Gott wendet sich zu

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für heute steht im Evangelium des Johannes im 5. Kapitel. Johannes berichtet:

[TEXT]

Eine Szene, die man seinem ärgsten Gegner nicht wünscht. Fünf Hallen voller leidender Menschen. Und darunter einer, der da seit 38 Jahren liegt. Und in der ganzen Zeit hat er es nicht ein mal geschafft, zum Teich zu kommen – wie denn auch: Wer am schnellsten ist, gewinnt. Er aber ist gelähmt, und er hat keinen, der ihm hilft. Er hat keine Chance. Ich schätze, er hat damit gerechnet, dass er bis zu seinem Tod da liegt – ohne Chance, gesund zu werden. So liegt er also da.

Dann, an einem Tag wie jedem anderen auch, taucht ein Fremder auf. Er geht zwischen den Kranken herum, schaut sich um – und spricht den Kranken an: WILLST du gesund werden? Dann tu was dafür. Steh auf, nimm deine Matte und geh doch weg von hier. Du musst nicht bleiben. Es gibt keine Handauflegung, keine Medizin, der Kranke geht nicht in den Teich. Eigentlich passiert gar nichts außer einem kurzen Gespräch – aber der Kranke kann daraufhin aufstehen und tatsächlich gehen. Wie gibt’s das?

Eine logische Erklärung dafür werden wir nicht finden. Sicher ist nur eins: Es hat ein Gespräch stattgefunden – wer weiß, vielleicht war das das erste Gespräch seit Jahren. Vielleicht das erste mal seit Jahrzehnten, dass irgend jemand sich diesem Menschen zugewendet hat und ihn gefragt hat, was er eigentlich selbst will. Der Kranke selbst hat gar nicht gewusst, wer da mit ihm spricht. Aber er hat die Zuwendung aufgenommen. Und er hat die Aufforderung „Steh auf!“ ernst genommen – und nicht gesagt: „Aber das kann ich doch nicht!“ Er hat gespürt: Da interessiert sich einer für mich. Und das allein hat schon geholfen.

Von hier aus kann man jetzt in zwei Richtungen weiterdenken –

Zum einen kann’s für uns eine Beispielgeschichte sein, wie wir selbst mit Kranken, Hilfsbedürftigen, Hoffnungslosen umgehen. Ob wir sie auch 38 Jahre lang liegen lassen wollen – mit dem nötigsten zum essen und trinken, aber das war’s dann auch schon? Oder ob es da nicht auch andere Möglichkeiten gibt? Ich fürchte zwar, dass keiner von uns einen Lahmen wieder zum gehen bringt. Das wäre schön, und ich wäre eine der ersten, die das ausprobieren würde. Aber jeder von uns kann etwas tun. Kann jemandem Zuwendung geben und vielleicht auch Ansprüche stellen. Kann zu jemandem sagen: „Ich weiß, dass du das kannst!“ – wenn derjenige gerade am aufgeben ist. Diese Dinge kann wirklich jeder von uns.

Und zwar können wir das, weil es ja eben auch die andere Richtung gibt: Nicht nur wir können und sollen Zuwendung geben. Sondern wir sind ja selbst auch Empfänger: In der Taufe, die Moritz jetzt gleich empfangen wird, haben wir alle Gottes Zuwendung erfahren, und als Getaufte bekommen wir sie unser Leben hindurch immer dann, wenn wir sie brauchen.

Ich werde jetzt einen kleinen Spagat versuchen und Moritz’ Taufspruch noch einbinden – so dass dieser Vers aus dem zweiten Brief der Paulus an Timotheus und der Predigttext sich gewissermaßen gegenseitig auslegen.

Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, heißt es da.

Paulus setzt an bei einem zutiefst menschlichen Gefühl, das jeder von uns kennt: Bei der Furcht. Der Moritz fürchtet sich, wenn die Mama aus dem Raum geht. Wir Erwachsenen fürchten uns auch – z.B. davor, auch einmal so hoffnungslos krank zu werden. Der Kranke hat sicher auch in Furcht gelebt.

Paulus setzt dem entgegen: Wir haben keinen Geist der Furcht von Gott bekommen! Gott hat uns vielmehr Kraft, Liebe und Besonnenheit geschenkt. Und immer, wenn wir uns vor etwas fürchten, sollen wir an diese Gaben denken.

Gott wendet sich uns zu und schenkt uns Kraft – Kraft für uns selbst und für andere. Die Kraft, für sich selbst zu sorgen und sich bemerkbar zu machen, wenn man etwas braucht – ganz wichtig für alle, die irgendwie hilfsbedürftig sind. Ein Baby, das nicht die Kraft zum schreien hat, wird vielleicht vergessen. Die Kraft, nicht aufzugeben, auch wenn etwas nicht gleich klappt (– nur so lernen Babys laufen; nur so kann man nach einer langen Krankheit wieder auf die Beine kommen.) Die Kraft, für andere da zu sein. Oder auch die Kraft, an Gott zu glauben und an seine Zuwendung – auch wenn andere einen für einen Träumer halten. Wir bekommen die Kraft, die wir brauchen – wenn auch vielleicht nicht im voraus, und manchmal auch nur gerade so, dass es reicht. Aber es reicht.

