von der Erwerbs- in die Ruhestandswelt. An vielen dieser Übergänge verlangen die Menschen nach der Begleitung durch die Kirche, denn diese Übergänge haben eine religiöse Dimension, sie sind begleitet von Hoffnungen und Ängsten, die in Gottesdiensten und Ritualen Gestalt gewinnen. Dieses Gestalten von Übergängen ist wichtig, um sich vorzubereiten auf die eine große Schwelle, die uns allen bevorsteht: Der Übertritt von der Welt der Lebenden in die Welt der Toten.

Genau auf dieser Schwelle steht in unserem heutigen Predigttext ein Kind. Der Evangelist Lukas erzählt im 7. Kapitel:

[TEXT]

Ein Junge einer Witwe war gestorben. Das Leid dieser Familie schien kein Ende zu nehmen: Zunächst war der Vater als Hauptversorger der Familie gestorben und man kann sich denken, dass der Tod des Jungen auch mit der schwierigen Familiensituation zu tun hatte. Der Teufelskreis der Armut drehte sich unaufhörlich weiter. Die Menschen konnten das Leid nicht aufhalten. In einem Trauerzug wurde der Leichnam vor die Mauern der Stadt getragen. In diesem Moment kam Jesus zur Stadt Nain und die Situation auf der Schwelle zwischen Leben und Tod hat die Mutter des Jungen für Jesus empfänglich gemacht. Im Glauben daran, dass er aus ihrer Not helfen könne, ging sie zu Jesus und klagte ihm ihr Leid. Und Jesus sah ihr Leid und verwandelte es in Ehrfurcht und Freude, denn er erweckte ihren Sohn vom Tod zurück in das Leben. Die Einbahnstraße der Schwellen unseres Lebens hin zum Tod war aufgebrochen. Dort, wo Jesus auftaucht, können Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören und selbst Tote stehen auf (Lk 7,22).

Letzten Donnerstag war Weltkindertag. Die Zeitung berichtete über Millionen von Kindern, die im Wohlstandsland Deutschland in Armut leben. Sie erzählt von einem Jugendlichen, der von Zuhause herausfliegt, weil der neue Freund

der Mutter das so will. Doch weder das Jugendamt – das war schon geschlossen –, noch das Jugendzentrum – das darf keine Kinder über Nacht aufnehmen –, noch ein Jugendkriseneinrichtung – die benötigte einen

Kostenübernahmebescheid aus des 20 km entfernten Jugendnothilfe – konnten den Jungen aufnehmen. Eine Mitarbeiterin des Jugendzentrums holte das Auto, um den Jungen zu fahren. Doch als sie wieder kam, war er verschwunden. Es war ihm alles zu viel geworden. (SZ vom 20.9.2007, Seite 2)

Vordergründig ist es das fehlende Geld, das so viele Kinder in Armut leben lässt. Doch es sind vor allem emotionale Kälte und Desinteresse, die dafür Sorgen, dass so viele Kinder von Anfang an keine Zukunft haben. Eltern sprechen kaum noch mit ihren Kindern, der Staat unterstützt Familien zu wenig und die Gesellschaft ist mehr an Dackeln und Hauskatzen interessiert. Das ist ein Skandal, denn noch bevor das Leben dieser Kinder begonnen hat, ist es eigentlich schon gestorben.

Und in dieser Situation helfen auch keine Beschwichtigungsformeln: Es betrifft eben nicht nur die Großstädte Berlin und Hamburg, München vielleicht noch. Nein, dieser Skandal geschieht auch vor unserer Haustür, auf dem Spielplatz oder in unserer Gemeinde. Deswegen sind die diakonischen Einrichtungen wie etwa die Landshuter Tafel so ungeheuer wichtig, denn hier geht es zunächst einmal darum, die Schwächsten der Armen satt zu bekommen.

