Heile du mich, Herr!

Jeremia 17,14: Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm. Den Wochenspruch haben wir gehört, ein Gebet, in dem der leidende Mensch mit Gott redet, ihm sein Elend sagt und seine Gewissheit beim Namen nennt.

Gerne hätte ich solche Gewissheit. Aber sie ist mir nicht immer geschenkt. Ich kenne die Verzweiflung, die einen Menschen beschleicht gerade im Krankenhaus, gerade am Bett eines todkranken Menschen.

Geschichten wie unser heutiger Predigttext helfen mir manchmal meine Gefühle im Krankenhaus auszuhalten:

[TEXT]

Gesammeltes Elend versammelt sich um eine Teich wie in einem Krankenhaus auf der Krebsstation. Jesus geht in diese Krankenstation von Hoffnungslosen. Eine schlimme Geschichte. Ein Wettrennen, bei dem wohl nur Doping hilft. Der Erste erwirbt keinen Pokal und keine Medaille, aber seine Gesundheit. Verlierer sind die, die niemanden haben, der sie zur Quelle bringt. Verlierer sind die, die die sowieso schon Verlierer in der Gesellschaft sind.

Zum Spaß ist niemand in Bethesda. Eine Sammlung derer, die am Ende sind, Der Schuttabladeplatz einer unheilvollen Welt.

Ich erlebe das oft in unserem Gesundheitssystem, egal ob Krankenhaus oder Pflegeeinrichtung: Am Schlechtesten dran sind die, die niemanden haben. Keinen der sie besucht, der mit ihnen redet, der mit ihnen leidet und sich mit ihnen freut.

Der Mut der Verzweiflung bewegt diesen einen Kranken, hier zu liegen: ‚Du hast keine Chance, nutze sie’. 38 Jahre liegt er hier. Keiner fragt ihn, was er sich dabei denkt. Vielleicht tut er sogar manchen Leid, aber wenn die Quelle sprudelt, nutzt ihm das wenig.

Jesus kommt zu ihm am Passahfest. Seine Frage ist eigentlich eine Provokation: ‚Willst du gesund werden?’ Aber mit dieser Frage ist Jesus der Erste, der sich diesem Menschen freundlich zuwendet an seinem Schicksal wirklich Anteil nimmt, ihm erlaubt über seine Gefühle und seine Hilflosigkeit zu reden. Da ist einer der nimmt sich Zeit – redet mit dem, der 38 Jahre seine Zeit verschwendet – und da liegt ohne Chance. Jesus nimmt sich Zeit für einen Krankenbesuch und nimmt den Menschen ernst als Menschen und nicht nur als Kranken. Und er wendet sich genau dem Chancenlosen, dem Unheilbaren zu.

Vielleicht muss ich dass täglich neu lernen. Mich dem Kranken wirklich zuwenden und nicht den Kranken oder den Alten oder den Behinderten zu sehen, sondern erst einmal einen Menschen mit Gefühlen, mit Sehnsüchten, mit Hoffnungen. Jesus tut das und macht es mir vor.

Und seine Frage an den Kranken stellt mich auch vor die Frage: Willst du eigentlich wirklich, was du willst? Willst du es ganz wirklich? So paradox das klingt, es ist der erste Schritt zur Heilung. Jesus bringt den Namenlosen und Sprachlosen zum Sprechen. Er weckt das Person-Sein in ihm. Und er verlangt etwas von ihm: ‚Steh auf, nimm deine Bett und geh hin.’

Der Geheilte ‚wusste nicht, wer er war’. Es gibt kein Klares Zeichen dafür, das Gott einem so nahe kommt. So wenig wie Brot und Wein ohne Glauben etwas sind, so wenig ist die Begegnung mit Jesus allein etwas Besonderes. Ich muss spüren, erleben, dass da Einer ist, der mir entgegenkommt, der sich Zeit nimmt für mich. Der Lahme ist vielleicht so sehr am Ende, dass es ihm leichter fällt, den Strohhalm zu ergreifen, der sich ihm anbietet.

Der Lahme wird gesund. Aber nicht geheilt. Denn ihm droht neues Ungemach. Er wird zum Spielball des Konfliktes zwischen Jesus und den Ordnungsmächten. Er darf gesund werden und gesund sein, aber er darf am Festtag nicht Lasten tragen. Sein Bett, seine Matte, auf der ihn die Menschen 38 Jahre haben liegen lassen wird so zum Stein des Anstoßes.

Uns ist die Grundlage dieses Konfliktes relativ unvertraut.

Solche Tabus kennen wir heute nicht. Eher im Gegenteil. Jemand der sich wegen des Sonntags weigern würde irgendwo mit anzupacken würde verwunderte Blicke ernten und wäre Spott der Menschen.

Aber hier geht es auch nicht um Sabbat oder Sonntagsheiligung. Hier geht es um Jesus, der sich einem einzelnen Menschen zuwendet – und hier geht es um Kirchenführer, die Angst haben um ihre Macht, um ihre Autorität und darauf ganz scharf reagieren. Ob unsere KirchenführerInnen daraus gelernt haben?

Jesu Gegner fragen nicht nach dem Ergehen des Geheilten. Sie fragen nach der Erfüllung der Formpflicht. Es geht im Kern nicht zum den Streit Jesus-Juden, sondern um den uralten Prioritäten-Konflikt: Gibt es nicht Momente, da darf man Gesetze überschreiten, Regeln verletzen?

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