Gott wendet sich uns zu und schenkt uns Liebe. Kinder brauchen Liebe. Kranke und Hoffnungslose, wie der Mann, der da seit 38 Jahren gelegen hat, brauchen Liebe. Aber manchmal kann es passieren, dass sie diese Liebe nicht – oder noch nicht – selbst geben können, nicht erwidern können. Manchmal weisen sie die Zuwendung und Liebe sogar zurück. Ich denke an den Kranken aus unserer Geschichte: Er weist Jesu Zuwendung zunächst mal auch zurück. Er beklagt sich nur über die Schlechtigkeit der Welt. Und als er dann tatsächlich gesund ist, geht er weg, ohne noch ein Wort mit Jesus geredet zu haben. Manchmal muss die Liebe so etwas aushalten. Gut, dass wir selbst von Gott da schon einen „Vorrat“ bekommen haben. So kann mans aushalten, wenn die Kinder mal nicht so liebevoll sind, oder der Nachbar, den man besucht, einen nur angrantelt.

Gott wendet sich uns zu und schenkt und Besonnenheit. Besonnenheit, das heißt: nicht alles tun, was man tun könnte. Erst mal überlegen, bevor man etwas tut, abwägen.

Da könnte man nun sagen: Das passt jetzt aber gar nicht zum Predigttext. Denn da erscheint Jesus ja eher unbedacht. Wenn er besonnen gewesen wäre – dann hätte er mit der Heilung noch einen Tag gewartet, dann hätte er das nicht ausgerechnet am Sabbat gemacht und sich viel Ärger erspart.

Andererseits: Vielleicht hat er aber doch mit Bedacht gehandelt. Vielleicht hat er ja mit allergrößter Besonnenheit genau diesen Sabbat gewählt – um nämlich noch etwas wichtigeres in den Mittelpunkt zu stellen.

Jesus ist ja in die Kritik geraten, weil er selbst die Sabbatruhe verletzt hat. Er hat den Mann geheilt – das ist Arbeit – das ist am Sabbat untersagt. Ausnahmen gibt es nur, wenn das Leben des Kranken in Gefahr war. Und schlimmer noch: Er hat den Mann dann auch noch angestiftet, die Sabbatruhe zu brechen. Irgendwelche Gegenstände zu tragen ist am Sabbat auch verboten.

Unsereins schüttelt da vielleicht nur den Kopf und sagt: das ist doch ein Blödsinn. Bei uns regt sich auch keiner auf, wenn jemand am Sonntag sein Bettzeug durch die Gegend schleppt. Wir wundern uns höchstens. Was soll das also?

Richtig – wegen so einer Geschichte regt sich bei uns sicher niemand auf. Aber ich meine, es gibt genug Fälle, wo auf die Erfüllung der Formpflicht bestanden wird. Behörden und der Umgang mit Hilfsbedürftigen sind da ein prima Beispiel dafür. Egal, ob es da um die Jugendhilfe geht, oder um Flüchtlinge, oder um Anträge bei der Krankenkasse. Da wären kleine Änderungen und Hilfen oft kein Drama. Aber sie würden alles viel menschlicher machen.

So ähnlich ist es auch in unserer Geschichte. Es stimmt: Jesus hat die Formpflicht verletzt. Aber für den Kranken war es eine Riesenerleichterung. Und von der Seite Jesu her war es eine Klarstellung: Gott hat den Sabbat, den Ruhetag – unseren Sonntag – gemacht, dass es dem Menschen gut geht. Und einen Menschen zu heilen dient ja wohl auf jeden Fall dazu, dass es einem Menschen gut geht – das schließt sich also nicht aus. Einen Tag zu warten wäre da bei aller Besonnenheit auch feige gewesen.

Freilich muss man abwägen, auf jeden Fall muss man trotzdem überlegen: Was will ich mit meiner Aktion denn eigentlich erreichen? Gott schenkt uns Besonnenheit, dass wir vorher noch einmal überlegen können: Wozu dient das, was wir jetzt tun wollen? Hilft es dazu, dass es den Menschen und unserer Umwelt gut geht? Wenn nicht – dann sollten wir vielleicht besser verzichten. Wenn aber doch: Dann darf man es auch gleich tun.

Noch einmal zum Schluss: Es geht um Zuwendung. Um Gottes Zuwendung zu uns.

Jesus hat sich dem Kranken zugewandt – und hat ihm Kraft für sein eigenes Leben geschenkt.

Jesus hat sich uns zugewandt und schenkt uns Kraft für uns und füreinander.

Jesus wendet sich Moritz zu, dass er keine Furcht haben muß, und wir wünschen ihm, dass Kraft, Liebe und Besonnenheit zu seinen Stärken werden. Und uns allen wünsche ich, dass wir Gottes Zuwendung annehmen und seine Ansprüche hören und umsetzen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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