Doch wir als Kirchengemeinde sind noch in anderer Hinsicht gefordert: Es geht nicht nur um die materielle Versorgung – die ist wichtig, aber sie allein führt noch nicht zurück zum Leben. Sondern es geht vor allem darum, dass Kinder und Jugendliche eine Heimat finden, in der sie sich emotional aufgehoben fühlen. Sie brauchen einen Ort, an dem sie sich wohl fühlen, an dem sie gehört werden, an dem sie sich entfalten können. Und sie brauchen Erwachsene, die Leuchtturm und Rettungsboot zugleich sind. Leuchtturm, um die Richtung vorzugeben und vor lebensbedrohlichen Gefahren zu warnen. Und Rettungsboot, um sie auf gleicher Höhe zu begleiten und wenn nötig zu unterstützen.

Und dann lese ich in dem evangelischen Magazin Chrismon in der Septemberausgabe eine Glosse, in der – gespickt mit viel überheblicher Ironie – dafür geworben wird, dass man die Kommunikation mit Kindern auf Augenhöhe ad acta legen solle. Mich ärgert ein solcher Artikel, zumal damit in dieser Zeitschrift Meinung gemacht wird unter uns evangelischen Christen.

Ich bin anderer Meinung. Freilich geht es nicht darum, dass wir bei der Forderung nach der Augenhöhe mit den Kindern die Vernunft, das Wissen und die Weitsicht fahren lassen sollen. Aber es geht sehr wohl um einen Perspektivenwechsel: Das in uns gestorbene Kind muss wieder lebendig werden. Wir müssen lernen, uns in die Situation von Kindern und Jugendlichen hineinzuversetzen, um sie altersgemäß ins Leben hinein begleiten zu können – im Kindergarten, im Kinderchor, im Kindergottesdienst, in der Konfirmandenarbeit oder offenen Jugendarbeit. Und wir sind gefordert, die Eltern, die wichtigsten Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen, in ihrer Begleitungsaufgabe zu unterstützen.

Jesus Christus hat es gemacht. Er hat sich den Schwächsten der Schwachen in besonderer Weise gewidmet. Davon wird in den Evangelien berichtet. Kinder sind bei ihm entgegen der landläufigen Meinung nicht wertlos, sondern von

gleichem Wert und gleicher Würde wie alle Menschen. Sie sind sogar im Gegensatz zu den Erwachsenen in besonderer Weise für den Empfang des Gottesreiches qualifiziert. Und wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen (Mk 10,13ff.). In unserem heutigen Predigttext setzt Jesus die Mechanismen unserer Welt außer Kraft, die Menschen und inbesondere Kinder am Leben hindern und sterben lassen: Er erweckt den toten Jungen zu neuem Leben.

Das ist unglaublich. Die Begegnung mit Jesus erweckt Totgeglaubte und dem Tod Geweihte zu neuem Leben. Entgegen aller menschlichen Logik stellt er sich gegen den Tod und ermöglicht neues Leben. Jesus Christus erweckt auch in uns Totgeglaubtes oder dem Tod Geweihtes zu neuem Leben. Immer wieder und aufs Neue. Wenn wir aus der Kirche hinausgehen, sind wir lebendiger, als wir es waren beim Hineinkommen. Manchmal können wir das spüren an der Schwelle der Kirchentüre.

Im Blick auf unsere Kinder und Jugendlichen genauso wie auf uns Erwachsene wünsche ich mir eine Kirche, die offen steht – gerade an den Schwellen des Lebens. Ich wünsche mir eine Kirche, die einlädt in eine neue Welt, in der wir den lebendig machenden Christus spüren können. Eine Kirche, mit der wir im Glauben an diesen lebendig machenden Christus die todbringenden Mechanismen der Welt außer Kraft setzten. Ich wünsche mir eine Kirche, in die Kinder, Jugendliche und Erwachsene ein- und ausgehen und sagen: „Also ich, ich glaub‘ zweimal an Gott: Einmal beim ‚reingehen, und einmal beim ‚rausgehen!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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