Heil und Heilung

Liebe Gemeinde, liebe Taufgesellschaft!

Dass XY gesund zur Welt gekommen ist, dass wir selbst gesund sind, das ist uns wichtig. Darum bitten wir Gott und dafür danken wir.

Dass die Gesundheit unseres Körpers mit der Gesundheit unserer Seele zusammenhängt, das entdecken wir gerade wieder und das haben Menschen schon früher gewusst. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Heil und Heilung, zwischen Religion und Alltag.

Nicht umsonst beten auch die Kranken, die in gesunden Tagen an der Existenz Gottes mehr als zweifeln um Genesung.

Heil und Heilung gehören zusammen. Wohl auch deshalb erzählt die Bibel von etlichen Heilungswundern um die Macht Jesu zu zeigen.

Die Schilderungen sind mitunter drastisch und Jesus erscheint uns zuweilen als unkonventioneller Heiler, der auch provozieren kann.

So auch in unserem heutigen Predigttext, der Heilung des Kranken in Bethesda.

Bethesda – das Haus der Barmherzigkeit kann der Jerusalembesucher auch heute noch als Ausgrabungsstätte besichtigen. Eine Heilquelle, gesammelt in einem Wasserbecken. Drum herum hatte man Hallen gebaut, in denen die Kranken gelagert wurden. Da lag dieser Mann 38 lange Jahre. Und nun kommt Jesus und stellt ihm die Frage „ Willst du gesund werden?“

„Was glaubst Du, warum ich hier bin?!“ hätte der Mann antworten können oder gleich mit seinem Essnapf nach Jesus werfen. Was soll er schon wollen, da er doch schon so lange und so schwer krank ist und sich an einem Ort der Heilung befindet?! Und doch, mit der Provokation trifft Jesus genau ins Schwarze. Er schaut dem Kranken nicht auf die gelähmten Beine oder die schwachen Muskeln. Er schaut ihm gerade ins Herz und fragt: „Willst DU gesund werden?“ Damit sieht er ihn als Menschen an, als Person und nicht als den Gelähmten, dritte Reihe, zweiter von links oder das Magengeschwür in Zimmer 324.

Jesus geht auf diesen Menschen zu und fragt ihn: „Willst du gesund werden?“ Allein die Tatsache, dass er sich ihm zuwendet, ihn anspricht, ihn heraus fordert, statt vorüberzugehen und den Blick abzuwenden, ist schon der Beginn der Heilung.

Der Kranke wiederum antwortet: „Ich habe keinen Menschen!“

Er benennt damit seine eigentliche Krankheit, sein eigentliches Leiden. Er hat die schlimmste aller Krankheiten: keinen Menschen zu haben. Mit dieser ehrlichen Antwort versteckt er sich nicht länger hinter einem lahmen Fuß oder einem zu hohen Blutdruck oder schlechten Zuckerwerten. Der Kranke wird sich selbst zum Arzt indem er den Namen der Krankheit nennt und laut vor Jesus ausspricht.

Nun erst spricht Jesus die Worte: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“

Und in diesem Aufstehen steckt ja so viel mehr drin als das Benutzen der Beine! Es ist ein Sich-Aufrichten, ein Selbst-bestimmen, ein Aktiv-werden, ein Sich-der-Welt-zeigen, ein Sich-der-Welt-zumuten, ein Wagen!

Beim Nachdenken über den Predigttext fiel mir eine Dokumentation ein, die ich kürzlich im Fernsehen sah. Das Reporterteam hatte eine Gruppe von Menschen begleitet, die nach Lourdes pilgerten, dem bekannten südfranzösischen Wallfahrtsort. Darunter waren viele Schwerkranke und etliche, die schon zum wiederholten Male mit dabei waren. Während der Filmaufnahmen gab es keine spektakulären Heilungen. Niemand stand aus dem Rollstuhl auf. In dem Bericht war auch zu erfahren, dass in den letzten 150 Jahren nur 67 Heilungen beglaubigt wurden, die letzte liegt schon etliche Jahrzehnte zurück. Dahin also pilgerten von Krankheit gezeichnete Menschen. Für sie ist allein die Reise eine Herausforderung – da ist wieder unser Stichwort!

Der Sprecher des Berichtes machte keinen Hehl daraus, dass er sehr skeptisch war. Und ich dachte: ist ja auch schwierig, einen Bericht zu drehen, in dem sozusagen nichts passiert. Die Fernsehzuschauer wollen ja was sehen und erleben! So war das Fernsehteam gezwungen, näher hinzuschauen und es stellte fest, dass es neben Heilung auch noch Heil gibt. Das sind natürlich jetzt meine Worte als Pfarrerin. Im Fernsehen sah das so aus: strahlende Augen, singende Kranke, Jugendliche, die als mitfahrende Helfer genau dieses Heil erleben durften. Und die Erkenntnis des Reporters, dass es wohl die große Gemeinschaft ist, die heilend für die Seele ist: in Lourdes muss sich keiner verstecken, in Lourdes sind die Menschen hilfsbereit, in Lourdes nimmt man sich Zeit, in Lourdes kann man sein wie man ist, aber sonst nicht gerne gesehen ist: alt, krank, behindert, ein bisschen verrückt und das Wichtigste: in Lourdes ist keiner allein. In der Gemeinschaft von Gleichen trägt sich das Leiden leichter. Und in Lourdes ist es vielleicht auch leichter, sich herausfordern, sich rufen zu lassen, sich zu zeigen.

Unser Zuhause ist der erste Ort, an dem wir einfach wir sein dürfen. Vor unserer engsten Familie zeigen wir uns am ehesten wie wir wirklich sind. Da sind wir angenommen.

Dass Gott uns liebt und nahe sein will, wird spürbar in der Gemeinschaft, die Menschen untereinander haben. XY wird von Ihnen nicht nur gefüttert und gewaschen und gekleidet. Vor allem wird er geliebt: geknuddelt, gehalten, hochgenommen, getröstet und mit ihm gesprochen.

Als eine solche Gemeinschaft möchte ich nicht nur an einem Tauftag wie heute christliche Gemeinde verstehen. Zusammen ist es leichter, sich von Jesus rufen zu lassen, zusammen ist es leichter zu glauben.

Zusammen ist es leichter aufzustehen. Wir glauben, dass in Jesus Christus unser Heil liegt. Das feiern wir in den Gottesdiensten und dafür ist die Taufe ein Zeichen. Damit sind wir aber nicht in Watte gebettet und aus dieser Welt genommen.

Im Gegenteil: das provoziert Menschen.

Im Predigttext folgt auf die Heilung des Kranken sofort Protest: am Sabbat dürfe man keinen heilen und schon gar nicht darf einer seine Schlafmatte nach Hause tragen. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe!

Ja, wenn wir uns von Jesus ansprechen lassen und aufstehen und tun was er uns sagt, dann werden wir als Christen sichtbar für die Welt und setzen uns ihr aus.

Dann wissen wir uns aber auch von Jesus mit Namen gerufen und werden heil.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

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