Gott, die Toten Hosen und ich

Liebe Gemeinde!

Sie erinnern sich, ganz am Anfang: Da war dieser Garten, in dem Gott gemeinsam mit den Menschen lebte. Spazieren gingen sie dort, lesen wir: nackig. Denn was gab es schon zu befürchten? Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf wurde, das hat man erst später erfunden, als man die Grenzen des Gartens überschritt.

Ein Garten ist ein Garten und keine Wildnis, weil es Regeln gibt. Die wichtigste Gartenregel lautet: um einen Garten muss ein Zaun sein. Der verhindert, dass hereinkommt, was den Frieden stört und hinauskrabbelt, was lieber drinnen bleiben soll: Die Kinderlein zum Beispiel. Weil der Zaun dort aussen rum ist, ist der Garten das Kinderparadies. Hier kann man alleine draußen sein. Hier kann man alles in den Mund stecken, was einem gerade einfällt. Denn Papa hat wohlweißlich keine giftigen Pflanzen angesiedelt. Solange man drinbleibt, kann man nicht vom Auto überfahren werden. Und böse Menschen gibt´s im elterlichen Garten auch nicht. Das ist ja das tolle an einem Garten, dass hier alles so ist, wie es sein soll. Hier kann man richtig aufblühen.

Gärten sind also eigentlich keine Pflanzen oder Tiergärten, sondern eigentlich Menschengärten. Aufblühen sollen in Gärten nämlich vor allem Menschen. Ein solcher Menschengarten ist der, in dem man nackig herumlief. Hier blühten die Menschen auf, weil sie nichts zu befürchten hatten. Man kann sich das vielleicht so vorstellen wie einen Röhrenwurm im Watt: Wunderschöne bunte Fächer, wie feinste Korallen streckt er ins Wasser – wenn er nichts zu befürchten hat: eine wunderbare Unterwasserblumenwiese entsteht, wo viele nebeneinander wohnen. Scheint Gefahr im Anzug – Schupps – zieht er sich in seine Höhle zurück und zurück bleibt von der Blumenwiese nur brauner Schlamm.

So ist es auch mit uns Menschen. Wo wir nichts zu befürchten haben, kommen wir aus unseren Höhlen, legen Rüstung, Schutz und Kleidung ab und blühen auf.

Ein Garten ist ein Garten und keine Wildnis, weil es Regeln gibt. Das gilt auch für den Menschengarten. Die Regeln sind so eine Art Zaun, der eben dafür sorgt, dass im Garten alles gut ist. Eigentlich lässt sich alle Lebenskunst für Menschenkinder in einer Regel zusammenfassen: Geh nicht aus dem Garten raus!

Nun ja: Der Garten ganz am Anfang kam mit einer Regel aus. Aber die war den Menschenkindlein zu viel. Und Schwupps, waren sie durch den Zaun geschlüpft. Das ist der Unterschied zwischen Schutz und Gefängnis. Den Schutz kann man verlassen, wenn man will. Das Gefängnis nicht.

Und was passierte dann?

Die Bibel erzählt etwas ausführlich. Ich fasse es mal leicht abgewandelt in den kurzen Worten der Punkband „Tote Hosen“ zusammen:

Zehn kleine Menschenkinder rauchten einen Joint,

den einen hat es umgehaun, da waren’s nur noch neun.

Neun kleine Menschenkinder bei der Bundeswehr,

sie tranken um die Wette, den Besten gibt’s nicht mehr.

Acht kleine Menschenkinder suchten einen Sinn,

sie konnten ihn nicht finden. Da warf der eine hin.

Sieben kleine Menschenkinder gingen ins Lokal,

dort gab’s sechs Steaks mit Bohnen und eins mit Rinderwahn.

Sechs kleine Menschenkinder wollten gerne erben,

damit es was zu erben gab, musste einer sterben.

Fünf kleine Menschenkinder warn beim Rendezvous,

bei einem kam ganz unverhofft der Ehemann hinzu.

Vier kleine Menschenkinder wollten Steuern sparen,

einer wurde eingelocht, drei durften nachbezahlen.

Drei kleine Menschenkinder suchten einen Streit,

sie kamen an ´nen Stärkeren, da war´n sie noch zu zweit.

Zwei kleine Menschenkinder baten um Asyl,

einer wurde angenommen, der andere war zu viel.

Einer für alle, zehne für einen,

wenn einer fort ist, wer wird denn gleich weinen?

Einmal trifft’s jeden, ärger dich nicht,

so geht’s im Leben, du oder ich.

So also geht´s im Leben, draußen vor dem Garten. Plötzlich hat sich die Perspektive geändert. Erst sahen wir von innen aus dem Garten hinaus. Nun sehen wir wehmütig von außen hinein.

Wie es sich für einen guten Vater gehört, geht Gott uns nach und sucht seine Kinder, die durch den Zaun geschlüpft sind. Er findet sie in Ägypten, wo sie Asyl gefunden hatten, wie das letzte kleine Menschenkindlein im Lied von den Toten Hosen. Nach Ägypten hatten sie sich geflüchtet, aber Ägypten war ihnen nicht Schutz, sondern Gefängnis geworden, das sie aus eigener Kraft nicht mehr verlassen konnten. Gott hatte sie befreit und erklärt ihnen nun die schützenden Grenzen des Lebensgartens noch einmal ganz genau und schön zum Merken. Für jedes Fingerlein was Wichtiges:

[TEXT]

"Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus der Knechtschaft geführt hat." Mit der durch Gott geschenkten Freiheit fangen diese 10 Gebote an, nicht mit starrer, menschlicher Moral. Sie wollen unser Leben nicht beschneiden, sondern es beschützen. Sie sind die Grenze des Gartens, die Grenze des Guten, die es nicht zu überschreiten gilt.

Bei der Übertretung eines jeden Gebotes heißt es: Sie verlassen jetzt den göttlichen Sektor der Freiheit. Kehren Sie um oder Sie werden Gefangener Ihrer Selbst, Vertriebener ihrer eigenen Furcht, Opfer ihrer eigenen Selbstgerechtigkeit. Wer die Gebote überschreitet, verliert sich selbst. So geht´s im Leben.

Aber bitte nicht immer krampfhaft auf die Gebote starren! Bitte nicht dauernd mit dem Moralhammer auf die Gebote, die Grenzpfähle des Gartens eindreschen!

Sie sind nur die Grenzpfähle des Landes der Freiheit. Wer dauernd nur auf die Grenzpfähle eindrischt, wird von der Freiheit im Inneren des Gartens nicht erahnten. Er bewegt sich ja immer nur an der Grenze, statt frei in den Garten zu laufen, in dessen Grenzen eben alles erlaubt ist: Die große Freiheit eben.

Die Freiheit beginnt dort, wo wir von den Grenzen Weg zur Mitte des Gartens gehen, zur Mitte unseres Selbst, zu Gott, der mitten unter uns, ja in uns wohnen will.

Auf dem Weg zur Freiheit, auf dem Weg zu uns selbst, zur Mitte sind wir, wenn wir Gott als DAS LEBENDIGE in uns selbst begreifen. Wenn wir Freiheit als das Gefühl, wirklich lebendig zu sein begreifen lernen. Dann sind wir auf dem Weg zur Mitte, auf dem Weg zu Gott, auf dem Weg zu uns selbst.

Am Ziel sind wir, wenn es uns nicht mehr gelingt, Gott und uns selbst zu unterscheiden, dann sind wir da: Weit weg von den Zäunen, mitten in der Freiheit der Kinder Gottes.

Heißt das nicht Rückzug aus der Welt, wie er nicht nur im Christentum und nicht nur in Klöstern unzählige Male gelebt wurde, sondern auch von manchem, der die Welt allzu scheiße findet?

Rückzug aus der Welt ist das nur, wenn wir vergessen, wer dieser Gott ist und uns selbst vergöttern, statt uns in ihm zu erkennen, der von sich sagt:

Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt hat.

Ich bin der, der seinen Kinder noch immer selbst nachgegangen ist, der sie befreite aus den Fesseln, in die sie sich selbst begeben hatten. Ich bin der Gott, der es wagt, als Lamm unter Menschen zu gehen, die sich wie Wölfe verhalten.

Ich bin so frei, zu leiden und zu sterben, um bei euch zu sein, damit ihr lebt. Ich bin der Gott der Freiheit. Du bist ich. Und du bist frei.

Wenn wir uns von diesem Gott nicht mehr unterscheiden können, dann sind wir da, mitten in der Freiheit, der selbst der Tod nichts anhaben kann.

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